Der Demonstrationszug, der am 26. September mit leichter Verspätung kurz vor Mittag vom Waterlooplatz aus aufbrach, wollte gar kein Ende nehmen. Er zog durch die Innenstadt zum Georgsplatz, der die 15.000, die gekommen waren, kaum aufnehmen konnte.
„Schnauze voll“, das war die überwiegende Stimmung der vielen, die aus dem mittleren und östlichen Niedersachsen sowie aus der Umgebung südlich von Hannover in die Landeshauptstadt gekommen waren – allein 79 Busse aus der Region um Göttingen. Dominiert war dieser Marsch der Unzufriedenheit von den roten Fahnen der IG Metall. Das war kaum überraschend, da die Angriffe auf VW das industrielle Herz dieses Bundeslandes und – mit dem Werk in Kassel – auch den Norden Hessens betreffen.
Nach dem Vorsitzenden der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, sprach die VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo, die eigentliche Hauptrednerin der Abschlusskundgebung. Sowohl Cavallo als auch Vassiliadis mäanderten allerdings eher scheinkämpferisch und mehrfach den „unfairen internationalen Wettbewerb“ beklagend durch die politische Landschaft. Beide brachten das Kunststück fertig, über den drohenden Sozialabbau zu sprechen, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen über die Milliarden zu verlieren, die für die Aufrüstung verschwendet werden, und die dafür aufgenommenen Schulden. Diese Auslassung prägte auch die weiteren Reden dermaßen, dass sich der Verdacht aufdrängt, ein Zutritt zur Bühne sei nur denjenigen erlaubt gewesen, die sich vorher verpflichtet hatten, die Worte „Frieden“, „Aufrüstung“ oder auch „Wehrpflicht“ sorgsam zu vermeiden. Das zweite Tabu für die Bühnenredner schien darin bestanden zu haben, keine Partei der Bundesregierung – schon gar nicht den kleineren Koalitionspartner – als Verantwortliche für den geplanten Sozialraub zu benennen. Die gesamte Demonstration und die Kundgebung war eine verblüffend SPD-freie Zone.
Das Bild vor der Bühne entsprach jedoch nicht diesem Totschweige-Gelöbnis zur Friedensfrage. Die Demonstration war zwar neben den Fahnen der IG Metall von denen der Dienstleistungsgewerkschaft verdi, der IG BCE, der GEW und anderen beherrscht. Aber neben ein paar Partei- und Organisationsfahnen, bei vor allem die starke Präsenz der Partei „Die Linke“ auffallend war, mischte sich überall das Blau der Friedensfahnen in den Zug der 15.000. Selbstgemalte Schilder und Transparente brachten den Zusammenhang „Aufrüstung = Sozialkahlschlag“ mit vielen Konkretisierungen auf den Punkt: „Arbeiter gegen Aufrüstung und Krieg – keine VolksWaffen!“, „Kitas statt Kampfjets“, „Bildung statt Bomben“ und „Semesterbeitrag über 500?! – Nicht mit uns! Geld fürs Studiwerk – statt für Waffen!“.
Der von Cavallo und Vassiliadis nur unzureichend artikulierte Unmut der vielen auf dem Platz bahnte sich mit dem stärksten Applaus des Tages Bahn, als einer der Sprecher des gegen Ende auf die Hauptbühne gebetenen „Jugendbündnisses“ die unzumutbare Wohnsituation vieler Studierender und ihre um sich greifende Verarmung anprangerte und ausrief: „Wer das Eigentum weniger über das Wohl aller stellt, gehört enteignet!“
Diese Jugendlichen waren es denn auch, die als einzige von der Hauptbühne aus so etwas wie eine Orientierung für die Tage nach dem 26. September gaben. So sagte Lars von der IG-BCE-Jugend: „Ab jetzt gilt: Jeden Tag reden wir in den Betrieben, in den Schulen und in den Hochschulen über Politik – und vor allem darüber, was wir tun können.“
Vor allem die kämpferische Einstellung der Gewerkschaftsjugend macht – wie schon die Aktion der Schülerinnen und Schüler gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht am Vortag – Hoffnung darauf, dass der 26. September mehr wird als ein folgenloses Dampfablassen. Vielleicht wird dieses Wochenende ja sogar zum Startschuss für die dringend notwendige Politisierung von Betrieben, Schulen und Hochschulen in diesem Land.








