Max Annas’ Roman „Berlin, Siegesallee“ erzählt einen antirassistischen Krimi

Kaiser tot, alles gut?

Florentine ist gelangweilt. Ihre Kaffeekränzchen und Musizierstunden mit den Freundinnen werden immer öder. Eine nach der anderen denkt übers Heiraten nach, obwohl sie sich doch eigentlich den Frauenrechten verschrieben haben. Aber was soll man machen? Es sind die frühen 10er Jahre des 20. Jahrhunderts und das einzige, worauf Florentine und ihre Freundinnen aus reichem Hause hoffen können, ist, nicht gegen ihren Willen an eine gute Partie vergeben zu werden. Dabei wollte doch zumindest Florentine eigentlich die Verhältnisse ändern und so sein wie ihre kämpferischen Vorbilder, die Suffragetten.

Zeitgleich erleben Friedrich Smith, ein im Deutschen Reich geborener Sohn eines schwarzen US-Amerikaners, Joseph Ayang, Sohn eines Kameruner Kolonialbeamten, und Ernst, der eigentlich anders heißt und von seinem „Herrn“ aus Deutsch-Südwest mitgebracht wurde, in Berlin tagtäglich Rassismus. Auf einer Gartenparty kreuzen sich die Wege der Vier.

Auf einmal erfährt Florentine von den Verbrechen in den Kolonien, die sie nur als höhere Tochter und staunender Gast besucht hat. Und sie bemerkt, dass die drei jungen Männer etwas ausgeheckt haben. Die Drei wollen Rache nehmen, also töten sie deutsche Soldaten. Erst einen, dann zwei, doch nichts passiert. Ihre Rache bleibt unbemerkt. Zusammen mit Florentine fassen die Drei einen Plan, der das Reich erschüttern und die deutsche Herrschaft in den Kolonien beenden soll: Der Kaiser soll sterben.

Max Annas hat mit „Berlin, Siegesallee“ einen Roman geschrieben, der einerseits blutig und andererseits nüchtern ist. Die verschiedenen Formen des Rassismus, dem die drei jungen Männer ausgesetzt sind, beschreibt Annas fast mit zu viel Abstand, nur in wenigen Szenen – etwa, wenn Joseph Ayang beobachtet, wie Friedrich Smith nicht von einem Omnibus mitgenommen wird und die Beleidigung stumm, aber schwer getroffen erduldet – wird ein Blick in die Gefühlswelt der Betroffenen offenbar. Das Tempo des Romans passt sich dabei den Notwendigkeiten der Zeit an; viel Zeit geht dadurch verloren, dass sich die Vier nicht in Ruhe besprechen können. Drei junge schwarze Männer sind in Berlin 1914 schon verdächtig genug, eine junge weiße Frau dabei – unmöglich, die Zeugenaussagen bei der Polizei kann man sich vorstellen. Und so schreitet der Roman langsam von den Verletzungen durch den Alltagsrassismus über den Zorn über die Verbrechen in den Kolonien bis zum Plan, den Kaiser zu ermorden. Wohlgeplant erscheinen die Morde der Vier aber an keiner Stelle. Unterbrochen wird die Handlung zudem immer wieder von Briefen Joseph Ayangs, in den 1930er Jahren an Florentines Bruder geschrieben – ein Hinweis einerseits, dass alle Vier ihre Mordpläne überleben werden –, und andererseits immer mit dem Hinweis auf das versehen, was sie verschuldet haben.

Annas Figurenzeichnung gerät teilweise holprig, erinnert an andere Klischeebilder von den „kleinen Träumen“, die den Menschen in einer früheren Epoche so angedichtet werden, wenn heute über sie geschrieben wird.

Am besten gelingt ihm noch die Charakterisierung Florentines. Bei einem ihrer Musiziertreffen verkündet eine Freundin, heiraten zu wollen. Florentine ist entsetzt und prophezeit der Freundin, dass sie diese Entscheidung bereuen wird, ihre noch radikalere Freundin Emilie verlässt das Treffen. Beide sehen herab auf die junge Frau, die sich in ihr Schicksal fügt und freiwillig heiratet. „Vom Bedürfnis gequält, etwas zu tun, irgend etwas, verließ Florentine den Salon. Sie würde sich erst einmal von Gerlinde in der Küche einen Kaffee machen lassen.“ Frauenrechte müssen also her, aber doch bitte nur für die obere Klasse. Die Gerlindes dieser Welt sollen auch in Zukunft noch schön den Kaffee machen, damit die befreite Florentine das nicht selbst machen muss. So thematisiert der Roman Frauenrechte, Antirassismus und Antikolonialismus und zeigt – in kleinen Nebensätzen wie dem über den Kaffee –, dass sich dafür einzusetzen noch lange nicht bedeuten muss, die Freiheit aller zu wollen. Und so bleiben Menschen wie Gerlinde Spielbälle für Florentine. Bis zum bitteren Ende. Böswillig ist sie dabei nie. Nur gedankenlos. Gerlinde ist ja nur ein Dienstmädchen.


Max Annas
Berlin, Siegesallee
Rowohlt, 288 Seiten, 22 Euro


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Kaiser tot, alles gut?", UZ vom 26. April 2024



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