Am 28. Februar hat die US-israelische Kriegsmaschine die Islamische Republik Iran angegriffen. Zum zweiten Mal in weniger als einem Jahr und zum zweiten Mal hinterhältig während laufender Verhandlungen. Dieser Krieg hat gewaltige geostrategische Dimensionen. Der derzeitige US-Außenminister, Marco Rubio, hatte im Februar eine Rede vor der Münchner Kriegskonferenz 2026 gehalten, ganz im Stil von Benjamin Disraelis Kristallpalastrede von 1872, als er die Vorzüge des British Empire pries. Rubio hatte in völligem Ernst die gewaltige zivilisatorische Leistung der „großartigen westlichen Imperien“ gefeiert und dazu aufgefordert, gemeinsam an diese „große und noble Zivilisation“ anzuknüpfen, auf die man gemeinsam Stolz sein könne. Man darf Rubios „imperialen Patriotismus“ durchaus programmatisch verstehen. Er besitzt zwar nicht Disraelis rhetorische Fähigkeiten, teilt aber dessen rassistisch-kolonialherrschaftliche Überlegenheitsideologie.
Es geht heute im Krieg gegen den Iran ebenso wie im Krieg gegen Russland um die Rückeroberung der Kontrolle über die globalen Kohlenwasserstoffvorräte. Sie werden als der entscheidenden Hebel zur Rückkehr zur Unipolarität, der globalen Vorherrschaft des US-Imperiums und damit des anglo-amerikanischen Finanzkapitals, gesehen. Wer Öl und Gas beherrscht, beherrscht die Welt. So könnte man die Leitidee des britischen Geostrategen Halford Mackinder für die Trump-Regierung abwandeln.
Ob man die derzeitige Eskalation als Einstieg in den Dritten Weltkrieg definiert oder nicht, dieser Krieg ist ein globaler und in mehrfacher Hinsicht ein existentieller Kampf. Keine Macht des Globus kann sich ihm zu entziehen.
Wer Öl und Gas beherrscht …
Die Kohlenwasserstoffe, vor allem das Öl, sind gewissermaßen der Treibstoff des kapitalistischen Imperialismus. Die Durchsetzung des Konkurrenzkapitalismus war eng verbunden mit der industriellen Kohleförderung. Für den Imperialismus und seine Kriege war vor allem das Erdöl wichtig. Denn ohne die leichte Förderbarkeit, Lagerung, Pump- und Dosierbarkeit von Öl keine Verbrennungsmotoren und Turbinen. Also auch keine Mobilität von Armeen durch Panzer, Flugzeuge, Kampfschiffe, Lastwagen und Selbstfahrgeschütze. Den Durchbruch zur Weltmacht im Zweiten Weltkrieg verdankten die USA aus diesen Gründen ihrem Ölreichtum. Ohne das reichlich verfügbare US-Öl wären die gigantischen Bomberflotten und die gewaltigen Navy-Formationen im Pazifik nicht denkbar gewesen.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert realisierten Geologen aber auch die enormen Öl- und Gasvorräte in einer Region, die heute als „Strategische Ellipse“ bezeichnet wird. Sie reicht vom Horn von Afrika über die Arabische Halbinsel, das Kaspische Becken bis hin zum Russischen Eismeer. In ihr befinden sich rund 70 Prozent der globalen Kohlenwasserstoffe. Diese Region wurde im 19. Jahrhundert allerdings vor allem von den Osmanen und russischen Zaren beherrscht. Eines der Kriegsziele der westlichen Kolonialmächte im Ersten Weltkrieg war daher die „Neuordnung“ dieser Region. Sie machten sich daran, die Osmanen wie den Zaren zu „beerben“, um es zurückhaltend zu formulieren. Damit geriet die Region ins Fadenkreuz der imperialen Geostrategie und wurde zum Krisengebiet schlechthin. Auf dem dadurch hergestellten „eurasischen Balkan“ (Zbigniew Brzezinski, 1997) kreuzten und kreuzen sich heute ebenso die Interessen der Großmächte, wie sie es zuvor auf dem europäischen Balkan taten.
