USA versuchen, iranischen Tanker zu Geisterschiff zu machen

Der moderne Fluch

Von Manfred Ziegler

Die Legende vom Fliegenden Holländer erzählt von einem Kapitän, der durch einen Fluch dazu verdammt worden ist, bis zum jüngsten Tag mit seinem Gespensterschiff auf dem Meer umherzuirren, ohne je in einen Hafen einlaufen zu können. Der Fluch unserer Tage – das sind Sanktionen. Jeder, der den iranischen Öltanker „Adrian Darya 1“ unterstütze oder die Einfahrt in einen Hafen erlaube, riskiere, mit US-Sanktionen belegt zu werden, sagte US-Außenminister Mike Pompeo am 20. August. Ginge es nach den USA, dürfte das Schiff nie mehr in einem Hafen anlegen. So fährt die „Adrian Darya 1“ mit seiner Ladung, deren Wert auf 130 Millionen Dollar geschätzt wird, vorerst ohne klares Ziel über das Mittelmeer.

Solange der Supertanker noch unter der Flagge von Panama fahren konnte, hieß er „Grace 1“. Eine Einheit von britischen Elitesoldaten brachte ihn am 4. Juli 2019 vor Gibraltar auf – im Auftrag der US-Regierung. Eine Art rechtlicher Grundlage wurde von Gibraltar eigens am Tag zuvor neu geschaffen.

Die britische Regierung versuchte, diesen Piratenakt mit dem Wirtschaftskrieg der EU gegen Syrien zu rechtfertigen. Das Ziel des Supertankers sei Syrien, und um die syrische Bevölkerung auszuhungern, verbieten EU-Sanktionen Öl-Lieferungen nach Syrien. Damit sollen der Verkehr und die Erzeugung von Elektrizität in Syrien zum Erliegen gebracht werden – Maßnahmen, die alle Syrer treffen.

Erst als die iranische Regierung garantierte, dass die Ladung des Supertankers nicht für Syrien bestimmt war, wurde die „Grace 1“ freigegeben. Noch immer ungewiss dagegen ist die Zukunft des britischen Schiffes „Stena Impero“. Es war von den iranischen Behörden festgesetzt worden, weil es in einen Unfall auf See verwickelt war – oder vielleicht auch als Antwort auf die Beschlagnahmung der „Grace 1“.

Da die „Grace 1“ von Panama ausgeflaggt wurde, fuhr sie als „Adrian Darya 1“ unter iranischer Flagge weiter. Die USA wollten das nicht hinnehmen und versuchten erneut, das Schiff aufzuhalten. Geschäfte mit dem Schiff entsprächen einer Unterstützung von Terroristen, erklärte ein Sprecher des US-Außenministeriums. Ein US-Bundesgericht in Washington verlangte, das Schiff festzusetzen und die Ladung zu beschlagnahmen. Der Spruch eines US-Bundesgerichts sollte im Mittelmeer gültig sein? Das ging selbst den britischen Behörden von Gibraltar zu weit. Das oberste Gericht von Gibraltar gab den Tanker – eigentlich überraschend – frei.

Die „Adrian Darya 1“ nahm zunächst Kurs auf den Hafen Kalamata in Griechenland. Griechenland galt schon zuvor als das wahrscheinlichste Ziel des Schiffes. Doch die griechischen Behörden winkten ab, die Drohungen von US-Außenminister Pompeo hatten gewirkt.

Mittlerweile gilt Mersin, ein Hafen in der Türkei, als wahrscheinliches Ziel des Schiffes. Sollte die „Adrian Darya 1“ versuchen, durch den Suez-Kanal zurück zum Iran zu fahren, müsste sie vorher einen Teil der Ladung abgeben, der Tiefgang des vollbeladenen Schiffes wäre sonst zu groß. Vor der Küste der Türkei wäre das möglich, weil dort mehrere kleinere iranische Tanker vor Anker liegen, die Öl übernehmen könnten. Ob sie das Öl zu einem europäischen oder türkischen Abnehmer liefern würden? Niemand wird sich offen dazu bekennen, um nicht den modernen Fluch der US-Sanktionen auf sich zu ziehen.

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"Der moderne Fluch", UZ vom 30. August 2019



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