Ruine Grenfell Tower – Symbol des neoliberalen Ausverkaufs

Große Abzocke mit grünem Heiligenschein

Von Klaus Wagener

Nach letzten Meldungen sind 58 Menschen gestorben. Von über 70 zum Teil lebensbedrohlich Verletzten wird berichtet. Der Grenfell Tower im Arbeiterviertel North Kensington brannte in Minuten lichterloh wie eine Fackel. Das Feuer breitete sich rasend schnell über die Außenfassade über das ganze 24-stöckige Hochhaus aus. Bei der Fassadenrenovierung 2014 bzw. 2016 war offensichtlich einer der hochpotenten Brandbeschleuniger (expandiertes Polystyrol, EPS, BASF-Markenname: Styropor) verbaut worden, die, unter dem Label Energieersparnis und Umweltschutz millionenfach auch in deutschen Fassaden eingebaut wurden.

Im Netz sind erschütternde Szenen zu sehen. Menschen, die verzweifelt um Hilfe rufen. Kinder, die in letzter Hoffnung von ihren Eltern aus dem Fenster geworfen werden. Ein Telefonanruf, ein Abschied von den Freunden, in dem Wissen, dass es eine Rettung vor den Flammen nicht gibt, und dann die tödliche Stille.

Die Grenfell-Katastrophe trifft auf ein Land im Umbruch. Nach 35 Jahren neoliberaler Ausplünderung und Reichenmast steht die Funktionsfähigkeit wichtiger Staats- und Infrastrukturen in Frage. „Poverty Trap“ (Armutsfalle) charakterisierte der „Guardian“ die verkohlte Ruine. Grenfell sei „ein schändliches Symbol für einen Staat, der sich nicht kümmert“. Der Grenfell Tower ist ein 1974 fertiggestellter Sozialbau der „Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation“ (KCTMO), der größten Wohnungsgesellschaft des Landes. Rund 700 solcher Wohntürme soll es laut Labour-Abgeordnetem David Lammy in London geben („Spiegel“). Mit Wohnbedingungen wie in den Sozialwohnungen im ganzen Land. Armutsfallen für Hunderttausende. Die ausgebrannte Ruine ist ein Symbol für die Unfähigkeit des neoliberal zugerichteten Staates, selbst elementare Sicherheitsstandards für seine Bürger zu garantieren. Kaum notwendig zu erwähnen, dass auch die London Fire Brigade unter Bürgermeister Boris Johnson in den vergangenen acht Jahren rund 100 Millionen Pfund einsparen musste. Die LFB musste zehn Wachen schließen und 27 Feuerwehrfahrzeuge abschaffen. Mit dem Ruf „Wir wollen Gerechtigkeit“ trugen Hunderte wütende Demonstranten ihren Protest auf die Straße. Die obdachlos gewordenen Opfer sollen mit 10 Pfund pro Tag abgespeist werden (BBC). Labor-Chef Jeremy Corbyn forderte wiederholt, die nun Obdachlosen in den Nobelwohnungen Kensingtons unterzubringen: „Besetzt sie, kauft sie zwangsweise, beschlagnahmt sie – da gibt es ’ne Menge, was man machen kann.“ („Evening Standard“).

Das billige EPS war auch in Deutschland von der Dämmstofflobby wie dem Industrieverband Hartschaum (IVH) und der dahinter stehenden Petro­chemie (BASF) mithilfe der wie immer willigen Politik in den Markt gedrückt worden. In Förderprogrammen wie dem der KfW-Bank wird den ohnehin nicht armen „Investoren“ und Immobilien-Riesen bei einem entsprechenden Kredit ein „Tilgungszuschuss bis zu 27,5 Prozent“ in Aussicht gestellt. In Zusammenhang mit den dadurch durchsetzbaren Mietpreissteigerungen ist die Fassadenrenovierung mit EPS für alle Beteiligten – mit Ausnahme der Mieter und Steuerzahler – zu einem bombensicheren Investment geworden.

Wieder einmal übersprangen die Flammen locker die als sogenannten Brandriegel eingesetzten Aluminiumbleche. Ebenso wie 2014 im 23-stöckigen Lacrosse Building in Melbournes Docklands, wie 2012 bei einem sechsstöckigen Gebäude an der Frankfurter Adickesallee. Im Lacross-Building schaffte das durch eine Zigarettenkippe ausgelöste Feuer in elf Minuten satte 13 Stockwerke vom 8. Stock bis zum Dach. EPS gilt dennoch, auch in Deutschland, als „schwer entflammbar“. Diese Einstufung in die entsprechende Baustoffklasse B1 gelingt allerdings nur durch die Verwendung von „Flammenhemmern“ wie Hexabromcyclododecan und einigen nicht unbedingt realitätsnahen Nebenannahmen im sogenannten Brandschachttest. Dass EPS ebenso „schwer entflammbar“ wie der Diesel „sauber“ ist, hatte schon 1996 der Düsseldorfer Flughafenbrand gezeigt, bei dem 17 Menschen sterben mussten. Laut Deutsches Architektenblatt waren von der Feuerwehr Frankfurt am Main im Zeitraum von 2012 bis 2016 etwa 90 Fassadenbrände im Zusammenhang mit EPS-Dämmung dokumentiert worden. Dass EPS in Deutschland in Häusern über 22 Meter Höhe nicht verbaut werden darf, macht die Sache kaum besser. Wer wohnt hier schon höher als im achten Stock?

