Jack London zum 150. Geburtstag

Die erste Dystopie des Imperialismus

Jack Londons Weg als Sozialist und Schriftsteller ist der eines dramatischen Aufstiegs und tragischen Niedergangs, eine Geschichte, in der seine persönlichen Widersprüche letztlich seine tiefen politischen Überzeugungen überschatteten. Sein Sozialismus erwuchs aus der Armut seiner Kindheit, der Schufterei in einer Konservenfabrik, einer Jutespinnerei und einem Kraftwerk, wo er die ausbeuterische Logik des Kapitalismus am eigenen Leib erfuhr.

Diese Lehrzeit verdichtete sich 1894 während seiner Zeit als Landstreicher. Auf der „Landstraße“ erlebte er im März 1894, wie sich hunderte ausgebeutete Arbeiter in „Kelly’s Army“ kollektiv organisierten – und wie der Staat diese Solidarität gewaltsam unterdrückte. Im Umgang mit „Kelly’s Armee“ und durch die Schrecken im Erie-County-Gefängnis begann er, sich nicht nur als vereinzeltes, zufälliges Opfer zu sehen. In Güterwaggons und an Lagerfeuern hörte er zum ersten Mal Menschen über die Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels, über den Sozialismus diskutieren. Nach seiner Rückkehr nach Oakland wandte er sich der Theorie zu, und seine Lektüre des „Kommunistischen Manifests“ wurde zu einem Moment tiefster Offenbarung. Daraus gewann er die drei Säulen seiner Überzeugung: die Realität des Klassenkampfes, den fundamentalen Gegensatz zwischen Privateigentum und dem Inte­resse des Volkes und ein unerschütterliches Vertrauen in das gesetzmäßige Entstehen des Sozialismus.

Aktivist und Schriftsteller

Diese Verschmelzung von gelebter Erfahrung und sozialistischer Überzeugung katapultierte London in seine Zeit größter Schaffenskraft als Aktivist und Schriftsteller. Er wurde engagiertes Mitglied der Oaklander Sozialisten und damit regelmäßiger und unbezahlter Redner, der es hervorragend verstand, komplexe ökonomische Fragen einfach und klar zu erklären. Seine literarischen Werke wurden zur Waffe für die Sache. Im Sommer 1902 lebte er verdeckt als verarmter Matrose im Londoner East End, hauptsächlich in Whitechapel. Die daraus resultierende Reportage „Menschen der Tiefe“ (1903, 1928 in deutscher Übersetzung) lieferte eine schonungslose Anklage des Kapitalismus, eine Chronik des Hungers und Elends im Londoner East End – ein Buch, das seinen Namen in der internationalen Bewegung legendär machte und unter anderem George Orwells „Erledigt in Paris und London“ inspirierte. Mit wachsendem Ruhm setzte er diesen kompromisslos ein. Zum Präsidenten der Intercollegiate Socialist Society gewählt, begab er sich auf eine legendäre Vortragsreise, wo er seinen Zuhörern in Yale und Harvard verkündete, die Revolution sei hier und jetzt. Gleichzeitig schuf er eine einflussreiche Sammlung sozialistischer Essays, „The War of the Classes“, sowie brillante polemische Kurzgeschichten. Werke wie „The Apostate“ (1906, Deutsch: Der Abtrünnige, 1929), eine vernichtende Erzählung über Kinderarbeit, „Something is Rotten in Idaho“ (1906, Etwas ist faul in Idaho), eine Verteidigung zu Unrecht verurteilter Gewerkschaftsführer, und Parabeln wie „The Strength of the Strong“ (1911, Deutsch: Die Kraft der Starken, 1988) wurden weit verbreitet als Flugschriften und rüsteten die gesamte Bewegung mit schlagkräftigen Argumenten aus. Der Höhepunkt dieser Periode und zugleich Londons sozialistisches Vermächtnis war sein 1908 veröffentlichter Roman „Die eiserne Ferse“ (erste deutsche Übersetzung 1922) – Londons tiefgründigste und prophetischste Schöpfung.

