Das „Camp Brocken“ sollte ein Höhepunkt bei der Werbung von jungen Rekruten für das deutsche Militär werden. In der vergangenen Woche sagte die Bundeswehr das Camp jedoch ab. UZ sprach mit Sven George, Sprecher der Initiative „Brocken ohne Bundeswehr“ und Mitglied der DKP, über die Hintergründe.
UZ: Im Mai hätte auf dem Brocken – dem höchsten Berg des Harzes – ein „Karriere-Camp“ der Bundeswehr stattfinden sollen. Was war ursprünglich geplant?
Sven George: Die Bundeswehr wollte vom 15. bis zum 31. Mai mit 30 Soldaten den Brocken besetzen. Dafür sollte ein temporäres „Karrierecenter“ aufgebaut werden. Ganze Schulklassen sollten gratis mit der Schmalspurbahn auf den Berg gekarrt und damit vermutlich vorwiegend Minderjährige in die Arme des Militärs getrieben werden. Neben dem Camp sollten ursprünglich auch Hubschrauber und Flugzeuge zum Einsatz kommen. Es ging der Bundeswehr um eine ganz große Show – um ein deutliches Zeichen für die weitere Militarisierung der Gesellschaft. Dies konnte schon früh durch die Nationalparkverwaltung abgewehrt werden.
UZ: Was hat den Ausschlag zur Gründung von „Brocken ohne Bundeswehr“ gegeben?
Sven George: Die Initiative kam aus der Schulstreik-Bewegung im Harz, in der natürlich auch die SDAJ eine Rolle spielt. Über den Landesverband der SDAJ Niedersachsen wurde das Thema auch an die DKP herangetragen. Gerade unter dem Eindruck des ersten bundesweiten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht empfanden wir es als besonders widerlich, dass die Bundeswehr Minderjährige ihrer Kriegspropaganda aussetzen will – und dann auch noch an diesem symbolträchtigen Ort. Wir waren uns schnell einig, dass wir eine Rekrutierungswelle ohne Rücksicht auf Verluste zu erwarten haben, die wir nicht unwidersprochen lassen können. Der Brocken sollte die Bühne sein, auf der die Truppe sich selbst als attraktiven Arbeitgeber „in der Mitte der Gesellschaft“ und ihr mörderisches Kriegshandwerk als Outdoor-Abenteuer inszenieren wollte.

Um das Thema bekannter zu machen, haben wir einen kurzen Aufruf geschrieben und Unterstützer gesammelt. Parallel haben wir unsere Positionen über Social Media verbreitet. So ist es uns gelungen, einen breiten Kreis von unterstützenden Organisationen und Einzelpersonen zusammenzuführen: vom Bündnis „Nein zur Wehrpflicht Harz“, SDAJ und DKP Niedersachsen, den NaturFreunden Braunschweig, der Grünen Jugend Göttingen, dem DGB-Ortsverband Northeim, dem ver.di-Ortsverband Northeim bis hin zur Linksjugend Goslar und den Jusos Göttingen.
Mit diesen Unterstützerinnen und Unterstützern haben wir über mögliche Gegenproteste diskutiert. Ziel war es immer, das Camp durch Öffentlichkeitsarbeit und konkrete Aktionen zu verhindern, mindestens jedoch zu stören. Wir werden weiter im Blick behalten, ob sich die Bundeswehr einen Ausweichort organisiert.
UZ: Der Brocken und der Nationalpark Harz spielen eine wichtige Rolle in der Region – nicht nur für den Tourismus, sondern auch für den Umweltschutz. Welche Reaktionen gab es aus der Zivilgesellschaft?
Sven George: Schon sehr bald nach dem Bekanntwerden der Pläne der Bundeswehr hat eine Influencerin eine Petition gegen das Camp gestartet und in den sozialen Medien beworben. Diese Petition, die sich ausschließlich auf den Umweltaspekt konzentrierte, haben 14.500 Menschen unterschrieben. Ende Februar übergab die Initiatorin diese Unterschriften im Harzer Kreistag an den Landrat Thomas Balcerowski (CDU). Dieser hatte das Camp zunächst gegen die Kritik des Nationalparks durchgesetzt, ruderte anlässlich der Übergabe der Petition aber schon ein Stück zurück. Zumindest bestritt er nun, dass Hubschrauberflüge geplant gewesen seien.