HBCD wurde 2013 von der europäischen Chemieagentur (ECHA) in die Liste „besonders besorgniserregende Stoffe“ (SVHC) aufgenommen. Das langlebige HBCD ist giftig für Gewässerorganismen und reichert sich in Pflanzen und Organismen an und kann schon selbst in Fischen, Säugern und Vögeln der arktischen Regionen nachgewiesen werden. In Tierversuchen wurden Störungen der Embryonal- und Säuglingsentwicklung nachgewiesen. Dazu steht HBCD in Verdacht die Fortpflanzung zu beeinträchtigen. Bislang ist Langzeitwirkung wenig erforscht, es droht ein ähnlicher Skandal wie bei Chemikalien wie DDT oder polychlorierten Biphenylen (PCB), die auch erst tonnenweise in die Umwelt verbracht wurden, bis sich irgenwann die Katastrophe nicht mehr beschönigen ließ.

Unklar ist ebenfalls die Menge und damit die Gefährlichkeit der in den Fassadenputzen eingesetzten Biozide, die das Algenwachstum verhindern sollen. Klar ist, dass die zur Algenbekämpfung notwendig wasserlöslichen Wirkstoffe vom Regen ausgewaschen und in das Grundwasser gelangen können. (Danach geht das Algenwachstum munter weiter.) Wie eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts und der eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) zeigt: Ein imposanter Cocktail. Darunter das Nervengift Terbutryn, das „stark gewässergefährdende“ Totalherbizid Diuron, die „gefährlichen Biozide“ Cybutryn, IPBC, OIT und DCOIT. Aber auch das reproduktionstoxische und mutagene Carbendazim.

„Ein Verzicht auf EPS bedeutet Verzicht auf die notwendige Energieeinsparung im Gebäudebestand. EPS ist in Bezug auf Energiewende und Klimaschutz systemrelevant und unverzichtbar.“ Diese glaubensstarke Selbstinszenierung des IVH zum Klimaretter ist mit Vorsicht zu genießen. Die Frage, ob und wann der tatsächlich erzielte verminderte Heizaufwand den Aufwand an Produktion, Transport, Montage, Demontage, Sortierung, Entsorgung und Endlagerung des Dämmmaterials übersteigt, die Dämmung sich, über den gesamten Lebenszyklus (EoL) betrachtet, tatsächlich materiell und auch ökologisch lohnt, ist komplex und hängt außer vom individuellen Gebäudedesign von zahlreichen Nebenannahmen ab. Generell gilt, je stärker die Dämmung, je niedriger der angestrebte Wärmedurchgangskoeffizient (U-Wert), umso länger die „energetische Rücklaufzeit“, also die Zeit, in der sich die Investition energetisch rechnet. Realistisch, und die gesellschaftlichen Gesamtkosten voll in Rechnung stellend, dürften nicht wenige der EPS-„Sanierungen“, innerhalb ihrer Lebensdauer die „energetische Rücklaufzeit“ nicht erreichen.

Gesamtgesellschaftliche Fragwürdigkeit und Gefährlichkeit bedeutet ja nicht die Abwesenheit von Profit. Im Gegenteil. Daher hat das Bundeskabinett Ende letzten Jahres in einem Moratorium beschlossen, dass die HBCD-haltigen EPS-Platten eben doch kein gefährlicher Abfall sein sollen. Der Kunststoff kann also weiterhin in ganz normalen Müllöfen mitverbrannt werden und dabei, neben HBCD, die entsprechende Menge Treibhausgase freisetzen. Ein Nachfolger des inzwischen geächteten HBCD ist der ebenfalls bromierte Flammhemmer DecaBDE. Bei dessen Verbrennung werden laut NABU Dioxine und Furane frei. Seveso lässt grüßen.

Es wäre ein Wunder, wenn nicht genau diejenigen, die uns diese wunderbare Plastikhäuserwelt verkauft haben, nicht auch eine Lösung für die damit verbundenen Problemchen anbieten könnten. Zum Glück gibt es da die „Aktionsgemeinschaft Sichere und fachgerechte Entsorgung von HBCD-haltigen Dämmstoff-Abfällen“ (AG EHDA). Die AG EHDA besteht laut Homepage „aus 19 Unternehmen und Verbänden aus Handwerk, Fachhandel, Bau-, Dämmstoff-, Entsorgungs-, und Kunststoffbranche.“ An prominenter Position natürlich wieder die BASF. „Die Beteiligten treten für eine sichere, umweltverträgliche, dauerhafte, praxistaugliche und wirtschaftliche Lösung für die Entsorgung von HBCD-haltigen Dämmstoffabfällen ein. Sie engagieren sich für einen fachlichen Austausch mit politischen Entscheidungsträgern und bieten für die künftige Umsetzung ihre Gesprächsbereitschaft und Unterstützung an.“ Diesem freundlichen Angebot der AG EHDA werden sich die „Entscheidungsträger“ ganz sicher nicht entziehen wollen.

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"Große Abzocke mit grünem Heiligenschein", UZ vom 23. Juni 2017



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