Kolonialismus und antikolonialistischer Widerstand in Lateinamerika

Bedingte Selbstbefreiung

Die Fragen nach Kolonialismus, Neokolonialismus, nach antikolonialen Befreiungsbewegungen, der nationalen Frage und der nach dem Verhältnis von Antikolonialismus und Antiimperialismus sind für Kommunisten entscheidende. Mit der Serie „Antikolonialismus gestern und heute“ wird UZ diesen Fragen nachgehen. Zuletzt schrieb dazu Jörg Kronauer in UZ vom 27. Februar.

Die Ureinwohner Amerikas machten Ende des 15. Jahrhunderts zwischen siebzig und achtzig Millionen Menschen aus; bis zu 90 Prozent davon sollen im späteren Lateinamerika gelebt haben, das bis zum US-Angriff auf Mexiko 1846/1848 noch bis in weite Teile der heutigen USA reichte. Nordamerika war deutlich dünner besiedelt, was gegen die Jahrhunderte alte These spricht, die Besiedlung vor 13.000 bis 30.000 Jahren sei allein über die Beringstraße, also von Asien aus über Nordamerika, vonstatten gegangen. Man geht heute verstärkt von einer differenzierten Besiedlung aus Asien, Europa und Polynesien aus.

In den Jahrzehnten nach der Eroberung der Karibik ab 1492 durch Spanien wurde der britische, französische, spanische, niederländische und portugiesische Kolonialismus in Nord-, Mittel- und Südamerika von vielen indigenen Völkern von Beginn an bekämpft; im Süden Chiles endete der kontinuierliche Widerstand der Mapuche erst im 19. Jahrhundert. Dass die spanischen Eroberer (neben Portugal die Hauptkraft bei der Unterwerfung des Kontinents) mit wenigen Tausend bewaffneten Aggressoren dennoch Stück für Stück eine riesige Landmasse mit Dutzenden Millionen Menschen einnehmen konnten, lag an der erfolgreichen Strategie, sich mit den einen Völkern gegen die anderen zu verbünden. Vormalige Erfahrungen von Indigenen mit „inneren“, also lokalen Eroberern wie den Inka einerseits und andererseits die Tatsache, sich untereinander meist ebenso wenig zu kennen wie die einfallenden Europäer, spielten dem in die Hände. An eine gemeinsame Abwehr war demnach nicht zu denken, hinzu kamen eingeschleppte infektiöse Krankheiten, an denen Millionen starben. In den Tieflandregionen des Kontinents überlebten nur wenige Menschen den Genozid, während bis heute in den Bergregionen (hauptsächlich in Bolivien, Ecuador, Peru und Kolumbien) Nachfahren der Ureinwohner noch die Mehrheit stellen.

Im Wesentlichen war die koloniale Herrschaft, abgesehen vom undurchdringlichen, aber gering besiedelten und damals wirtschaftlich uninteressanten Amazonas-Gebiet und kleinerer Zonen, im 17. und 18. Jahrhundert militärisch und politisch abgesichert. Immer mehr Europäer, vorwiegend aus Spanien und Portugal, aber auch aus Staaten wie Deutschland oder Italien, die nicht direkt an der Kolonisierung beteiligt waren, siedelten nach Lateinamerika über. Als Lateinamerika werden nur die spanisch- und portugiesischsprachigen Länder bezeichnet, nicht aber die niederländischen, französischen und britischen Besatzungszonen in Mittel- und Südamerika und der Karibik.

Während Portugal das heutige Brasilien besetzte, gingen mit Ausnahme der kleineren karibischen Inseln und von Gebieten der karibischen Landmasse (Belize, Teile Nicaraguas, Surinam, Guyana und Französisch-Guayana, das zunächst bis 1801 zu Brasilien gehörte) alle Gebiete von Mexiko bis Feuerland an die Spanische Krone. Sie errichtete „Virreinatos“ (Vizekönigreiche) und „Capitanías“ (Verwaltungseinheiten der Vizekönigreiche), beutete die Einheimischen in Bergwerken aus und hinterließ brauchbare Infrastruktur meist nur, um Gold, Silber oder Zinn effektiv zu den Häfen schaffen lassen zu können. Untereinander wurden die Gebiete kaum verbunden.