Die große Resonanz auf die Petition hat gezeigt, dass Protestpotential gegen die Bundeswehr im Harz vorhanden ist. Unser Ansatz war dann einerseits, die Umweltbedenken aufzugreifen – zugleich wollten wir aber eine prinzipielle Ablehnung der Bundeswehrwerbung in den Mittelpunkt rücken. Außerdem wollten wir vor allem Organisationen für die Unterstützung unseres Aufrufs gewinnen. Die Petition der Influencerin hatte sich ausschließlich an Einzelpersonen gerichtet.
UZ: Nun wurde das Camp ohne genauere Angaben von Gründen abgesagt. Was vermutet ihr, was hinter der Entscheidung steckt?
Sven George: Wir sehen die Absage als ein wichtiges Zeichen dafür, dass ein Zurückdrängen der Bundeswehr aus dem öffentlichen Raum möglich ist. Wir gehen davon aus, dass die Bundeswehr es vermeiden möchte, sich in der Öffentlichkeit gegenüber breiten gesellschaftlichen Bündnissen für ihre Propaganda zu rechtfertigen.
Ein wichtiger Schritt bei der Formierung von Widerstand gegen das geplante Camp war das Zusammendenken von Umwelt- und Naturschutz mit Antimilitarismus. Die barbarische Bombardierung von Ölraffinerien durch Israel und die USA im Iran zeigt wieder einmal eindrücklich, dass Krieg der schlimmste Klimakiller ist.
Dass die Absage aus Kostengründen erfolgt ist, glauben wir nicht. Bei dem exorbitanten Werbebudget der Bundeswehr und dem anfangs geplanten Einsatz von Hubschraubern, Flugzeugen und Panzern auf dem Brocken scheint das wenig stichhaltig.
UZ: Der Landrat und die Stadt Wernigerode bedauern die Absage des Camps. Sie hatten darauf gehofft, dass ihnen hohe Summen erlassen werden, die sie der Bundeswehr für die Amtshilfe bei Waldbränden schulden. Sind die Kommunen im Harz erpressbar oder abhängig vom Militär?
Sven George: Eigentlich ist es bereits ein Skandal und Ausdruck der voranschreitenden Militarisierung, dass zivile Organisationen wie das Technische Hilfswerk oder die Feuerwehren keine Löschhubschrauber oder ‑flugzeuge besitzen. Die Kommune kann bei einem Brand wie im September 2024 nicht einfach zusehen und abwarten. Deswegen muss die Bundeswehr herangezogen werden, wenn der Wald brennt. Diese nutzt solche Gelegenheiten gerne, um sich in der Öffentlichkeit als Helfer zu präsentieren. Das lenkt zudem auch hervorragend von den rassistischen und sexistischen Skandalen in der Truppe ab. Für diese Amtshilfe zur Brandbekämpfung müssen die Kommunen dann auch noch erhebliche Summen bezahlen. Gerade weil die Kommunen über lange Zeit kaputtgespart wurden, während Unsummen in den Ausbau des Militärs gesteckt werden, kann man durchaus von Erpressbarkeit sprechen.
UZ: Welche Erfahrungen nehmt ihr aus diesem Erfolg mit, und wie geht es jetzt weiter?
Sven George: Zum Glück hat die Bundeswehr weiterhin starke Probleme, Kanonenfutter zu finden. Das heißt aber auch, dass sie vermehrt öffentlich rekrutieren wird. Für uns ist klar: Wer die Öffentlichkeit sucht, muss sie auch aushalten. Wir denken, dass es die gemeinsame Aufgabe von Friedens- und Umweltbewegung zusammen mit der Bewegung gegen die Wehrpflicht ist, Auftritte der Bundeswehr zu verhindern. Die Verschiedenheit unserer Beweggründe sehen wir dabei als eine Stärke und als Quelle für kreative und breite Protestaktionen. Als Initiative werden wir das weitere Agieren der Bundeswehr im Harz weiterhin sehr genau beobachten.









