Morgens, halb neun, am Stuttgarter Hauptbahnhof. Blechern hallt die Automatenstimme über alle Bahnsteige. Sie weist mich darauf hin, dass ich am Bahnhof keinen Alkohol mehr trinken darf. Und auch keine offenen alkoholischen Getränke mitführen darf. Außer auf den Verkaufsflächen.
Als ich kurz vorher aus der U-Bahn stieg, zeigte mir die Bahn-App eine Verspätung von drei Minuten an – in Grün. Alles unter fünf Minuten ist natürlich keine Verspätung. Ich konnte mir also Zeit lassen auf dem Fernwanderweg. So nennen die Einheimischen die verwinkelte Überführung über die Bahnhofsbaustelle, die seit Jahren den Umstieg erschwert. Und wie es die Gegner des sinnlosen Milliardenprojektes Stuttgart 21 vorausgesagt haben, weiter tun wird.
Am richtigen Gleis angekommen, stelle ich fest: Ich hätte mir mehr Zeit lassen können. Die Anzeige in der App ist inzwischen auf Rot gesprungen. So komme ich in den Genuss der Bahnhofsansage.
In den Zügen darf weiter getrunken werden. Am Stuttgarter Kopfbahnhof ist es wegen der längeren Haltezeit üblich, dass die Zugbegleiter die Raucher darauf hinweisen, dass sie ihre Sucht nicht in den Türen befriedigen. Ich frage mich, ob demnächst, wenn die Raucher aus dem Zug springen, andere in den Zug springen, um einen tiefen Zug aus der Flasche zu nehmen.
Abfahrt mit 15 Minuten Verspätung. Immerhin ein Sitzplatz am Tisch, ich kann arbeiten. Andere versuchen mittels App, ihre Anschlüsse zu prüfen. Leider nimmt die Echtzeitfähigkeit der App gefühlt mit jeder Bahnfahrt ab.
Ich muss in Düsseldorf in die S-Bahn umsteigen. Essen Hauptbahnhof wird derzeit weder vom Fernverkehr noch vom regulären Nahverkehr angefahren. Wegen Sanierungsarbeiten. Den Anschluss erwische ich, weil auch die S-Bahn Verspätung hat. Wie viel genau, sagt die App nicht. Laut ihrer Auskunft bin ich schon auf halbem Weg. Der Andrang auf dem Bahnsteig und die Verspätung sind so groß, dass ich mich für die laut App planmäßige Folgebahn entscheide. Die schafft es natürlich auch nicht, pünktlich anzukommen. Immerhin fährt sie früher ab als mein eigentlicher Zug.
Dieser Niedergang lässt sich nicht mehr schöntrinken.
Als ich in Essen aus dem Bahnhof trete, stehe ich mitten im sozialen Elend. Sollte es sich beim Alkoholverbot vielleicht eher um eine erneute Maßnahme handeln, dieses Elend einfach zu verdrängen?