Für die Criollos, schon in Amerika geborene und mit der fernen Madrider Herrschaft innerlich längst nicht mehr verwandte Spanier, stellte sich mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Frage nach dem Sinn der regelmäßigen Abtretung der immensen Reichtümer des Gebiets an die Krone. Der Feudalismus passte politisch nicht mehr, nachdem die Englische und die Französische Revolution im 17. und 18. Jahrhundert ihre Völker bereits in eine neue Zeit geführt hatten. Der erfolgreiche Sklavenaufstand gegen die französische Besatzung in Haiti unter Toussaint Louverture 1804 war Vorläufer und Fanal für kontinentweite Aufstände. Von Kuba und Puerto Rico abgesehen wurde das gesamte, dreihundert Jahre lang spanisch besetzte Territorium zwischen 1810 und 1830 zu Republiken. Vergleichsweise wenige Schlachten, wie die von Pichincha, Ayacucho und Boyacá mit beiderseits gerade fünftausend bis sechstausend Soldaten, reichten den Anhängern von Simón Bolívar aus, um das königstreue Heer am Ende auf einem Gebiet von Panama bis Bolivien zu besiegen. Er und José de San Martín, dessen Truppen parallel dazu erfolgreich in den südlichen Teilen Südamerikas kämpften, wurden die bekanntesten „Libertadores“ – Befreier, die in einem Kampf von Spaniern gegen Spanier in erster Linie sich selbst befreiten und dergestalt eigene Inte­ressen bedienten. So ist es nicht erstaunlich, dass ihre republikanisch motivierte Popularität innerhalb der eigenen Ethnie ungleich höher war (und ist) als bei den rechtmäßigen Eigentümern des Kontinents. In der Tat nahmen Indigene nur wenig an den Befreiungskämpfen teil; in einigen Gegenden wurden sie gar zur Verteidigung der spanischen Herrschaft missbraucht. Wenngleich sie objektiv später zu den relativen Gewinnern gehörten, weil Leibeigenschaft abgeschafft und oft auch Landreformen gemacht wurden, sind sie bis heute Menschen zweiter Klasse geblieben und vertrauen deshalb in der Regel auch linken Politikansätzen wenig. Sie konnten keine guten Erfahrungen damit machen – just im Land des weitestreichenden Versuchs von Gleichheit (Kuba) waren die Indigenen längst ausgerottet – oder die gemachten Versuche (Bolivien nach dem Sturz von Evo Morales) erwiesen sich aufgrund verschiedener Faktoren als dramatische Fehlschläge. Es ist anzunehmen, dass ein neuer indigener Aufbruch nach den Aufständen der letzten Jahrzehnte vor allem in Ecuador und Bolivien nun eine Weile auf sich warten lassen werden.

In Nordamerika waren 1776 die USA ausgerufen worden, was sich alsbald für die Spanische Krone als Bedrohung der Dominanz im eigenen Gebiet herausstellte und gleichzeitig von den internen Herausforderern Madrids als Chance begriffen werden konnte. Simón Bolívar lancierte 1815 den „Brief von Jamaica“, in dem er die Vision eines vereinten Lateinamerika beschwor. Nach den militärischen Siegen und der Gründung von Großkolumbien 1821, den Republikgründungen in Chile, Mexiko und Peru 1822, seinem historischen Zusammentreffen mit San Martín in Guayaquil 1822 sowie der Ausrufung der Konföderation Zentralamerika 1823 (aus Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica) war die Monroe-Doktrin vom Dezember 1823 mit ihrem Slogan „Amerika den Amerikanern!“ von Bolívar noch begrüßt worden, denn die Ausrichtung der US-Politik bedeutete damit vor allem die Zurückweisung jeglicher Inte­ressen europäischer Mächte in der amerikanischen Hemisphäre. Daran musste auch den jungen Republiken gelegen sein.

