Zum 125. Geburtstag von Hans Grundig

Zwischen Karneval und Aschermittwoch

Helmut Manz

Zwischen Karneval und Aschermittwoch vor 125 Jahren – in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 1901 – kam Hans Grundig in Dresden zur Welt. Der Karnevalsdienstag wurde sein amtlicher Geburtstag. „Dem Aschermittwoch entging ich trotzdem nicht.“, kommentierte der vom KZ – und von sich selbst als Eulenspiegel – Gezeichnete.

Hans Grundigs traumhaft-verträumte Kindheit wurde von der Schule empfindlich gestört. Der sächselnde Junge haderte vor allem mit der hochdeutschen „Orthografie“. Es setzte Nachsitzen und „Dresche“. Wer hätte gedacht, dass aus ihm einmal ein deutscher Literaturpreisträger werden würde?

Mit 14 Jahren nahm der Vater „den Träumer“ zu sich in die Lehre als Dekorationsmaler. Hans Grundig schloss sie nach dem ersten Weltkrieg ab und wurde vom Vater übernommen. Er hatte seine Ausbildung, Arbeit und die „brotlose Kunst“, die er nach Feierabend unermüdlich zu Papier brachte. 1920 wurde er mit seiner Mappe an der Kunstgewerbeschule angenommen. 1922 durfte er auf die Akademie der Bildenden Künste wechseln. Er hatte geschafft, woran Hitler gescheitert war.

Dresden war neben Berlin und München die Kunstmetropole der Deutschen Reichs – und die Geburtsstadt der von den Nazis verteufelten „entarteten Kunst“. Hier hatte sich am 7. Juni 1905 die Künstlergruppe „Die Brücke“ gegründet. Ihr Thema war die Entfremdung des Menschen und der Natur in der kapitalistischen Gegenwart. Ihre „expressionistische“ Kunst sollte diese Entfremdung sichtbar machen und Perspektiven zu ihrer Überwindung aufzeigen. Sie wagte den brutalen Bruch mit den veralteten und verlogenen Schönheitsidealen. Die kulturelle Wirkung dieses ästhetischen Dammbruchs ist kaum zu überschätzen. Er setzte eine Flut von neuen Kunstrichtungen frei, die unter dem Namen „moderne Kunst“ gefeiert und angefeindet wurden – bis zum „Aschermittwoch“ des „Dritten Reichs“

1937 wurde die aus dem öffentlichen Raum verbannte moderne Kunst noch einmal vorgeführt: in einer sogenannten „Schandausstellung“ mit dem Titel „Entartete Kunst‘“. In dieser meistbesuchten Ausstellung des „Dritten Reichs“ war auch Hans Grundig vertreten mit dem – danach vernichteten – Gemälde „Mutter mit Kindern“. Der Katalog zeigt es unter der warnenden Überschrift: „,Kunst‘ predigt Klassenkampf!“ Auf diese Warnung konnte der 1926 der KPD beigetretene Kommunist Hans Grundig stolz sein.

Grundigs „entartetes“ Bild zeigt ein Lieblingsmotiv der faschistischen „Deutschen Kunst“: eine deutsche Mutter – aber ungeschönt, ohne jeglichen Anflug von „Tradwife-Ästhetik“. Grundigs „Mutter“ ist eine von Hunger und Elend ausgezehrte vorzeitig gealterte Proletarierin. Grundigs Darstellung ist ungeschönt, aber keineswegs herabwürdigend. Seine „Mutter“ ist eine vom Elend gebeugte, aber nicht gebrochene, bewundernswert starke Frau. Sie gibt dem kleinen Sohn, der sich auf ihrem Arm vertrauensselig an sie schmiegt, allen Halt der Welt. Sie strahlt in ihrem Elend Würde aus. Hans Grundig konnte Würde malen.

