Zum Tod des politisch engagierten, literarisch überragenden Schriftstellers

Erasmus Schöfer schuf seiner Zeit ein Denkmal

I.
Am 7. Juni 2022 ist Erasmus Schöfer drei Tage nach seinem 91. Geburtstag nach schwerer Krankheit in Köln gestorben. Mit Blick auf das Werk des Philosophen und Schriftstellers, des Mythenkenners und Lustmenschen, klingt diese Mitteilung fremd. Sie ist es auch, wendet man den Blick von der Vergänglichkeit zum Bleibenden: seinem umfangreichen und vielseitigen Werk. Schöfers künstlerisches Gewissen drängte nach dem überragenden literarischen Werk, mit der gleichen Nachdrücklichkeit verlangten darin politische Arbeit und lebbare Wirklichkeit ihren Platz. Letztlich setzte er auf Erfahrung, seine „Erfahrungen mit der geschichtlichen sozialen Realität lehrten (ihn) doch die immer wieder aufbauenden und mitleidenden Fähigkeiten der Menschen kennen und darstellen“ (Brief an den Autor vom 3. 1. 2016). Das reicht in mythische Bereiche der Menschheit zurück und in die Weiten der sozialen Utopie voraus. Nun ist er gegangen, uns bleibt sein Werk, zwingend und lustvoll fordernd und fördernd.

II.
Geboren wurde Erasmus Schöfer am 4. Juni 1931 in Altlandsberg als Sohn einer Lehrerin; nur einmal im Leben traf er den Vater, das genügte ihm. Stationen seiner Bildung waren Realgymnasium, Freie Universität Berlin, danach die Universitäten Köln und Bonn, schließlich Freiburg und dazwischen drei Jahre Fabrikarbeiter, Dolmetscherschule am Abend. Er schrieb bei Leo Weisgerber 1960 eine Dissertation über „Die Sprache Heideggers“, lebte einige Jahre auf Patmos, an Hölderlin denkend, und Ithaka – diese Lebensstationen hinterließen Themen in seinem Denken und Schaffen.

1969 wurde er einer der Mitbegründer des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt, dessen Sprecher er 1970 bis 1973 im Kollektiv war. Er selbst war aktiv im Werkkreis Düsseldorf und an vier der bekanntesten Bücher des Werkkreises beteiligt. 1978 zog sich Schöfer aus dem Werkkreis zurück. Um seinen Beitrag „Schriftsteller im Kollektiv“ hatte es, nach der Veröffentlichung 1978 in der Zeitschrift „L 76“, heftige und unsachliche Angriffe auf ihn gegeben, letztlich die Ursache der Trennung. Für den Werkkreis ein Verlust, wie seine weitere Entwicklung bestätigte. Die oft pragmatische Haltung des Schriftstellers war eine günstige Voraussetzung für die Arbeit in der Dortmunder Gruppe 61 und für sein Wirken über 15 Jahre für den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, der dann „in der kulturpolitischen Isolation“ verkümmerte, wie Schöfer einschätzte.

Schöfers Sicht auf den Werkkreis war immer eine zweiseitige, wie überhaupt sich für ihn Literatur immer mit einer aktiven Entäußerung des Menschen verband. So orientierte er den Werkkreis nicht auf Veröffentlichungen, was auch eine Reduktion bedeutete, sondern brachte den Lern- und Bildungsprozess ins Spiel, den Literatur auslöst und Formen wie den Werkkreis zur „Volkshochschule der schreibenden Arbeiter“ macht. Lernen, Denken, Schreiben und Handeln waren für Schöfer ein zusammengehöriger Prozess, in dem unterschiedliche Denkmöglichkeiten ihren Platz fanden. Sie mussten, das wurde zu seinem Vermächtnis, einem menschlichen Leben dienen. 1990 meinte er, seine Hauptaufgabe spät entdeckt zu haben: „Chronist zu sein der Rebellen dieses Landes als Zeitgenossen des eigenen Lebens.“

III.
Eine erste Phase seines vielfältigen literarischen Schaffens – Flugschriften, Dramatisches in verschiedensten Formen – ging in Prosa auf; die Themen blieben sich ähnlich, die Formen wurden zuerst vom agitatorischen Wirken geprägt. Seine Fernsehspiele fanden in dem anderen Deutschland, der DDR, eine Heimat und wurden 1978 als „Texte für Theater, Film, Funk“ gedruckt. In der DDR hatte sich eine Fernsehkultur entwickelt, in der soziale Fragen, sozialökonomische Widersprüche und Arbeitsprozesse das Programm bestimmten und zu einer künstlerisch hochstehenden Kunst führten – Namen wie Helmut Sakowski, Benito Wogatzki und andere standen dafür. Erasmus Schöfer gesellte sich dazu.