Der globale Energiemix
Die fossilen Energieträger (Kohle, Erdöl, Erdgas) decken trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien weiterhin über 80 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs. Der Verbrauch steigt trotz der „Energiewende“ weiter an. Erdöl ist mit etwa 31,2 Prozent der Hauptenergieträger, es folgen Kohle (27,2 Prozent), Erdgas (24,7 Prozent) und Kernenergie (etwa 4,3 Prozent). Die Erneuerbaren – Biomasse, Wasserkraft, Wind, Photovoltaik – sorgen zusammen für die restlichen etwa 13 Prozent. Damit ist klar, dass die Fossilenergie und insbesondere Kohlenwasserstoffe auf absehbare Zeit die entscheidende Rolle bei der Energieversorgung spielen werden. Die Sicherung der Kontrolle dieser Energieträger bekam geostrategisch erstrangige Priorität. Da die Kohlevorräte weltweit reichlich vorhanden sind und strategisch betrachtet im Energiemix keine entscheidende Rolle spielen, ging und geht es beim innerimperialistischen wie auch beim antisozialistischen Kampf primär um die Kontrolle der Kohlenwasserstoffe.
OPEC und OPEC+
Ein gewaltiges Hindernis bei der Durchsetzung der imperialen Weltbeherrschungsstrategien war die Oktoberrevolution. Die Sowjetunion, nach 1949 auch die Volksrepublik China, unterstützten nach ihren Möglichkeiten die antikolonialen Kräfte. 1955 gründeten prominente Führer des antikolonialen Kampfes auf der Bandung-Konferenz die Bewegung der Blockfreien. Das war ein erster Schritt hin zu einer breiteren antihegemonialen Bewegung, die über die Begrenzungen der sozialistischen Staaten hinausreichte. 1960 kam die OPEC – Organization of the Petroleum Exporting Countries – hinzu. Sie wurde von Vertretern Irans, Iraks, Kuwaits, Saudi-Arabiens und Venezuelas in Bagdad aus der Taufe gehoben. OPEC sollte die Interessen der ölexportierenden Staaten gegen die koloniale beziehungsweise neokoloniale Preispolitik des ölimportierenden Westens schützen und verfügte dabei über eine beachtliche Marktmacht.
1973 hatte die Organization of Arab Petroleum Exporting Countries (OAPEC), eine Art Unterorganisation der OPEC, ein Ölembargo gegen die Staaten verhängt, die Israel beim Jom-Kippur-Krieg unterstützt hatten. Im März 1974 musste das Embargo zurückgenommen werden, der Preis pro Barrel konnte aber von 3 auf 12 US-Dollar erhöht werden. Im Kontext der iranischen Revolution, 1979, konnte OPEC dann Preiserhöhungen bis auf 39,50 US-Dollar pro Barrel durchsetzen. In den 1980er Jahren gelang es dem seinerzeit mit den USA eng verbündeten Saudi-Arabien allerdings, den Ölpreis wieder in einen Bereich von 10 bis 20 US-Dollar pro Barrel zu drücken, was schließlich mit zur Auflösung der Sowjetunion beitrug.
2016 wurde die OPEC durch eine informelle Allianz zwischen den mittlerweile zwölf OPEC- und zehn Nicht-OPEC/DoC-Staaten (DoC = Declaration of Cooperation) zu OPEC+ erweitert. Diese Konstruktion erlaubte die Aufnahme Russlands und der Staaten der ehemaligen Sowjetunion in den OPEC-Orbit.
Durch die Erweiterung auf OPEC+ stieg die Marktmacht der Allianz von etwa 40 auf 59 Prozent des globalen Öl-Exports. Ihre nachgewiesenen Ölreserven vermehrten sich von mehr als 75 auf dominierende 88 Prozent der globalen Vorräte. Es ist nicht verwunderlich, dass das neokonservative Washington diese Entwicklung als Kampfansage betrachtet.
Der Petrodollar
Am 15. August 1971 hatte US-Präsident Richard Nixen den Goldstandard des US-Dollars aufgekündigt. Um die dadurch erlangte prinzipielle Fähigkeit, die US-Defizite und Schulden weltweit exportieren zu können, auch faktisch realisieren zu können, brauchte es eine Verankerung des US-Dollars in den internationalen Handelsströmen und Währungsreserven. Die Nixon-Regierung sah diesen Hebel im internationalen Kohlenwasserstoffhandel. Öl und Gas braucht jedes Land – wird der Handel in US-Dollar abgerechnet, braucht jedes Land US-Dollar. 1974 sandte Nixon seinen Finanzminister William Simon nach Saudi-Arabien, um den Saudis eines dieser Angebote zu machen, die man nicht ablehnen kann. Kern dieses „Deals“: Die Saudis verkaufen ihr Öl nur gegen US-Dollar. Die USA schützen dafür den Saudi-Clan gegen innere und äußere Feinde. Die Saudis investieren ihre so erlangten gewaltigen Mengen an Petrodollar in den USA, wo sie zwar einiges an Renditen abschöpfen können, allerdings keine Möglichkeit haben, relevante Anteile in sensiblen Bereichen zu erlangen.
