Bei Rowohlt entdecken Magda Birkmann und Nicole Seifert Frauenromane des 20. Jahrhunderts wieder

Zweierlei Prokura

Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, mit der der Rowohlt-Verlag seine Reihe „rororo Entdeckungen“ begründet: Autorinnen wurden und werden weniger rezensiert, seltener in Literaturgeschichten und Kanons aufgenommen, schneller ausgemustert, seltener neu aufgelegt und von schicken Gesamtausgaben können sie in der Regel nur träumen. Autorinnen werden dem Vergessen anheimgegeben. Doch, so finden der Verlag und die beiden Herausgeberinnen Magda Birkmann und Nicole Seifert, das birgt in sich auch eine gute Nachricht: Es gibt sehr, sehr viele Autorinnen, die man wiederentdecken kann.

Und Birkmann und Seifert haben Autorinnen und ihre Romane entdeckt, die es in sich haben. Zu den im vergangenen Jahr erschienen ersten drei Romanen gehörte mit Louise Meriwethers Debütroman „Eine Tochter Harlems“ (siehe UZ vom 16. Februar) eine eindringliche Beschreibung über Unterdrückung, Rassismus und Sexismus, die auch für heutige Zeiten Denkansätze dazu geben kann, was das eine mit dem anderen zu tun hat, wie es sich bedingt und braucht. Ein Hinweis darauf, dass sich Meriwethers Roman in einer Reihe von Frauenbüchern in guter Gesellschaft befindet, passte leider nicht mehr mit in die Rezension, mea culpa. Doch zumindest auf einen weiteren Roman der Reihe will ich an dieser Stelle noch hinweisen. Genauso wie Meriwethers „Eine Tochter Harlems“ ist er von großer Aktualität, obwohl er aus den 1930er Jahren stammt.

Christa Anita Brücks „Ein Mädchen mit Prokura“ ist von Sprache, Duktus und Stil ein „typischer“ Roman seiner Zeit. Dem Inhalt nach ist er es nicht. Denn für die Protagonistin Thea Iken gibt es nicht das typische „Happy End“ im Ehehafen, keine Kinder, Küche, Kirche. Zwar trägt das auch Züge eines Kriminalromans – ein Kapitalverbrechen möchte aufgeklärt werden, auch wenn der feiste Frauenfeind auf der Richterbank sein Urteil schon gefällt zu haben scheint –, doch liegt der Fokus nicht auf den Ermittlungen.

Vielmehr geht es um die Situationsbeschreibung einer Frau im Arbeitsleben (in diesem Fall im ehrenwerten Bankhaus Brüggemann) und die Steine, die ihr in den Weg gelegt werden. Von missgünstigen Kollegen, gesellschaftlichen Gepflogenheiten und der allgemeinen Vermutung, Iken habe sich „hochgeschlafen“. Denn Iken ist keine einfache Stenotypistin mehr, sie hat – im Gegensatz zu den männlichen Kollegen – Prokura. Und das ist ziemlich unerhört.

Auf der anderen Seite ist der Roman eine erschreckend aktuelle Beschreibung einer Bankenkrise. Eigentliches Vermögen existiert kaum, eine Bank gibt der nächsten Kredite und wenn ein Dominostein fällt, wackeln auch alle anderen. Den Angestellten des Bankhauses Brüggemann steht der Angstschweiß auf der Stirn, wenn Nachrichten aus anderen Banken kommen: Wehe, eine schließt, denn bei einem Bankenrun wäre auch Brüggemann nicht in der Lage, die Ersparnisse der Kunden auszuzahlen.

Über allem und allen schwebt als Damoklesschwert die Mischung aus Inflation und Massenarbeitslosigkeit: „Losheulen könnte man. Aufbrüllen könnte man. Ein Dreck, diese ganze Existenz.“ Aber es begehrt keiner auf, der Kopf wird eingezogen, vielleicht trifft die Entlassung eher einen anderen und man kann die kleinen Freuden des Lebens (ein Ruderboot für den jüngsten Bankangestellten zum Beispiel) doch noch abbezahlen. Wer den Kopf verliert, gilt als verrückt und hat seine Kündigung so gut wie sicher. Denn auch für die halbwegs gut verdienenden Bankangestellten geht es schon lange nicht mehr um die Freuden im Leben, sondern um „das Niedrigste, das Primitivste, die Sorge für die Wohnung, das bisschen Essen und Trinken, zu mehr langt es ja doch nicht, es ist zum Götzen erhoben, zum einzigen Abgott, um den man kriecht und winselt und sich gemein macht“.

In dieser Gemengelage macht ausgerechnet eine Frau Karriere – „dabei gibt es doch Männer, die Familien zu versorgen haben!“ schwingt in jeder Beobachtung ihrer Tätigkeit mit. Doch Thea Iken ist für das Bankhaus und seinen Chef unentbehrlich, ihre kluge, zurückhaltend-kühle und gleichzeitig forsche Art verhindert oft Schlimmeres, doch mehren sich im Laufe des Romans die Feuer, die sie zu löschen hat. Die männerdominierte Welt, in der sie mit Ehrgeiz nach Erfolg strebt, gerät immer mehr ins Wanken.

Spielt der Titel „Das Mädchen mit Prokura“ noch auf den spöttischen Blick der Männer auf eine erwachsenen Frau im Erwerbsleben an, wird bei der Lektüre deutlich, dass Thea Iken auf zweierlei Art Prokura hat: nicht nur über die Bank, sondern über ihr eigenes Leben. Diese Prokura nutzt sie nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, jedoch lässt sie sich in keiner Situation eine Entscheidung aufzwingen.

„Ein Mädchen mit Prokura“ ist eine lesenswerte Wiederentdeckung mit einem erschreckend aktuellen Blick auf Bankenkrise, Inflation und Massenarbeitslosigkeit.

Die nächsten drei Bände der Reihe „rororo Entdeckungen“ erscheinen am 14. Mai.


Christa Anita Brück
Ein Mädchen mit Prokura
Rowohlt Verlag, 254 Seiten, 15 Euro


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Zweierlei Prokura", UZ vom 12. April 2024



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