Verrat an den eigenen Ideen

Doch derselbe Erfolg, der London diese Plattform verschaffte, führte zu einem grundlegenden Konflikt zwischen seinen revolutionären Idealen und seinen persönlichen Ambitionen. Sein immenser Reichtum, den ihm Bücher wie „Der Ruf der Wildnis“ einbrachten, finanzierte seine ausgedehnte Glen-Ellen-Ranch, trieb ihn aber gleichzeitig zu offen kommerzieller Schreiberei. Der Schriftsteller, der einst dem proletarischen Internationalismus verpflichtet war, behauptete nun in seinen Südsee-Erzählungen die inhärente Überlegenheit der angelsächsischen „Rasse“. Ebenso schwerwiegend war der Bruch mit ­seinen früheren Prinzipien: Der Mann, der 1911 die mexikanische Revolution als heroischen Aufstand gefeiert hatte, diente 1914 als Kriegsberichterstatter, verteidigte die US-Intervention und bestand darauf, dass die USA als Ordnungsmacht in Mexiko auftreten müssten. Dieser Verrat an seinen früheren Überzeugungen gipfelte 1916 in seinem Austritt aus der Sozialistischen Partei. Londons kriegsbefürwortende, imperialistische Haltung brachte ihn nun in Übereinstimmung mit jenen Kräften, die er einst bekämpft hatte. Isoliert, krank und desillusioniert, erlag er schließlich jener Verzweiflung, die er in seinem autobiografischen Roman „Martin Eden“ (1909) schilderte.

Dennoch muss Jack London als brillante Stimme der Arbeiterklasse in Erinnerung bleiben – im Kampf geschmiedet, durch Genie verstärkt und letztlich von den zersetzenden Widersprüchen jenes Systems zum Schweigen gebracht, das er zu stürzen suchte.

„Die eiserne Ferse“

Unter Linken ist London wahrscheinlich am besten für seine Dystopie „Die eiserne Ferse“ bekannt, verfasst auf dem Höhepunkt seines progressiven politischen Engagements (1905 – 1907). Dieser Roman ist nicht nur ein einzigartiges Werk revolutionärer Literatur, sondern auch der Höhepunkt von Londons sozialistischem Denken. „Die eiserne Ferse“ ist ein grundlegender Text des dystopischen Genres und entstand als direkte Reaktion auf den Beginn des imperialistischen Zeitalters. Er unterzieht den Monopolkapitalismus einer scharfen Klassenkritik und legt die Macht von Finanz- und Industriekapital – Morgan, Rockefeller, Standard Oil, U. S. Steel – ebenso wie die Korruption von Presse, Justiz und Kirche bei der Verteidigung dieser Inte­ressen offen. London schildert die Tendenz des Kapitalismus zur Diktatur sowie die gewaltsame Unterdrückung der organisierten Arbeiterbewegung und warnt vor Illusionen parlamentarischer Reformen oder eines friedlichen Übergangs zum Sozialismus. Er zeigt, wie das Wachstum von Monopolen zu einer immer mächtigeren Oligarchie, zu Kriegen, zur Zerschlagung von Arbeitern und jeglichem Widerspruch und schließlich zu Weltkriegen führt. Londons tiefes Verständnis des inhärenten Wesens seiner Zeit ist nahezu unheimlich. Nachdem er das politische Klima und die blutige Zerschlagung der Russischen Revolution von 1905 studiert hatte, argumentierte er, dass die herrschende Klasse ihre Macht niemals freiwillig abgeben werde; sie müsse durch revolutionäre Gewalt gestürzt werden. Er bricht entschieden mit der Vorstellung, Sozialismus könne durch friedliche Reformen erreicht werden, und sagt die Revolutionen voraus, die Europa innerhalb eines Jahrzehnts (1917/1918) erschüttern sollten. Mehr noch, London sagt die imperialistischen Kriege des 20. Jahrhunderts mehrere Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs voraus. Zudem ist der Roman eine prophetische Warnung vor dem Aufkommen faschistischer Diktaturen. Londons „Oligarchie“ oder „eiserne Ferse“ ist ein brutales Regime, errichtet von kapitalistischen Monopolen, um eine aufstrebende sozialistische Bewegung zu zerschlagen – eine Dynamik, die sich später in Italien und Deutschland – sowie darauf in anderen europäischen Ländern – etwa zwanzig Jahre später verwirklichen sollte. Sein Konzept einer herrschenden Oligarchie aus Industriellen und Finanziers bleibt bis heute frappierend aktuell und veranschaulicht die anhaltende, rücksichtslose Durchsetzung imperialistischer Hegemonie gegen jeden Widerstand.