Nach langem Bemühen erschien 1986 der Roman „Tod in Athen“, der die Keimzelle zu seiner überragenden Tetra­logie „Die Kinder des Sisyfos“ wurde. Die agitatorischen Zuspitzungen lösten sich in intensive Beschreibungen auf, um sie endlich mit leidenschaftlicher Lyrik, die aus der Prosa hervorging, zu krönen. Aus der agitatorischen Momentaufnahme wurde die bis ins Mythische getriebene Menschheitsschau. Schöfer schuf eine Einheit aus Dokumentarischem und Literarischem. Das wurde auch in der formalen Experimentierfreudigkeit des Autors in dem Werk deutlich. So bildete sich langsam, konsequent und zielgerichtet das umfassende Thema seines Sisyfos heraus, gespeist aus einem engagierten und nie beiläufig verstandenen Leben. Bei der Rückschau schrieb er, er habe 1986 „Tod in Athen“, Vorläufer des 3. Bandes der Tetralogie, „ein inzwischen offenbar wieder stärker utopisches Mottogedicht vorangestellt, das meine Weltsicht in Kürze zusammenfasst“ (Brief a. d. A. vom 3. 1. 2016):

Nachricht von Sisyphos
Gewisse Erleichterung deutlich.
Der Fels nutzt sich ab, ist tragbar
geworden.
Rollt nicht ins Tal.
Öfter fand ich ihn in halber Höhe des Bergs.
Steigt sich besser jetzt, kann
ausschauen.
Bei klarer Sicht Ausblick in das
Jahrtausend,
da ich den Stein zum Gipfel trage
und er,
vom Wind erfasst, als Staubkorn
davonfliegt.

Die Romantetralogie wurde als Chronik der Achtundsechziger-Bewegung und der bundesrepublikanischen Geschichte bezeichnet. Sie ist mehr: Eine mythisch geprägte Überschau der Menschheitsgeschichte, vom Mythos des Sisyphos über seine vielfachen Deutungen, zum Beispiel bei Camus, bis in die Gegenwart, aufgelegt einem deutschen Erfahrungshorizont. Die Tetralogie ist Höhe- und Endpunkt dieses Schaffens wie des Denkens Schöfers; ihr literarhistorischer Standort ist genau und präzise zu bestimmen. Mit seiner Zusammenführung von Gegenwartsgeschehen und Mythos in einem größeren historischen Zeitraum bot er ein Pendant zu dem ähnlich präzisen Gesamtwerk Christoph Heins, bei dem der Mythos zum verlorenen, aber des Erinnerns werten Entwurf und zum Gegensatz der unmenschlichen vernichtenden Zivilisation wird.

