Zum 95. Geburtstag von Täve Schur

Fahren für den Frieden

Am 23. Februar begeht einer der wohl bekanntesten Rennradsportler Deutschlands, Gustav Adolf Schur, seinen 95. Geburtstag. „Täve“, wie ihn viele von uns einfach nennen, war und ist bis heute ein Symbol für Leidenschaft, Ausdauer und den unermüdlichen Glauben an die eigenen Träume. Sein Lebensweg symbolisiert ein Jahrhundert auf zwei Rädern, deren Spuren immer ein Zeichen für den Frieden waren.

Täve wurde am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Bereits in jungen Jahren zeigte sich sein außergewöhnliches Talent. Seine Begeisterung für das Rennrad, seine Disziplin und seine nie endende Freude am sportlichen Wettkampf machten ihn zu einer lebenden Legende. Unvergessen bleiben die großen Siege, die triumphalen Momente bei der Internationalen Friedensfahrt, die Titel als Weltmeister und unzählige nationale Erfolge, die Generationen von Sportbegeisterten in ihren Bann gezogen haben. Meine Erinnerung reicht weit zurück und noch heute klingen mir die Meldungen von Radio DDR in den Ohren, wenn die Friedensfahrt-Fanfare – 1952 von Paul Noack-Ihlenfeld komponiert – den Beginn der Streckenberichterstattung ankündigte. Wie gebannt saßen wir vor den Lautsprechern und verfolgten den Verlauf der jeweiligen Etappe. Groß war die Freude, wenn einer der Mannschaftskollegen des DDR-Teams in den blauen Trikots mit der Friedenstaube auf der Brust – der von Picasso gestalteten Friedenstaube, bis heute Zeichen der Friedensbewegung – den Sieg holte. Ein besonderer Höhepunkt war, wenn wir zum Beispiel im Kulturhaus der Glashütter Uhrenfabrik (GUB) das gemeinschaftliche Erlebnis teilten, vor einem der damals noch rar vorhandenen TV-Geräte den Course de la Paix live zu verfolgen. Danach hielt uns nichts mehr auf den Stühlen und wir schwangen uns auf unsere Fahrräder – ich war schon früh ein stolzer Besitzer eines Diamant-Sportrades – und veranstalteten unsere „kleine Friedensfahrt“ und eiferten unserem großen Vorbild Täve nach.

Täve Schur war immer und ist bis heute ein Teamplayer – einer, der andere mitreißt und motiviert. Seine bescheidene und freundliche Art hat ihm die Herzen der Menschen weit über die Grenzen des Sports hinaus geöffnet als ein Beispiel dafür, wie sportlicher Erfolg und menschliche Größe Hand in Hand gehen können. Sein erstes Rennrad war von Diamant und gehörte seinem Vater, der es ihm aber wieder wegnahm, als er hörte, dass sein Sohn damit ein Jugendrennen fahren wollte. Und so ging Täve, wie er schreibt, in Wolmirstedt mit seinem alten Tourenrad ins Rennen.

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VIII. Friedensfahrt Prag-Berlin-Warschau: Großer Jubel für Täve Schur, den Träger des Gelben Trikots, beim Start der 9. Etappe. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-30490-0002 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 / Bearb.: UZ)

Täve Schur erfuhr sich später seine Siege auf Diamant-Rennrädern. Die Fahrräder des VEB Fahrradwerke Elite Diamant in Karl-Marx-Stadt wurden durch Schurs Siege zur Legende. Beide wurden zu Symbolen des DDR-Sports. Elite Diamant war der Ausrüster der DDR-Nationalmannschaft und Täve Schur war das Gesicht dieser Räder. Seine Lebensgeschichte ist auch eng mit der Entwicklung dieser Fahrradwerke in der DDR verbunden. Die Fahrradmodelle waren robust, langlebig und funktional. Die typischen Merkmale waren ein Stahlrahmen, ein einfaches und reparaturfreundliches Design mit standardisierten Komponenten. Mit dem Straßenrennrad Nr. 167 holt Täve Schur 1958 auf der Internationalen Friedensfahrt den 2. Platz für die DDR-Mannschaft. Die DDR-Rundfahrt der Radrennfahrer im selben Jahr bestritten alle Aktiven auf den ersten Diamant-Straßenrennrädern mit Achtgangschaltung. Auf dem „Friedensfahrtmodell“ – der Rennradtechnik der 1950er/60er Jahre – wurde Täve im selben Jahr Sieger bei der WM der Radamateure in Frankreich – als erster deutscher Fahrer überhaupt. Die Rennräder, auf denen Schur fuhr, waren Diamant-Eigenentwicklungen. In den späteren Jahren machten diese Räder auch im Ausland von sich reden, als Täve auf ihnen zahlreiche Siege einfuhr. Täve war sehr häufig zu Konstruktionsberatungen im Fahrradwerk und fachkundiger Berater der Fahrradbauer in Karl-Marx-Stadt. So manche Verbesserung an der Schaltung, dem Rahmen und den Lenkervorbauten ging unter anderem auch auf seine Vorschläge zurück. Der rege Gedankenaustausch mit Ingenieur Hans Friese und den anderen Konstrukteuren ist ihm heute noch gut in Erinnerung, so zum Beispiel die Entwicklung einer neuen Vorderradgabel, die, so seine Meinung, bis heute in ihrer Qualität nicht übertroffen wird. Basis waren, betonte er in einem jüngsten Gespräch, die Rückmeldungen über Qualitätsmängel und nicht funktionierende Techniken an den Rädern an die Fahrradbauer in Karl-Marx-Stadt. Ob es Felgen, Schlauchreifen oder Speichen waren, die anfänglich für teure Devisen im Ausland eingekauft werden mussten, bemühten sich die Werktätigen in den DDR-Betrieben, eigene und wesentlich bessere Komponenten, mit eindeutig qualitativeren Materialien, aus der nationalen Produktion für die Rennräder herzustellen. Wenn er sich an deren Initiativen und Vorschläge für DDR-Eigenkonstruktionen erinnere, laufe ihm „heute noch das Herz über“.

Der Name Täve Schur steht jedoch nicht nur für Medaillen, Pokale und Fahrradinnovation, sondern vor allem für Fairness, Sportsgeist und Kameradschaft. Täve war und ist einer, der andere mitreißt und motiviert. Seine bescheidene und freundliche Art hat ihm die Herzen der Menschen weit über die Grenzen des Sports hinaus geöffnet. Auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere blieb Täve Schur dem Radsport eng verbunden. Nach der Wende engagierte sich Schur auch weiter politisch. Als ehemaliger Sportler der DDR und Mitglied der Volkskammer setzte er sich aktiv für die Förderung des Breitensports ein. Immer wieder lud man ihn zu Veranstaltungen als Ehrengast oder Redner ein. Er kämpfte für die Rechte von Sportlern und half zahlreichen sozialen Projekten. Sein Auftreten als Mitglied des Deutschen Bundestages, seine klare politische Haltung zu den aktuellen Fragen der Zeit und sein langjähriges Wirken für den Frieden machen ihn zu einem Vorbild.

Herzlichen Glückwunsch zum 95. Geburtstag, lieber Täve Schur. Frieden, Kraft und Gesundheit für die nächsten Jahre wünschen wir dir! Ganz nach deinem Motto: „Der Mensch bewegt sich nicht weniger, weil er alt wird, sondern er wird alt, weil er sich weniger bewegt!“

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"Fahren für den Frieden", UZ vom 20. Februar 2026



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