Der Roman liefert eine vernichtende Kritik reformistischer Politik und zeigt, wie Versuche, das System von innen zu ändern, zum Scheitern verurteilt sind, da die herrschende Klasse sie vereinnahmt oder zerschlägt. Das Schicksal von Bischof Morehouse, der für seinen Glauben in eine Irrenanstalt eingewiesen wird, und des Vaters der Erzählerin – eines Wissenschaftlers, der einfach verschwindet – verdeutlichen diese Realität. Auch die Taktik der Oligarchie, die Arbeiterklasse durch die Heranzüchtung einer Arbeiteraristokratie zu spalten, wird betont. Zugleich unterstreicht London die Bedeutung internationaler Solidarität der Arbeiterklasse: Das Kapitel „Der Generalstreik“ schildert eine koordinierte Arbeitsniederlegung US-amerikanischer und deutscher Arbeiter, die damit einen drohenden Krieg zwischen ihren herrschenden Klassen erfolgreich verhindern.

„Die eiserne Ferse“ ist einzigartig in seiner Erzählstruktur. Als ein Manuskript präsentiert, das Jahrhunderte später, nach dem endgültigen Sieg des Sozialismus, entdeckt wird, erlaubt es London, durch Vorwortkommentare und Anmerkungen, seine Gegenwart aus einer zukünftigen, sozialistischen Perspektive zu satirisieren. Die Verbindung von Erzählung, faktischem Material und Anmerkungen aus der Zukunft erzeugt dramatische Ironie – Leser wissen von Anfang an, dass die unmittelbare Revolution scheitern wird. Zugleich versichern diese Kommentare, dass nach Jahrhunderten des Kampfes letztlich eine sozialistische Utopie erreicht wird, was dem Roman historischen Optimismus verleiht.

Das Buch schuf mit der Figur des Arbeiter-Revolutionärs Ernest Everhard einen neuen Heldentypus in der US-Literatur – eine Synthese aus London selbst und Persönlichkeiten wie Eugene V. Debs und „Big Bill“ Haywood. Doch diese Betonung der Ideen geht auf Kosten der Charaktertiefe: Everhard fungiert oft eher als „lebendiges Sprachrohr“ für Londons Ansichten denn als voll ausgearbeitete literarische Figur. Er erscheint als bereits vollständig geformte Persönlichkeit, wobei London auf die Darstellung seiner politischen und geistigen Entwicklung verzichtet. Ähnlich entwickelt sich die Erzählerin, Avis Everhard, von einer Professorentochter zu einer überzeugten Revolutionärin, doch auch ihre Entwicklung bleibt weitgehend funktional, den Ideen des Romans untergeordnet. Einige Figuren sind differenzierter gestaltet, insgesamt handelt es sich jedoch primär um einen Ideenroman.

Wie im fiktiven Vorwort und in den Anmerkungen des Romans zum Ausdruck kommt, entwirft „Die eiserne Ferse“ die Vision, dass eine sozialistische Gesellschaft erst nach Jahrhunderten des Kampfes entstehen könne – durch aufeinanderfolgende Aufstände und wiederholte Herausforderungen der bestehenden Macht. Damit bietet der Roman auch in unserer Zeit den Bewegungen für Gerechtigkeit sowohl Perspektive als auch Hoffnung.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Kapitalismus in eine aggressivere, internationalere Phase eingetreten und gestaltete die globale Ordnung neu. Technologischer Fortschritt und wachsende urbane Armut bereiteten weiter den Boden für den Ersten Weltkrieg, während verschärfte koloniale Expansion neue Kämpfe um Ressourcen hervorrief und weitere Konflikte entfachte. Traditionelle humanistische und rationalistische Weltanschauungen wurden zunehmend von einem machtorientierten Antirationalismus und Antihumanismus verdrängt, wobei der Nihilismus zur prägenden Ideologie der imperialistischen Moderne wurde – und den Weg für Hitler und andere faschistische „Lösungen“ ebnete.

Drei Kunstwerke markieren das Aufkommen des Imperialismus, indem sie den globalen Schrecken, den er entfesseln sollte, erfassen und zugleich dauerhafte internationale Anerkennung erlangten: Edvard Munchs „Der Schrei“ (1893), Jack Londons „Die eiserne Ferse“ (1908) und W. B. Yeats’ Poem „The Second Coming“ (1919, Das zweite Kommen). Unter ihnen nimmt London als einziger Sozialist eine Sonderstellung ein. „Die eiserne Ferse“ ist der erste Roman, der die Logik des Imperialismus systematisch darstellt und damit das konstituierende dystopische Werk der imperialistischen Epoche darstellt.

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"Die erste Dystopie des Imperialismus", UZ vom 9. Januar 2026



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