Die Arbeit an dem Werk „Die Kinder des Sisyfos“, dem er die Bezeichnung „Zeitroman“ gab, begann der Autor 1990 nach dem Ende der DDR. Der erste Band „Ein Frühling irrer Hoffnung“ erschien 2001 zu seinem 70. Geburtstag. Die Tetralogie wurde zum literarischen Denkmal für einen geschichtlichen Prozess, der von einem Sozialismusmodell, von dessen Einfluss auf die westdeutsche Entwicklung und von der sich seit den sechziger Jahren verschärfenden weltweiten Auseinandersetzung geprägt wurde. Beschrieben wurde das Scheitern des Sozialismusmodells und eine Machtausweitung des Kapitalismus, der in den ehemals sozialistischen Ländern wieder zu herrschen begann, ohne dabei noch auf ein freundliches Gesicht Wert legen zu müssen. Die Schlacht war entschieden, „das kapital hat gesiegt, die sozialisten haben verloren“: Das steht in einem Brief vom Dezember 1989, der den 1. Band der Tetralogie eröffnet und die Lage am Ende des Gesamtwerkes – es schließt Silvester 1989 – vorwegnimmt; der letzte Band wurde ein Band der Niederlagen: Eine Hauptgestalt des Werkes, Dr. Viktor Bliss, Historiker, Linker, Wahrheitssucher und Literatur­interessierter, ist ganz unten, im Slum, gelandet, in einem Kellerloch zwischen Müll und Einsamkeit. Die Tetralogie endet aber mit Hoffnung, „Lachen“ und „überschäumende(r) Freude“, wenn in der Silvesternacht 1989 „rote Fetzen“ als Rest der roten Fahne, die auch am Anfang wehte, über einer stillgelegten Fabrik gehisst werden (Winterdämmerung, S. 619).

Ein schmaler Hoffnungsstreif geht von der letzten Kapitelüberschrift „Erwartung der Zukunft“ und von dem die Tetralogie schließenden Gedicht „Sisyfos Kinder“ aus: „Ratlos die Söhne / ziehen die Stiefel aus / Die Tochter lächelt / zeigt in die blauende Nacht / Da strahlt im Orion / der Vater“.  – Sterne und Himmel, Symbole der Hoffnung: Aus den Tiefen der Unterwelt sind Orion und Sisyphos zum Sternbild geworden und an den Himmel gelangt. Es gibt Hoffnung, aber sie ist zwiespältig und embryonal. Wie schon oft in der Literatur setzt Schöfer Vertrauen in die Literatur, vor allem dann, wenn sie philosophische Entwürfe für eine menschliche Gesellschaft mit antiken Bildwelten und dem Verweis auf die sozial-politische Mitgestaltung der Gesellschaft durch jeden Einzelnen verbindet.

Im Spannungsfeld von ästhetischem Wollen und sozialer Verantwortlichkeit, dem Schöfer sich stellte, ist die Tetra­logie als Ergebnis und Vermächtnis zu betrachten. Wie in philosophischen Konzepten von Hegel bis Marx gesagt wird – der Philosoph Schöfer hatte seine Kenntnisse auch im täglichen Kampf parat –, dass sich alles zweimal entwickelt und beim zweiten Mal als Satire in die Welt kommt, so folgte der Tetralogie die Lyriksammlung „Sisyfos Lust. Lauter ewige Lieben“. Statt Satire wird der Mensch von Lust und Liebe erfasst, ein Zukunftsentwurf besonderer Art, durchaus hoffnungsvoll. Das bedeutete andererseits, dass Schöfer vor der Gestaltung von Grausamkeiten zurückschreckte. So schrieb er über den von ihm wegen seiner „Sprachkraft“ verehrten Heiner Müller, dass er dessen „Entschlossenheit, die Exzesse menschlicher Leidenschaften poetisch anzupacken“ in Frage gestellt sah „durch die unerbittliche Grausamkeit und Einseitigkeit der Darstellung in seinen Stücken“ (Brief a. d. A.vom 3. 1. 2016). Natürlich wusste Schöfer um die unerbittliche Unmenschlichkeit, aber er vertraute Leidenschaft und Lust bei deren Überwindung, ein Wegweiser zum antiken Mythos, den er, wie Müller, wählte, aber anders deutete: „Soll man es denn für eine unbillige Verklärung der frühen griechischen, ägyptischen Gesellschaften … ansehen, wenn man feststellt, dass sie die Kunst und die Schönheit in die Welt erfanden und pflegten?“ (Brief a. d. A.vom 3. 1. 2016). Was bei anderer Gelegenheit als Pornografie bezeichnet würde, wurde in Schöfers Tetralogie hocherotische Leidenschaft als Inbegriff eines erfüllten Lebens und in seiner Lyrik ins teils Schmucklose und Sachlich-Nüchterne, teils Ungewohnte übersetzt.

