Frank Schumann im Gespräch mit Egon Krenz – Teil 1

Selbst Helmut Kohl hatte ein Gespür für Krieg

Frank Schumann

Der jüngst erschienene zweite Band der Memoiren des einstigen Staatschefs der DDR Egon Krenz führt direkt in den inneren Kreis der Staatsführung und in jene Phase, die seitens des Westens infolge von „Wandel durch Annäherung“ die „Konterrevolution auf Filzlatschen“ vorbereiten sollte. Krenz richtet sein Augenmerk auf die Zeit nach der diplomatischen Anerkennung der DDR, auf die „Neue Ostpolitik“ der SPD-Regierung und das ständigen Schwankungen unterliegende Verhältnis zu Moskau. Er berichtet über offizielle Ereignisse und gibt den Blick frei auf so manchen noch immer nicht erhellten Hintergrund. Vom Westen als „Honeckers Kronprinz“ aufmerksam beäugt, war er involviert in politische Entscheidungsprozesse und zugleich ein sensibler Beobachter der Akteure in Ost und West, schließlich auch der ambivalenten Entwicklungen, die Michail Gorbatschows „Perestroika“ in der Sowjetunion und den Bruderstaaten auslöste. Frank Schumann sprach mit Krenz über die aktuelle Politik Deutschlands vor dem Hintergrund der Erfahrungen eines Politikers des friedlichen Deutschland. Teil 2 erscheint in der UZ in der kommenden Woche.

Frank Schumann: Ist es noch immer so, dass Sie jedes üble Wort über die DDR wie einen Angriff auf Ihre Person betrachten und sich zur Wehr setzen?

Egon Krenz: Natürlich fühle ich mich verpflichtet, jeder Lüge zu widersprechen, die über die DDR verbreitet wird – sie war schließlich mein Heimat- und mein Vaterland. Und da ich dort eine Zeitlang politische Verantwortung trug, nehme ich jede Schmähung auch persönlich. Ich reagiere jedoch gleichfalls auf gefährlichen Unsinn anderer Art. Obgleich ich seit 33 Jahren kein politisches Amt mehr habe und keiner Partei angehöre, bin ich doch ein politischer Mensch und halte mit meiner Meinung nicht hinterm Berg.

Frank Schumann: Zum Beispiel?

Egon Krenz: Ich hatte am Jahresende die Illusion, Bundespräsident und Bundeskanzler würden die Frage beantworten, was Deutschland 2024 tun wolle, um die laufenden Kriege zu beenden. Stattdessen las ich in der ersten Ausgabe des neuen Jahres im „Spiegel“ ein Gespräch mit Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte, Jahrgang 1968, geboren in Hamburg, Lehrstuhl in Potsdam. Es könnte sein, dass Deutsche schon bald gegen russische Truppen kämpfen müssten, orakelte er und forderte: „Pistorius muss die Bundeswehr so aufstellen, dass sie in fünf Jahren kämpfen kann.“ Nicht nur, dass er sich damit als Historiker disqualifiziert, weil er die Geschichte des 20. Jahrhunderts augenscheinlich nicht begriffen und nichts aus ihr gelernt hat. Deutschland hat im vergangenen Jahrhundert zweimal gegen Russland gekämpft – wie das ausgegangen ist, müsste auch ein Militärhistoriker wissen. Er schürt die ohnehin bestehenden Ängste in der Bevölkerung. Das ist nicht nur unverantwortlich, sondern auch ein politischer Skandal. Das habe ich noch im alten Jahr auch der „dpa“ mitgeteilt.

Frank Schumann: Neitzels Botschaft wurde von anderen Medien verbreitet, Ihre nicht.

Egon Krenz: Es gehört doch zur Normalität in diesem Land, dass Äußerungen bevorzugt werden, die die herrschenden Meinungen – das nennt man wohl Mainstream – stützen. Wer diesen widerspricht, etwa den Krieg in der Ukraine oder den im Gazastreifen verurteilt und nach den Ursachen fragt, ist draußen. Wenn ich das Gegenteil von Neitzel fordere, dass Deutschland nämlich nicht kriegstüchtig, sondern friedensfähig gemacht werden müsse, ist das in den meisten Redaktionen die Botschaft eines Ewiggestrigen, der die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat – und die landet im Papierkorb.

Frank Schumann: Oder in Büchern. Sie sind publizistisch sehr aktiv, soeben ist der zweite Band Ihrer Erinnerungen erschienen. Man kann Sie zwar ignorieren, aber nicht mundtot machen.

