Zum 70. Todestag von George Bernard Shaw

Für die Frauen der Arbeiterklasse

Pat Campbell als Eliza, von Shaw selbst für die Rolle im Jahr 1914 engagiert.

Geboren am 26. Juli 1856 in Dublin, lebte Shaw sein ganzes Erwachsenenleben in London, dort in der Nähe starb er am 2. November 1950. Shaw war zwei Dinge ganz ausdrücklich, so seine eigene Einschätzung, nämlich Vegetarier und Sozialist. Er las „Das Kapital“ in Abwesenheit einer englischen Fassung auf Französisch, die Lektüre wurde für ihn zu einem „Wendepunkt“. Er trat den sozialistisch orientierten Fabianern bei, einer von Intellektuellen gegründeten politischen Gesellschaft, die ihre Wirkung besonders in der Zeit von 1887 bis 1918 hatte. Shaw spielte hier bald eine führende Rolle, er verfasste das „Fabian Tract No 1“ und fragt darin anklagend „Why Are the Many Poor?“; der Nr. 2 gibt Shaw den Charakter eines Manifests, das mit seinen Forderungen nach Landreform, Abschaffung indirekter Steuern und Frauenwahlrecht einen radikalliberalen Charakter hatte.

Seine vielleicht berühmteste Komödie „Pygmalion“ verfasste Shaw 1912. Den unmittelbaren Hintergrund bildet die britische Frauenwahlrechtsbewegung. Professor Henry Higgins, internationale Koryphäe der Phonetik, trifft auf die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle und brüstet sich vor dem aus Indien angereisten Kollegen Pickering damit, dass er die Arbeiterfrau innerhalb kurzer Zeit als Herzogin ausgeben könne. Die Wette zwischen den Männern gilt. Neben Eliza Doolittle sind zwei weitere Frauen von Bedeutung: Mrs. Pearce, Henry Higgins’ schottische Haushälterin, sowie seine Mutter, Mrs. Higgins.

Mrs. Pearce stellt sich schützend vor Eliza und spricht ganz praktisch über wirtschaftliche und soziale Aspekte, was die Stellung der jungen Frau im Haushalt betrifft, ihr Einkommen, und sie sieht realistisch Schwierigkeiten nach Abschluss der Wette voraus. Sie durchschaut Higgins‘ Vorurteile und Menschenverachtung. Mrs. Higgins äußert ähnliche Bedenken: „Das Problem ist, was danach mit ihr werden soll.“ Wie Mrs. Pearce erkennt sie, dass eine Umstellung Elizas auf die Lebenspraxis des Bürgertums dazu führen würde, nicht mehr für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können.

Im Gegensatz dazu gibt es keine bürgerliche männliche Figur vergleichbaren Formats. Die Männer sind sich dessen selbstverständlich nicht bewusst. Shaw macht es seinem bürgerlichen Publikum natürlich auch nicht so leicht, seine Intention zu durchschauen. Uns werden gelehrte Sprachwissenschaftler vorgeführt sowie ein Mann der Arbeiterklasse – Elizas Vater Alfred Doolittle –, der den Akademikern an Verstand in keiner Weise nachsteht.

Nachdem Higgins sie tatsächlich als Herzogin ausgeben kann, seinen Sieg mit Pickering bejubelt und Eliza keinen Anteil daran einräumt, rebelliert sie. Trotz Higgins‘ Sarkasmus und seiner ihn entlarvenden Einstellung zu ihrem weiteren Werdegang behauptet Eliza ihre Würde. Higgins äußert sich zutiefst verächtlich über Eliza, die er meint, „aus der Gosse“ geholt zu haben, in die sie wieder zurückkehren kann, wenn er seine Wette gewonnen hat. Die Selbstverwirklichung einer Frau durch eigene Arbeit kommt ihm nicht den Sinn. Seine größte Krise entsteht, als Eliza ihm sagt, sie wird ihren Lebensunterhalt von nun an durch Phonetikunterricht bestreiten, denn Eliza hat ein musikalischeres Ohr als er.

