Stefan Gärtners Roman „Hotel Drei Jahreszeiten“ über das Aufbegehren gegen falsche Genügsamkeit

Der Staub auf dem Leben

Das Schönste an Hannover ist, dass man von dort immer gut weg kann. Kramer wird die Flucht auf die Nase gedrückt: Frisch geschieden, wird ihm nach seinem Umzug der alte Mercedes eines Onkels vermacht. Dazu die Buchhändlerin Carla von unten drunter, nicht uninteressiert am neuen Nachbarn und einem Abenteuer – Stefan Gärtners neuer Roman hebt für eine Road Novel typisch an, auch wenn der Roman nicht im Präsens gehalten ist, dem faden Schreibschulkniff, um Unmittelbarkeit aufzubauschen. Und auch die zweite, die Haupthandlung als Nachgespräch zwischen zwei Freundinnen aufrollende Erzählebene lässt daran zweifeln, dass wir mit „Hotel Drei Jahreszeiten“ ein literarisches Geschwindigkeitsrauschmittel hingehalten bekommen.

Stattdessen verzögert sich die Abfahrt so lang, dass man sie bereits abschreiben mag. Eine Empörung sondergleichen scheint das zu sein, begibt man sich in die dunklen Ecken des Internets und schaut, was Amazon-Kunden von einem Roman halten, in dem es nicht zugeht nach dem Prinzip „Wenn Ihnen dieser knallige Plotpoint gefallen hat, gefällt Ihnen vielleicht auch …“. Die nichtverbrannten Hirne werden immer seltener hierzulande.

Der Pop-Roman, ergo auch die Road Novel, sind in die Jahre gekommen. Die Jonglage mit Schund ist dabei mehr und mehr zum jonglierten Schund geworden. Weniger wertend: Nicht erst seit der Sprit unbezahlbar geworden ist und die 90er-Karre stehen bleiben muss, hat eine Literatur Rost angesetzt, die sich einer individualverkehrten Sinnsuche annahm, zu einer Zeit, als mit dem Realsozialismus in Europa gerade die Lokomotive der Geschichte aus den Schienen gesprungen war.

411102 StefanGaertner - Der Staub auf dem Leben - Hannover, Literaturverlag Droschl, Stefan Gärtner - Kultur

Da muss erst einiges an Hemmnissen abgeschüttelt werden, ehe es losgehen kann. Auch in Gärtners Buch ist die Scheu groß, schließlich ist eine seiner Hauptfiguren gerade erst von A nach B gezogen, nicht gerade aus rotzfreien Stücken und Freude an der Umzieherei, wie Kramer gegenüber der neuen Bekanntschaft anmerkt; „und als Kramer Carla ansah, wie seiner Feststellung nachsinnend oder dankbar für die Gelegenheit, einen Vorwand zu haben, der Nachbarin einmal offen ins Gesicht zu schauen, bekam sie es mit der Angst zu tun. Nicht Kramers, sondern ihretwegen: weil sie merkte, dass der Nachbar für die dachgeschossige Rumpelkammer, die er hier betrieb, zwar zu alt sein mochte, sie, Carla, aber auch nicht mehr jung genug, um vor ihrem gewissermaßen vorläufigen Leben zwischen Staubtuch, Buchhandlung und Bekanntschaften mit unerwachsenen Dreitagebärten nicht wenigstens etwas zu erschrecken. Denn der Unterschied war ja bloß, dass Kramer den Staub auf seinem Leben schon gar nicht mehr entfernte, während sie noch so tat, als sei sie zufrieden damit, dass ihr Leben die Ordnung war, die sie immer wieder herstellte.“

Hinreichend unordentlich wird es erst, als Carla Carlo kennenlernt, der sich nach einer Liebe in Lissabon sehnt, von Flugangst geplagt aber nie dort anlanden wird, wenn er nicht gefahren wird. Davon angetrieben geht es doch los, und in Belgien komplettiert zufällig Rosalie das miteinander dauerschäkernde, der Suada frönende Reisequartett. Zusammen kehren die vier genug Gründe zusammen, um sich auf die Reise zu machen – aller Erträglichkeit des Ists zum Trotz.

Das Erträgliche, das Carla in Ruhe und Unruhe gleichsam versetzt: In Portugals Kapitale stehend, „erinnerte sie sich, wie sie einmal aus der Kneipe nach Hause gegangen war, und es schneite, und sie hatte nach oben ins Treiben aus schwarzem Himmel gesehen und war auf einmal völlig überzeugt davon gewesen, dass ihr Leben, dessen Defizite auf keinen Bierfilz passten, im Grunde doch in Ordnung sei: Sie stand in Gottes Weltall selbst, und es war nicht kalt und feindlich, sondern weich und wunderbar.“

In Lissabon wartet, wenn schon nicht das Glück, die Saudade, die süße portugiesische Melancholie. Mit der lässt sich vielleicht der falschen Genügsamkeit (Carla: „Mein inneres Hannover“) zu Leibe rücken, einem vorauseilendem Gehorsam gegenüber Zuständen, die nicht unmittelbar in den Hungeraufstand treiben, aber doch zum Aufbegehren. Stefan Gärtners Roman „Hotel Drei Jahreszeiten“ ist eine sprachlich galante städtebauliche Maßnahme: Mit dem Hannover in uns kann es so nicht weitergehen.

Stefan Gärtner
Hotel Drei Jahreszeiten
Literaturverlag Droschl, 256 Seiten, 24 Euro

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"Der Staub auf dem Leben", UZ vom 16. Oktober 2026



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