0711Bundesarchiv Bild 183 54074 0003 Heinrich Mann Preis an Grundig Jobst Schuder - Zwischen Karneval und Aschermittwoch - „Entartete Kunst‘“, Hans Grundig, Kommunist, Künstler für den Frieden, Literatur, Preisverleihung - Kultur
Die Preisträger bei der Verleihung des „Heinrich-Mann-Preises“ (v.r.n.l.): Prof. Hans Grundig, Herbert Jobst und Rosemarie Schuder (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-54074-0003 / Weiß, Günter / CC BY-SA 3.0 / Bearb.: UZ)

Die unverkennbare Empathie des Künstlers mit der abgebildeten Mutter durchkreuzt das Konzept der „Schandausstellung“. Denn Grundig prangert mit seinem „schändlichen Anblick“ der deutschen Mutter ganz offensichtlich nicht die Mutter, sondern die Armut an. Diesen entscheidenden Unterschied unterstreicht er mit der am unteren Bildrand platzierten Tochter. Ihr Antlitz ist noch unversehrt. Wie die Mutter blickt sie den Betrachter mit großen sorgenvollen Augen an. Ihre Augen fragen: „Soll ich eine Mutter wie Mutter werden?“ Das dürfte sich auch die eine oder andere Besucherin der „Schandausstellung“ gefragt haben.

Für Grundig waren die Anfeindungen der Nazis pure Bestätigung. Vernichtend gemeinte Urteile wie „bolschewistisch“ oder „jüdisch“ fasste er keineswegs negativ auf. Sie bestärkten ihn nur in seiner kommunistischen Überzeugung. Der Liebe zu seiner jüdischen Frau Lea konnten sie ohnehin nichts anhaben. Grundig gehörte nicht zu den „entarteten“ Künstlern, die sich von den Nazis „verkannt“ fühlten. Eher schon verkannt fühlte er sich von den Kritikern der Weimarer Republik, die ihn – halb anerkennend – einen „Dixisten“ nannten.

Grundig bestritt nie, dass der zehn Jahre ältere Otto Dix, den er auch persönlich kannte, ein großes Vorbild für ihn war. Dix war für Grundig in den zwanziger Jahren geradezu stilprägend. Die stilistische Ähnlichkeit lässt leicht verkennen, dass Grundig seinem Vorbild nicht nur nacheiferte. Er entfernte sich zunehmend von ihm bis zum bewussten Bruch. In den 30er Jahren entwickelte er sich dann sogar vom eigenständigen zum ebenbürtigen Künstler.

Von dieser Ebenbürtigkeit mit dem nach wie vor viel berühmteren Otto Dix kann sich heute im Albertinum in Dresden jede und jeder mit eigenen Augen überzeugen. Dort sind die Hauptwerke der beiden Künstler in ein und demselben Raum ausgestellt: „Der Krieg“ von Otto Dix und „Das Tausendjährige Reich“ von Hans Grundig. Hans Grundig hätte die Gegenüberstellung gefallen. Er hatte „Der Krieg“ in Dix‘ Atelier gesehen und war überwältigt. An diesem Werk hatte Grundig – trotz aller damals bereits bestehenden Differenzen – nicht das geringste auszusetzen. Ihn überzeugte der Rückgriff auf das mittelalterliche Altarformat und die altmeisterliche Technik, um die moderne Hölle, das Weltkriegsschlachtfeld, in Szene zu setzen. Den wahren Alptraum, den „Der Krieg“ vor Augen führt, hatte Dix vier Jahre lang an vorderster Front erlebt. Mit seinem Werk wollte er die wieder um sich greifende Kriegsverherrlichung im Keim ersticken. Den eindeutig politisch-antimilitaristischen Zweck, den Dix mit diesem Werk verfolgte, teilte Grundig voll und ganz.

Grundigs Eben-Bild „Das Tausendjährige Reich“ ist unverkennbar von Dix‘ Vorbild inspiriert. Es führt ebenfalls einen wahren Alptraum vor Augen im mittelalterlichen Altarformat in altmeisterlicher Lasurtechnik. Die Mitteltafel zeigt wie „Der Krieg“ Grundigs apokalyptische Vision des modernen Kriegs. Wer dieses Inferno-Bild betrachtet, muss meinen, ein Überlebender der Bombardierung Dresdens hätte seine traumatischen Erlebnisse auf den Bildgrund gebannt. Grundigs Bild führt die Hölle des zweiten Weltkriegs ebenso traumatisch-realistisch vor Augen wie Dix‘ Bild die Hölle des ersten. Dix hatte seine Hölle mit eigenen Augen gesehen. Grundigs Hölle ist – unglaublich aber wahr – das Produkt purer Einbildungskraft. Als Grundig seine „Vision einer brennenden Stadt“ malte, stand Dresden noch. Hitler beteuerte noch unablässig seinen Friedenswillen. Die Bomber, die Guernica zerstörten, waren noch nicht gebaut. Aber Hans Grundig „sah“ die brennende Stadt so klar und deutlich vor sich, dass er sie malen konnte. Ihre erste Version vollendete er – sage und schreibe –1935. Die zweite – im Tryptichon zu sehende – ist von 1936.

