Wöchentliche Mahnwachen gegen Bahnhofsprojekt bleiben am Ball

800 Montage gegen Stuttgart 21

Seit dem Jahr 2009 kämpfen die Stuttgarter gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und protestieren jeden Montag dagegen. Es handelt sich um die wohl langlebigste, ausdauerndste und konsequenteste Protestbewegung derzeit in Deutschland. Woche für Woche werden Lügen, Risiken, Widersinniges, Unnötiges, Sinnloses und Dummes aufgedeckt und die wahren Profiteure dahinter demaskiert – die Immobilien- und Automobilwirtschaft. Selbst das, was früher als satirische Überspitzung galt, ist mittlerweile von der Realität überholt worden. Kosten laufen aus dem Ruder, die Bauzeit verlängert sich beständig, die Risiken steigen, Sicherheitsvorschriften werden begraben und vieles mehr.

Für das Projekt Stuttgart 21 soll der bestehende sechzehngleisige Kopfbahnhof durch einen achtgleisigen Durchgangsbahnhof ersetzt werden, der nur durch 60 Kilometer lange unterirdische Gleise angefahren werden kann. Sinn des Projekts ist nicht etwa, den Bahnverkehr zu verbessern. Wie auch, wenn zukünftig nur noch acht Gleise zur Verfügung stehen sollen? Ziel ist vielmehr, Flächen von Gleisen zu befreien, um sie bebauen zu können. Es handelt sich also um ein Immobilienprojekt, an dem sich Baufirmen und Immobilienhaie eine goldene Nase verdienen wollen.

Der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim, Sprecher von „Bürgerbahn – Denkfabrik für eine starke Schiene“, fasste die Kritik in seiner Rede bei der 800. Montagsdemo so zusammen: „Wir kritisieren, dass viel zu viel Geld in tiefe Löcher und lange Röhren gesteckt wird, das dann für einen schnellen Netzausbau in den vielen schienenfernen Regionen fehlt. Wir kritisieren die Fixierung der DB und der EU auf die Hochgeschwindigkeit mit ihren sündhaft teuren und extrem lange dauernden Neu- und Ausbaustrecken. Und wir kritisieren die Immobilienspekulationsprojekte an den Metropolenbahnhöfen, allen voran Stuttgart 21. Sie werden ohne Rücksicht auf die Netzerfordernisse einer Flächenbahn geplant und gebaut. Die Bahn braucht viel mehr kleine S-Bahn-Systeme, viel mehr neue Haltepunkte (…) Aber noch wichtiger ist, dass der Nahverkehr, in dem 90 Prozent aller Bahnfahrgäste unterwegs sind, endlich wieder angemessen ausgebaut wird.“

Da die Tunnel und auch das Tiefbahnhofsgebäude nahezu fertig sind, zielt der aktuelle Protest nicht darauf, das alles wieder abzureißen oder zuzuschütten. Stattdessen wird eine sinnvolle Nutzung des bereits Gebauten gefordert: Der Kopfbahnhof soll modernisiert und die Tunnel für ein unterirdisches vollautomatisches Logistiksystem genutzt werden.

Tobi Rosswog, Aktivist bei der „Verkehrswendestadt Wolfsburg“, sprach sich in seinem erfrischenden Redebeitrag auch klar gegen Kriegsproduktion, Rüstung und Militarisierung der Gesellschaft sowie Profitmaximierung aus und bekam dafür viel Beifall. Auch viele Schilder von Protestierenden wandten sich gegen den Rüstungswahn: „Metall für Züge, Bus und Bahn statt für Panzer und Kriegswahn!“ oder „Deutsche Waffen, deutsches (Steuer-)Geld, morden wieder in aller Welt!“ oder „Aufrüstung hilft nur der Rüstungsindustrie!“. So wird der Protest gegen dieses unsinnige Bahn-Projekt auch verbunden mit dem Kampf gegen die zunehmende Militarisierung.

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"800 Montage gegen Stuttgart 21", UZ vom 10. April 2026



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