1824 lud Simón Bolívar mit dem Ziel einer Konföderation mit gemeinsamer Außenpolitik, gemeinsamem Militär und formaler Gleichheit der Mitglieder zum „Kongress von Panama“ ein, der schließlich 1826 stattfand. „Hochperu“, das nach seinem Befreier fortan Bolivien hieß, war 1825 unabhängig geworden, aber die „Vereinten Provinzen des Río de la Plata“ (später Argentinien und Uruguay) hatten sich da schon gegen eine Union mit Großkolumbien entschieden; auch Chile sandte keine Delegation nach Panama. Bolívars innenpolitischer Gegenspieler in Kolumbien, Francisco de Paula Santander, hintertrieb den Kongress und dessen Ziel eines lateinamerikanischen Staats zugunsten der USA. Bolívar scheiterte in Panama, sein Einfluss schwand in der Folge und nach seinem Tod 1830 war die Vision eines vereinten Lateinamerika für lange Zeit passé. Eine Konföderation oder gar ein einheitlicher Staat von Mexiko bis Bolivien wäre ein inneramerikanisches, in Größe und Ressourcen mindestens gleichwertiges Gegengewicht gewesen, das den USA nicht passen konnte.

Brasilien blieb bei alldem außen vor; es wurde zwischen 1822 und 1825 formal unabhängig von Portugal, jedoch weniger aus republikanischer Motivation portugiesischer Einwanderer, sondern aus außenpolitischen Gründen, nachdem Frankreich 1807 Portugal besetzt hatte. Erst 1889 entkam Brasilien dem Status eines Kaiserreichs und wurde Republik.

Bolívar hatte sich gegen Spanien die politische und finanzielle Unterstützung Großbritanniens gesichert, das zu der Zeit Gegenspieler der prospanischen, monarchistischen „Heiligen Allianz“ war, mit der sich die Briten um die Vorherrschaft in Europa stritten. So kamen die neuen Republiken, wie schon zuvor Haiti, zu einer nominellen Freiheit, die aber mit einer anhaltenden Schuldenabhängigkeit erkauft war, deren Zinseszinsen die Staaten noch heute abbezahlen. Dieser Geburtsfehler bewirkte, dass Britannien für ein Jahrhundert die faktische Vorherrschaft übernahm, die nach dem US-amerikanisch/spanischen Krieg um Kuba und Puerto Rico im 20. Jahrhundert von der einer größeren Macht abgelöst wurde: Die der Vereinigten Staaten von Amerika.

1904 hatte Präsident Roosevelt einen offen imperialistischen Zusatz in die Monroe-Doktrin gesetzt, nach dem die USA sich militärische Einmischung in lateinamerikanischen Staaten vorbehielten. Nach der unterschiedlich ausgestalteten Übernahme Kubas und Puerto Ricos 1902 standen vorwiegend Interventionen in Zentralamerika an der Tagesordnung; so des Öfteren in Nicaragua, das unter Führung von Augusto Sandino den intensivsten explizit antikolonialen Kampf in der Region führte. Auch auf Kuba hatte der ab 1953 militärisch geführte Widerstand gegen das Batista-Regime objektiv antikolonialen Charakter, während er im seit 1917 an die USA „assoziierten“, bis heute kolonialisierten Puerto Rico sich bis in die Aktualität mit Referenden und Eingaben beim Entkolonialisierungsausschuss der Vereinten Nationen seinen politischen Weg sucht. „Technisch entkolonialisiert“ wurden im Rahmen der diesbezüglichen weltweiten Prozesse Britisch-Honduras (1981, heute Belize), Britisch-Guayana (1966, heute Guyana) und Niederländisch-Guayana (1975, heute Surinam). Die letzten Kolonien Amerikas sind neben Puerto Rico bis heute Französisch-Guayana, Grönland und diverse Antilleninseln, die von Frankreich bzw den Niederlanden gehalten werden.