Egon Krenz: Ich schreibe ja nicht aus Trotz oder aus Eitelkeit, weil mich die Medien ignorieren, sondern weil ich eine Chronistenpflicht habe. Ich gehörte fast anderthalb Jahrzehnte der Führung der DDR an. Dieser Staat war 1949 von Antifaschisten, Emigranten, Naziopfern, Christen, Sozialisten, Kommunisten, Juden, Wissenschaftlern, Künstlern und anderen fortschrittlichen Deutschen als Antwort auf die zuvor in den Westzonen gebildete Bundesrepublik gegründet worden.

021301 Krenz - Selbst Helmut Kohl hatte ein Gespür für Krieg - DDR, Egon Krenz, Politische Auseinandersetzungen - Hintergrund
Egon Krenz beim Interview in seinem Archivkeller in Ribnitz-Damgarten (Foto: Frank Schumann)

Dass Russland heute für Deutschland wieder ein Feindstaat ist, bedeutet doch: Deutschland hat wichtige Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg über Bord geworfen – selbst das Vermächtnis des konservativen Kanzlers Otto von Bismarck, das dieser noch auf dem Sterbebett wiederholte: „Nie, nie, nie gegen Russland.“ Die besten Jahre hatte Deutschland immer, wenn die Beziehungen zu Russland gut waren. Jetzt sind sie auf dem tiefsten Punkt der Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Zudem haben mehrere Bundesregierungen in historisch kurzer Zeit ruiniert, was die DDR in 40 Jahren geschafft hatte: Dass nämlich von den Russen das Wort „Deutscher“ nicht mehr mit „Nazi“, sondern mit „Freund“ gleichgesetzt wurde.

In der DDR wurde der Schwur der befreiten Buchenwaldhäftlinge zur Staatsräson: „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Von deutschem Boden muss Frieden ausgehen!“ Diese Prinzipien galten bis zum letzten Tag der DDR. Dahinter verblasst alle Kritik, berechtigte wie überflüssige.

Frank Schumann: Kurz vor Weihnachten reiste Minister Boris Pistorius in die Stadt Rukla in Litauen, keine 700 Kilometer entfernt von St. Petersburg. Dort soll die sogenannte NATO-Ostflanke durch eine ständige Brigade der Bundeswehr verstärkt werden. Wie haben Sie das aufgenommen?

Egon Krenz: Mir ist unklar, ob sich die herrschenden Politiker in Deutschland, die glücklicherweise nie einen Krieg erlebt haben, aber mit einer Gedankenlosigkeit von Kriegen sprechen, ob sich diese Politiker einmal gefragt haben, was wohl die Russen darüber denken, dass nur knapp 80 Jahre nach dem Völkermord der Deutschen in Leningrad wieder Panzer mit dem deutschen Balkenkreuz als Drohkulisse in ihrer Nähe stehen.

Auch ich bin der Meinung: Der Holocaust war ein Verbrechen, das es rechtfertigt, den Antisemitismus zu bekämpfen, wo immer er auftritt, und den Beziehungen zu Israel einen besonderen Rang zu geben. Aber die Blockade Leningrads und der Krieg mit 27 Millionen toten Sowjetbürgern, darunter viele Juden, war auch ein deutsches Verbrechen. Daher frage ich mich: Wäre es nicht angesichts dieser Tragik die Aufgabe der deutschen Politiker aller Couleur und aller Zeiten gewesen, die Russophobie aus Deutschland zu verbannen und das Verhältnis des vereinten Deutschlands zu Russland nach dem Prinzip zu gestalten, dass es nur mit Russland – und nie gegen Russland – Frieden geben wird? Die Russen waren dazu bekanntlich bereit. Das Wortprotokoll der Rede Wladimir Putins im Deutschen Bundestag vom 25. September 2001 beweist es. Ohne Moskau hätte es keine deutsche Einheit gegeben. Dass nun gewissermaßen als „Dank“ dafür die Russische Föderation zum Buhmann gemacht wird, spricht aus meiner Sicht objektiv gegen die nationalen Interessen der Deutschen.

Und auch das will ich noch sagen: Wir haben 1989 nicht die Friedfertigkeit der damaligen Ereignisse garantiert, damit heute die Beziehungen Deutschlands zu Russland auf dem tiefsten Punkt seit dem Zweiten Weltkrieg sind. Was sich die herrschenden Politiker in Deutschland leisten, ist das Gegenteil von dem, was die DDR-Bürger 1989 auf den Straßen und Plätzen gefordert hatten.

Frank Schumann: Der Formel „Von deutschem Boden muss Frieden ausgehen“ hat selbst Bundeskanzler Helmut Kohl zugestimmt, wie ich in Ihrem Buch las. Hatte er Kreide gefressen? Was war da passiert?

