Ein neuer Blick auf die große Helene Weigel

Das Gesicht der Revolution

Das Sichere ist nicht sicher. So wie es ist, bleibt es nicht. Wenn die Herrschenden gesprochen haben, werden die Beherrschten sprechen …“ Oder ähnlich Ausdauer fordernd: „Wer noch lebt, sage nicht: Niemals!“ Revolutionär und fast rhythmisch klingt es aus den Kehlen des Theaterensembles in einer legendären Schwarzweißaufnahme. Das ist Brecht-Theater, wie man es kennt. Über Ort und Jahr der Aufnahme schweigt der Film sich aus. Nur die Kamera holt aus der Mitte der Truppe jenes Gesicht und jene Stimme hervor, die den ganzen Film prägen werden: „Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht“, so der Titel des neuen Werks von Maria Wischnewski. Die 1976 in Berlin/DDR geborene Regisseurin hat als Produzentin von Filmen über Dagmar Manzel, Jürgen Gosch oder Sascha Anderson sich als Kennerin der DDR-Kulturszene einen Namen gemacht.

Ihre Protagonistin, die 1900 in Wien geborene Bühnenlegende Helene Weigel, ging nach der Schauspielausbildung von Wien über Frankfurt nach Berlin, wo sie bei Max Reinhardt Dramaturgie studierte und an der Volksbühne und am Deutschen Theater mit großen Rollen ihren Ruhm begründete. 1923 bei der Premiere zu Brechts „Trommeln in der Nacht“ lernten die beiden sich kennen, 1929 heirateten sie. 1933 flüchteten sie am Tag nach dem Brand des Reichstags mit den beiden Kindern Stefan und Barbara und verfolgten Freunden ins Exil, das sie über viele Stationen (unter anderem Dänemark, Schweden) 1941 in die USA führte. Weigels Theaterpläne hatten hier keine Chance, und so trieb die Kommunistenjagd McCarthys die beiden zurück nach Europa und schließlich in die DDR – im Kalten Krieg blieb ihnen die Einreise in die BRD verweigert.

Während Brecht in der Schweiz wartete, erhielt Weigel auf Zuspruch von Wilhelm Pieck und Alexander Dymschitz (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) zum 1. April 1949 am Schiffbauerdamm in Ost-Berlin ein eigenes Theater für ihr „Berliner Ensemble“, als dessen Intendantin sie dann zu einer zentralen Figur der DDR-Kulturszene wurde. Dementsprechend ist Wischnewskis Film kein „normaler“ Dokumentarfilm, denn das unterschlüge die raffinierte Mischung der Stilmittel, mit denen sie sich ihrer Protagonistin nähert. Sie versammelt in großer, vielleicht übergroßer Fülle Bühnen- und Privataufnahmen, Clips aus TV-Interviews aus Ost und West mit ihr, aktuelle Aussagen aus ihrem familiären Umfeld, Einblicke in das recht komplizierte Verhältnis zwischen ihrem Ehemann Brecht und dessen diversen, kaum verheimlichten Amouren.

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… und mit Brecht (Foto: © Neue Visionen Filmverleih)

Man kann sich kaum sattsehen in den vielen Fotos der Weigel, en face oder Profil, mal mit Zigarette, mal ohne, einzeln oder als koloriertes, ikonisches Triptychon von der Kamera ruhig ausgekostet. Ihre markanten Gesichtszüge erscheinen wie gefroren, wenn sie Brecht-Texte spricht, freundlich streng, wenn sie Schauspielern Anweisungen gibt. Ganz unerwartet geben sie ein Lächeln frei, wenn sie in Interviews höflich, aber bestimmt mit ihrem Wiener Witz einer Frage den provokanten Untertext nimmt.

Ergiebigste Quelle in Wischnewskis Film ist jedoch Weigels Briefwechsel mit Brecht und anderen Theaterleuten zu nennen, denn er gibt dem Film stilistisch eine klare Struktur: Auf der abgedunkelten Bühne treten die Schauspielerin Birgit Minichmayr und der Schauspieler August Diehl in das Licht des Sprechpults und tragen die Brieftexte vor. Die so gewonnene Ruhe gibt Raum für die Konzentration auf das, was in der Flut des Materials sonst unterzugehen drohte: das vibrierende Spannungsverhältnis zwischen zwei höchst eigenwilligen, starken Charakteren.

Brechts Part sind seine Texte, die wie in der geschilderten Theaterszene fast zu „Markenzeichen“ kommunistischer Agitation geronnen sind. Erst durch die brillant funkelnde Mimik der Weigel, ihr unablässiges Spiel zwischen asketischer Strenge, plötzlich hervorbrechendem Humor und bodenständiger Milde – so scheint es – gewinnt ihre Propaganda jene Glaubwürdigkeit, die aus dem Bühnenerlebnis den Schritt in den politischen Alltag erlaubt. So wird aus Brechts Agitationsformel „Wer noch lebt, sage nicht: niemals“ das selbstbewusst trotzige „Heute noch!“

Helene Weigel –
Revolutionärin im Rampenlicht

Dokumentarfilm
Regie: Maria Wischnewski
Ab 12. November im Kino

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"Das Gesicht der Revolution", UZ vom 6. November 2026



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