IV.
Erasmus Schöfer war ein leidenschaftlicher Feuilletonist. Zu seinem 80. Geburtstag erschien ein Band mit gesammelten Feuilletons von 1964 bis 2009. Sie flankierten ein umfangreiches literarisches Lebenswerk, in dessen Mittelpunkt „Die Kinder des Sisyfos“ steht, die sich aber, wie Schöfer selbst einschätzte, „dem Hauptstrom verweigert“. Das Feuilleton bedeutete Öffentlichkeit, aus der die Leser gewonnen wurden. Dazu gehörten für den Autor die Verleger, Schöfer hatte den seinen in Volker Dittrich gefunden, der auch zum Freund wurde. Es haben sich auch andere Partner gefunden. Sie wurden zu Vermittlern zwischen dem Erasmus Schöfer der gigantischen Tetralogie und dem feuilletonistischen Chronisten der sozialen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, die sich nicht an ein Land hält, sondern deren Klassenwidersprüche und Klassenkämpfe sich international vollziehen. Seine Feuilletons wurden dafür ein aufschlussreiches Dokument. Ein beeindruckendes Beispiel dafür lieferte er in dem Feuilleton „Realismus und Sozialismus“ (1964), das den oben genannten Band eröffnet: Er führte den Begriff des Realismus auf seine Ursprünge zurück und löste den sozialistischen Realismus aus den Verzerrungen, die er zeitweise erlebt hatte.

V.
Als Schöfer anlässlich der Verleihung des Gustav-Regler-Preises 2008 eine Dankrede hielt, verglich er den Internationalisten Regler mit den Themen des eigenen politischen Kampfes, der immer auch ein literarischer war. Themen, die seinen Kampf, sein Leben bestimmten, waren nichtverjährte Naziverbrechen, Berufsverbote (im Fernsehspiel „Verfolgung“, 1977), vietnamesischer Befreiungskampf, Arbeitslosigkeit (Fernsehspiel „Abgefunden“, 1982), Naturzerstörung, Gefahr durch Atomkraft und anderes. Was Schöfer in dieser Rede über Regler sagte, war die Beschreibung der eigenen Haltung: „Er hat sich eingemischt, er hat gelebt, was er zu schreiben für notwendig hielt, um Not zu wenden.“ Nicht immer wird solche Haltung mit Zustimmung beantwortet, auch unter Geistesverwandten nicht; das hat Erasmus Schöfer oft erlebt. So wie er seine Themen bewusst wählte und ihre Verarbeitung komponierte, so machte er sich über Folgerungen Gedanken. Dabei beschäftigte ihn intensiv die Gestalt des Erzählers, bis er nach langem Bedenken und Versuchen, unter Prüfung seiner Frage bei Autoren wie Anna Seghers und Thomas Mann, für sich zu der Erkenntnis kam: „Mit wurde aber allmählich klar, dass der schreibende Autor immer auktorial ist, ob er das dem Leser zu erkennen gibt oder nicht. Immer ist er der, der auswählt, was er erzählt, und die Leser, indem sie ein belletristisches Werk kaufen, müssen diese Willkür in Kauf nehmen, so dass es eigentlich nur für sie von Interesse ist, wie gut, wie glaubhaft die Autorin erzählt.“ (Brief a. d. A. vom 2. 4. 2014). Das hieß in jedem Falle, Verantwortung zu übernehmen und als Handelnder zu wirken.

Erasmus Schöfer, der zu den bedeutenden Schriftstellern der Gegenwart gehörte, hat ein epochales Werk geschaffen, das – wie sollte es bei dem von ihm gestellten politischen Anspruch anders sein – nicht die angemessene Aufmerksamkeit der Literaturkritik und des Feuilletons bekommen hat; das aber verhindert nicht seinen bleibenden Wert und sein dauerhaftes Leben, im Gegenteil: Es stellt sich an die Seite von Uwe Johnsons Romanzyklus „Jahrestage“ und Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstands, hat Partner in Volker Braun, der in einem Gruß an Schöfer die Gemeinsamkeit benennt. Indem sie beide „eine Erde“ haben, „die sie treten“; ein „Moment der Vergeblichkeit“ für beider Wirken wird abgelehnt.

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Erasmus Schöfer schuf seiner Zeit ein Denkmal", UZ vom 17. Juni 2022



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