Porfirio Díaz, zwischen 1876 und 1911 neunmal Präsident Mexikos, sagte einst: „Armes Mexiko – so fern von Gott und so nah an den USA“. Offenbar hat die Ferne das Land trotzdem zu einem massiv christlichen gemacht und die Nähe zu einem, das lange auf der richtigen Seite der Geschichte stand. Den US-amerikanischen neokolonialen Bestrebungen hat Mexiko erst mit dem TLCAN nachgegeben; die Präsidentin Claudia Sheinbaum zeigt jetzt in Sachen Kuba, dass sie im Rahmen der Möglichkeiten zu alten Verhältnissen zurückzukehren gedenkt – sowohl gegenüber dem revolutionären Kuba als auch mit Blick auf die Aufnahme verfolgter Revolutionäre aus dem ganzen Kontinent war das Land bis Anfang der 1980er Jahre solidarisch gewesen. Im 19. Jahrhundert war es allein Paraguay unter José Gaspar Rodríguez de Francia, das über Jahrzehnte mit autonomer Wirtschaft und Verhinderung einer Kompradorenbourgeoisie wirklichen Antikolonialismus betrieb, aber zwischen 1865 und 1870 von Brasilien und Argentinien – angestiftet von Britannien – massakriert wurde. So hat einzig Kuba als Staat den Schritt aus der neokolonialen Schulden- und Ressourcenexportabhängigkeit tun können, weil es mit der sozialistischen Revolution auch die lokale Bourgeoisie entmachtete, deren Inte­resse in der Geschichte Lateinamerikas oft die eines gegenseitigen Auskommens mit den imperialistischen Staaten und dabei meist mit den USA war. Die Versuche Chiles (1970 – 1973) und Nicaraguas (1979 – 1990) wurden vom US-Imperialismus gewaltsam beendet, in El Salvador und Guatemala noch auf Ebene der Bürgerkriege im Keim erstickt. Kolumbiens antikoloniale Bestrebungen unterschieden sich von allen anderen dadurch, dass sie schon früh auf einen sozialistischen Weg orientierten.

Das 21. Jahrhundert zeigte mit dem Auftreten Venezuelas unter Präsident Hugo Chávez erstmals nach Bolívar einen politischen Aufbruch für die lateinamerikanische Integration. Parallel entwickelte sich nach den 1930er und 1960er Jahren in den 2000er/2010er Jahren zum dritten Mal seit der Zurückdrängung Spaniens eine breitere Welle von Linksregierungen. Inzwischen hat die Rechte die Regierungen vieler Länder des Kontinents erobert, wobei bei den Wählenden innenpolitische Gründe wie Sicherheitsfragen und weniger eine Anlehnung an die USA eine Rolle spielten.

Aus dem Versuch, ein antineokolonialer Vorzeigekontinent zu werden, scheint heute ein semikoloniales Projekt geworden zu sein. Zuletzt haben sich die USA Militärbasen in Ecuador und Argentinien sichern können und Kuba kann derzeit leider nur indirekt, als Objekt eines möglichen regionalen Solidaritätsaufbegehrens, zum Fortschritt beitragen – was eine Option für einen Fokus wäre. Denn obwohl größere Bewegungen der Völker gegen die Rechtsentwicklung zurzeit nicht sichtbar sind, sind sowohl der Angriff auf Venezuela als auch die geplante Erdrosselung Kubas letztlich nicht Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche des imperialistischen Kolonialismus. Wenn auch eine lateinamerikanische Integration nicht auf der Tagesordnung steht, so lässt sich der weltweite Aufbruch zu einer multipolaren Ordnung nicht von einer künftigen Entwicklung auf dem lateinamerikanischen Halbkontinent trennen. Dessen lokale Rechte hat nicht mehr zu bieten als neoliberalen Ausverkauf auf wirtschaftlicher und intellektuellen Ausverkauf auf politischer Ebene.

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"Bedingte Selbstbefreiung", UZ vom 27. März 2026



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