Egon Krenz: KPdSU-Generalsekretär Konstantin Tschernenko war im März 1985 verstorben; wir wollten an den Trauerfeierlichkeiten in Moskau teilnehmen – wie im Übrigen unzählige Staats- und Parteichefs aus der ganzen Welt, darunter Britanniens Premierministerin Margaret Thatcher, US-Vizepräsident George Bush und US-Außenminister George Shultz. Kohl rief am Vortag bei Erich Honecker an. Niemand würde verstehen, wenn man sich in Moskau aus dem Wege ginge, sagte er, und schlug ein Treffen vor. Honecker hatte keine rechte Lust – eine Beerdigung sei kein guter Platz für Gespräche mit Kohl, meinte er. Ich bestärkte ihn in seiner Meinung. Das war am Morgen. Am Nachmittag ging Honecker noch einmal in den Wald zur Jagd – und sein Jagdfreund Günter Mittag stimmte ihn um. So kam es am Abend des 12. März 1985 in der Residenz der DDR-Delegation in Moskau zu dieser ersten Begegnung.

Frank Schumann: Sie hatten eine Pressemitteilung vorbereitet. Von den 70 Zeilen seien nur 37 Zeilen übriggeblieben, nachdem Honecker und Kohl „die Endredaktion in freundschaftlicher Atmosphäre“, wie Sie sich erinnern, vorgenommen hatten.

Egon Krenz: Aber diese Zeilen hatten es in sich. Während der unlängst verstorbene Wolfgang Schäuble und Horst Teltschik sich diskret zurückhielten, waren die beiden jeden Satz des Entwurfs durchgegangen. Kohl vereinbarte mit Honecker: „Die Unverletzlichkeit der Grenzen und die Achtung der territorialen Integrität aller Staaten in Europa in ihren gegenwärtigen Grenzen sind eine grundlegende Bedingung für den Frieden. Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg, von deutschem Boden muss Frieden ausgehen.“ Damit anerkannte der CDU-Kanzler erstmals die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten als völkerrechtliche, wie es auch der Grundlagenvertrag von 1972 vorsah. Ich empfand es darum als Treppenwitz der Geschichte, dass zwölf Jahre später das Berliner Landgericht – bestehend aus drei Richtern, die 1972 vermutlich noch zur Schule gingen – diese Formel in einen „ideologischen Schießbefehl“ umfunktionierte und mich dafür sechseinhalb Jahre ins Gefängnis schickte.

Frank Schumann: Was hatte den Gesinnungswandel bei Kohl bewirkt?

Egon Krenz: Ich glaube nicht, dass sich Kohls konservative Gesinnung gewandelt hatte – er war ein Antikommunist und kein Freund der DDR, wie wir alle besonders nach 1990 erlebten. Aber im Unterschied zur heutigen Politikergeneration hatte er als Heranwachsender den Krieg und das damit verbundene Leid erlebt. Er war 14 Jahre alt, sein Bruder Walter 18, als dieser Ende 1944 bei einem Tieffliegerangriff getötet wurde. Kohl war kein Friedenskämpfer, aber er lehnte Krieg ab. Er besaß ein Gespür für das, was Krieg für Opfer wie für Täter bedeutet: Gräuel, Zerstörung, Not und Elend, Barbarei … In diesem Punkt waren sich Honecker und Kohl einig.

Frank Schumann: Vermutlich nur in diesem. Ich erinnere daran, dass Kohl im Jahr zuvor für sich die „Gnade der späten Geburt“ reklamierte – und das ausgerechnet im israelischen Parlament, der Knesset.

Egon Krenz: Im Mai nach dem Treffen mit Honecker ehrte Kohl gemeinsam mit US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg die dort Beigesetzten – darunter auch Angehörige der Waffen-SS. Das stieß zwar auf öffentlichen Protest, der spätere Literaturnobelpreisträger Günter Grass – selbst einst Ladeschütze in der 10. SS-Panzer-Division – sprach von „Geschichtsklitterung“. An der Tatsache, dass diese Bundesrepublik Geschichte sehr selektiv wahrnimmt, Teile verdrängt oder überbetont, sie also verfälscht, hat sich bis heute nichts geändert.

Egon Krenz
Gestaltung und Veränderung
Erinnerungen, Band 2
edition ost, Berlin 2023, 26,00 Euro
Zu beziehen über uzshop.de

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"Selbst Helmut Kohl hatte ein Gespür für Krieg", UZ vom 12. Januar 2024



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