„Das Tausendjährige Reich“ ist ein Epochenbild, das nicht weniger als die gesamte – für Grundig nur allzu gegenwärtige – Geschichte des deutschen Faschismus als einen ebenso närrischen wie tödlichen Albtraum darstellt, aus dem es vielleicht kein Erwachen gibt. Der zuletzt – 1938 – fertig gestellte Teil, die unter dem Mittelteil angebrachte Predella, lässt den Ausgang offen. Auf ihm sind „die Schlafenden“ zu sehen, die auch tot sein könnten. „Die Schlafenden“ sind Grundigs damals inhaftierte und in Lebensgefahr schwebende Frau Lea und er selbst. Über ihnen tobt der wahre Alptraum des „Tausendjährigen Reichs“. Er beginnt auf der linken 1935 gemalten Tafel mit dem Titel „Karneval“. Dieser Karneval eskaliert auf der rechten Bildtafel zum lebensgefährlichen „Chaos“. Das so auf der linken und der rechten Seitentafel vorgeführte „närrische Treiben“ des „Tausendjährigen Reichs“ endet im „Aschermittwoch“ des totalen Kriegs – der im Mittelteil dargestellten „Vision einer brennenden Stadt“.

1940 wurden für Hans Grundig alle Alpträume Wirklichkeit. Er kam ins KZ Sachsenhausen. Über mehr als vier Jahre überlebte und erlebte er die Hölle. In dieser Zeit träumte „der Träumer“ nicht. Er konnte und musste alles mit eigenen Augen sehen. Auch einen KZ-„Karneval“:

„Da aber, o Wunder, kam eine fröhliche Narrenkapelle, hohe Papiertüten auf dem Kopf, in bunten Kleidern. Mit Schellen, Triangeln, Pauken und Trompeten machten sie eine ‚lustige‘ Marschmusik. Vorn ging einer, der trug ein großes bemaltes Schild, auf dem zu lesen stand: ‚Ätsch, wir sind wieder da!‘ Da waren sie wieder, die Geflohenen, wie bitterleid taten sie uns. Wir, die wir ihnen erst geflucht hatten, da sie so leichtfertig, ohne Rücksicht auf uns, davonliefen, jetzt hätten wir gern gesehen, dass es ihnen geglückt wäre. Doch sie waren da. Ein Wagen fuhr ein, darauf standen sie, sich umarmend, der eine das Haupt auf den Schultern des anderen, uns den Rücken zeigend. Und die Kapelle spielte: ‚Wenn i komm, wenn i komm, wenn i wieder, wiederkomm…‘ Die Schellen lärmten, die Triangel klitterten, die Trompeten schmetterten: ‚Wenn i wieder, wiederkomm, dann bleibe ich bei dir.‘ So blieben sie denn bei uns. In der Mitte der Lagerstraße wurden sie aufgefahren. Durch und durch waren sie geschossen, eine ganze Maschinengewehrgarbe hatte ihre Rücken zerfleischt. Blutigrot schrien die Male zum Himmel, doch kein Blitzstrahl fuhr herab, die verfluchten Mörder zu strafen.“

Diese Karnevalsdarstellung ist ein Auszug aus Hans Grundigs Autobiografie. Sie hat ein Happy End: Das Wiedersehen mit seiner Frau Lea, die 1940 noch freigekauft werden und nach Palästina entkommen konnte. Mit ihrer Rückkehr 1949 war Hans Grundigs Alptraum des „Tausendjährigen Reichs“ endgültig vorbei.

Bildende Kunst war für Hans Grundig auch erzählende Kunst. Als ihn seine fortschreitende Lungenkrankheit zu immer längeren Malpausen zwang, griff er zur Zeichen- und Schreibfeder. 1956 vollendete er seine Autobiografie. Die Lebensgeschichte des Künstlers und Lebenskünstlers ist selbst ein Kunstwerk. Für sie wurde Hans Grundig 1958 noch zu Lebzeiten mit dem Heinrich-Mann-Preis für Literatur ausgezeichnet. Das preisgekrönte Lebens-Werk trägt den Titel: „Zwischen Karneval und Aschermittwoch“.

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"Zwischen Karneval und Aschermittwoch", UZ vom 13. Februar 2026



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