In dem Stück geht es ebenso sehr um Klassenverhältnisse wie um Frauenrechte. Für Shaw sind beide nicht voneinander zu trennen. Eliza Doolittle hat von Anfang an einen ausgeprägten Sinn für ihren eigenen Wert. Mehrmals erklärt sie, dass sie „wie andere Menschen auch“ sei. Ihr Vater legt ebenfalls Klassenbewusstsein an den Tag: „Einer von den untersten Armen. … Ich brauch soviel als einer von die ganz oben. Sogar noch mehr. Ich bin genau son starker Esser, aber ich trinke allerhand mehr. Un schließlich will ichn bisschen Vergnügen als denkender Mensch. Und Jubel, Trubel, Heiterkeit, gehts mich mal mies. Und die nehmen mich doch genausoviel ab als eim von die oberen Zehntausend.“

Shaws Beharren auf der menschlichen Überlegenheit der Arbeiterklasse spiegelt sich auch auf sprachlicher Ebene wider. Monatelang drillt Higgins Eliza im bürgerlichen „Smalltalk“. Sie lernt völlig bedeutungslose Aussprüche auswendig, die sie bei Mrs. Higgins zum Tee darbieten soll, um damit die anderen Besucher über ihre wahre soziale Zugehörigkeit zu täuschen. In einer großartig komischen Szene bleibt Eliza zwar beim vorgegebenen Thema Wetter und Krankheit, doch dringt ihr Bedürfnis nach inhaltsvoller Unterhaltung durch und sie fällt damit in ihre eigene Sprache zurück. Das entzückt zwar geladene Gäste, verstört aber Higgins‘ Mutter und besiegelt zunächst einmal, dass Eliza diesen Test nicht bestanden hat. Eliza, die es gewohnt ist, Dinge von Bedeutung zu sagen, wird weggeschickt, als alles aus dem Ruder zu laufen droht. Als Eliza tatsächlich als Herzogin überzeugen kann, behandelt Higgins sie wie seine Dienerin. Nun wird ihr sehr klar: „Wozu tauge ich jetzt noch? Was haben Sie mir denn noch gelassen? Wohin soll ich gehen?“ Als Higgins ihr vorschlägt, sie könne heiraten, sagt sie: „Ecke der Tottenham Court Road ließen wir uns auf so etwas nicht ein.“ „Ich habe Blumen verkauft. Nicht mich. Nun haben Sie eine Dame aus mir gemacht, und ich kann nichts anderes mehr verkaufen.“

Eliza ist die Person im Stück, die die tiefste Menschlichkeit zeigt, welche aus ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse und ihrer Erfahrung als Frau erwächst. Als Higgins sie nach ihrem Verehrer Freddy befragt: „Kann er was aus Ihnen machen?“, entgegnet Eliza: „Vielleicht kann ich was aus ihm machen. Aber ich habe niemals daran gedacht, dass man etwas aus einander machen sollte. Und Sie denken an gar nichts anderes mehr.“ Für Shaw kommt das Happy End einer konventionellen Komödie, eine Ehe zwischen Higgins und Eliza, nicht in Frage. Gerade der Klassenkonflikt lässt das nicht zu. Damit bricht Shaw mit der Konvention der Komödie. Er unterwandert diese Erwartung und hält dem bürgerlichen englischen Publikum einen Spiegel vor, der es in seiner selbstgefälligen Annahme, dass die eigene Klasse die überlegene sei, zumindest zweifeln lassen, wenn nicht gar erschüttern musste.

In „Pygmalion“ kommentiert der Ire Shaw auch die Lage der Iren in England. Ihre Aussprache kennzeichnete sie als Kolonisierte und Bürger zweiter Klasse. Obwohl selbst der herrschenden Stellvertreterklasse Britanniens in Irland zugehörig, identifizierte er sich eindeutig mit der Klasse, der seine Heldinnen hier angehören, und verdeutlicht die Stärke dieser Klasse. Er tut dies als Sozialist, aber als Außenseiter. Er kann Vertreter der Arbeiterklasse und ihre Würde und Stärke nur von außen her erfassen.

Zeitgleich schrieb sein Landsmann, der ebenfalls in Dublin geborene Maler und Lackierer Robert Noone (Tressel), den ersten Arbeiterroman der englischsprachigen Literatur, siehe UZ vom 8. Mai 2020.

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"Für die Frauen der Arbeiterklasse", UZ vom 30. Oktober 2020



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