Zum Wehrbericht 2025

Belogen in den Dreck

Henning Otte (CDU) hat nicht einfach irgendeinen Job. Otte ist Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages. Das ist ein Amt, „welches ich mit Dankbarkeit, Respekt und einer gesunden Portion Demut angenommen habe und es mit ganzer Kraft wahrnehme“. Mit derlei glitschig-pathetischer Selbstergriffenheit beginnt Ottes Wehrbericht für das Jahr 2025. Wer nicht ausrutscht und weiterliest, lernt interessante Dinge über die „Truppe“.

Der Wehrbeauftragte blickt stolz auf „das einstellungsstärkste Jahr seit der Aussetzung der Wehrpflicht“ zurück, muss aber zugleich Wasser in den Wein schütten. Auf die rund 25.000 neu eingestellten Soldatinnen und Soldaten kamen etwa 22.000 Abgänge. Viele hoffnungsvolle Rekruten verließen den Bund schon in den ersten sechs Monaten. Die Abbruchquote im freiwilligen Wehrdienst dürfte erneut zwischen 20 und 25 Prozent liegen. Es gibt also ein gewaltiges Gefälle zwischen denen, die zur Bundeswehr gehen, und denen, die da auch bleiben wollen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die sogenannten „Karrierecenter“ den Bewerbern oft das Blaue vom Himmel versprechen. Otte berichtet von Beschwerden über „Falschinformationen der Karriereberater bei der Bewerbung“. Besonders unglücklich beraten fühlen sich Wehrdienstleistende, denen „in den Karrierecentern der Bundeswehr oder sogar von Vorgesetzten vermittelt worden (sei), sie könnten die Bundeswehr jederzeit, auch nach Ablauf der Probezeit, verlassen“. Dass dem nicht so ist, merken viele erst, wenn es zu spät ist.

Ob der im Bericht mehrfach geforderte neue „Haar- und Barterlass“ helfen wird, die Zahl der Soldaten deutlich zu erhöhen, kann bezweifelt werden. Abschreckender als der vorgeschriebene Bürstenschnitt wirkt wohl die jeden Tag deutlicher werdende Gefahr, als Kanonenfutter in einem großen Krieg verheizt zu werden. Aber auch in Friedenszeiten ist das Leben beim Bund alles andere als beschaulich, wie Vermerke über „Ohrfeigenstuhlkreise“, das stundenlange Herumliegen in Pfützen oder in Toilettenschüsseln gedrückte Köpfe nahelegen.

Ganz besonders gilt das für Frauen, von denen man „unbedingt mehr“ brauche, wie der Wehrbeauftragte feststellt. Deswegen wird großzügig verkündet: „Sexismus hat keinen Platz in der Bundeswehr.“ Ein paar Seiten weiter finden sich Hinweise auf „430 Erstmeldungen über Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung“, die erahnen lassen, wie die Realität aussieht. Von „unerwünschten Berührungen“ und aufgezwungenem Pornokonsum bis hin zu brutalen Vergewaltigungen ist da zu lesen.

Gegengesteuert wird mit Sexualkunde-Kursen und (bislang offenbar wenig bewirkenden) Disziplinarverfahren. Damit die Frauen sich wohler fühlen, drängt der Wehrbeauftragte auf die Anschaffung von passenden Uniformen für schwangere Soldatinnen. Falls Mama in den Krieg zieht, wird zudem die Idee von „Patenfamilien“ verfolgt, die „bei einer Alarmierung sowie im Bündnis-, Spannungs- und Verteidigungsfall freiwillig die Sorgepflichten für Kinder von Bundeswehrangehörigen übernehmen“.

Eine gute Idee aus Sicht der „Zeitenwende“-Freunde. Schließlich sollen die Kleinen erst einmal 17 werden, bevor sie selbst an die Front dürfen. Doch ausgerechnet zu dieser rosigen Zukunft verliert der Wehrbeauftragte kein Wort. Seine Vorgängerin hatte noch vermerkt, dass die Rekrutierung Minderjähriger „kritisch zu sehen“ sei. In Ottes Bericht fehlt das Kapitel. Dabei hätte er auch hier Erfolge zu vermelden gehabt. Immerhin konnte die „Truppe“ im vergangenen Jahr mehr als 3.100 17-Jährige gewinnen, was rund 12,5 Prozent aller Neueinstellungen ausmachte. Wer aber seine Kriege so gerne mit „Menschenrechten“ begründet, schweigt lieber über die Kindersoldaten.

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"Belogen in den Dreck", UZ vom 13. März 2026



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