Dieser „Deal“ von 1974, der im Prinzip von all den „Golfmonarchien“ nachvollzogen wurde, welche von den britischen und französischen Kolonialisten nach dem Ersten Weltkrieg etabliert wurden, wurde die Grundlage des globalen Petrodollar wie der Weltreservewährung US-Dollar ganz allgemein. Mit ihm hatte Washington das Bretton-Woods-Abkommen von 1944 den Finanzbedürfnissen des US-Imperiums angepasst und mit Saudi-Arabien ein mächtiges U-Boot in der OPEC. Bis 2025, als Saudi-Arabien und weitere andere Ölexportstaaten begannen, ihr Öl gegen Renminbi und andere Währungen zu verkaufen.
Eurasische Integration
Die Sowjetunion ist 1991 untergegangen und der Bewegung der Blockfreien fehlte es an ökonomischer, technologischer und militärischer Kraft, um ein wirkliches Gegenkonzept zum westlichen Kolonialismus realisieren zu können. Aber bereits 1996 entstanden mit den Shanghai Five (China, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Russland) die ersten Ansätze einer schnell wachsenden antihegemonialen eurasischen Integrationsbewegung.
Die Shanghai Five wurden 2001 zur Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). 2009 starteten Brasilien, Russland, Indien, China das BRIC-Projekt. 2010 kam Südafrika hinzu. Aktuell besteht BRICS aus zehn Mitglieds- und zehn Partnerländern. Ökonomisch betrachtet stellt das Staatenbündnis die G7-Kolonialstaaten deutlich in den Schatten. 2013 kündigte Chinas Präsident Xi Jinping das Mammutprojekt Belt and Road Initiative (BRI) an, welches Projekte in rund 150 Staaten weltweit durchführt. Diese Projekte der Eurasischen Integration und der Zusammenarbeit des Globalen Südens werden von den USA als erstrangige geostrategische Herausforderung betrachtet.
Man kann den Krieg gegen den Iran in seiner Komplexität nur verstehen, wenn man Iran als zentrales Element dieses Integrations- und Kooperationsprozesses begreift. BRICS, SCO und BRI haben die „kritische Masse“ erreicht, mit der sie die US-Hegemonie in Frage stellen können.
Teil II erscheint in UZ vom 27. März.
Kurzer Abriss einer langen Geschichte
Der Konflikt des Iran mit dem angloamerikanischen Finanzkapital und seinen Militär- und Regime-Change-Maschinen dauert seit mehr als einem Jahrhundert an. Er hatte von Anbeginn eine starke ökonomische Dimension, wie sie die Kriege der kapitalistischen Kolonialmächte ganz allgemein haben.
Mitte der 1850er Jahre begann die industrielle Ölförderung in Russland, Polen, Rumänien, Trinidad und in den USA und damit auch die Suche nach geeigneten Lagerstätten. Im Jahr 1901 erhielt der britische Spekulant William D’Arcy von der iranischen Regierung eine Lizenz zur Ölexploration und Förderung von Rohöl. 1909 wurde die Anglo-Persian Oil Company (APOC) gegründet, nachdem D’Arcys Männer Erdöl in der Nähe der Stadt Masdsched Soleyman entdeckt hatten. Die Konzessionszahlungen von APOC waren verschwindend gering bis nicht vorhanden und daher ein ständiger Konfliktherd.
APOC wurde 1935 zur Anglo-Iranian Oil Company (AIOP) und 1954, nach dem Putsch von CIA und MI6 gegen die Regierung von Mohammad Mossadegh, zu British Petroleum (BP). Der dann von der US-Marionette Reza Pahlavi und seinen SAVAK-Folterern regierte Iran machte alle Verstaatlichungsregulierungen rückgängig. Iran hatte sogar als Entschädigung für die Verstaatlichung pro Jahr 2,5 Millionen US-Dollar an AIOC/BP zu zahlen.
1979 gelang es den Iranern, Pahlavi zu stürzen und die Ölindustrie wieder zu verstaatlichen. Seither ist die Islamische Republik Iran so etwas wie der Erzfeind Washingtons und Tel Avivs. Und die westlichen Medien werden nicht müde, jene „Herrschaft der Mullahs“ lauthals zu beklagen, welche der „Wertewesten“ selbst herbeigeführt hat.









