NATO drängt nach 20 Jahren Kriegseinsatz in Afghanistan auf Verhandlungen

Heuchelei am Hindukusch

Matin Baraki

In Afghanistan sind die islamistischen Taliban auf dem Vormarsch. Sie stehen vor den Toren Kabuls. Die aktuelle Lage ist dramatisch und ändert sich stündlich.

Bereits am 1. Juli gaben die Taliban bekannt, sie hätten 80 Prozent des Landes unter ihrer Kontrolle. In der vergangenen Woche eroberten sie in nur drei Tagen fünf Provinzhauptstädte. Am Wochenende nahmen sie das strategisch wichtige Kundus ein. Das ist eine politische, militärische und moralische Schmach für diejenigen Politiker, die „Deutschland am Hindukusch verteidigen“ wollten, denn dort in der Nähe befand sich 20 Jahre lang der Stützpunkt der deutschen Bundeswehr.

Der neue taktische Ansatz der Taliban funktioniert wie erwartet. Die Soldaten der Afghanischen Nationalen Armee (ANA) wurden aufgefordert, sich zu ergeben. Die Verhandlungen zwischen beiden Seiten verlaufen reibungslos und die Abmachungen werden eingehalten, wie beide Seiten hervorheben. Tausende von Soldaten, aber auch Milizionäre aus der Bevölkerung und Kämpfer der örtlichen Warlords haben sich bereits den Taliban ergeben, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist.

NATO und Bundeswehr haben angeblich 20 Jahre lang die Soldaten der afghanischen Armee ausgebildet. Man ist geneigt zu fragen, ob diese Ausbildung tatsächlich stattgefunden hat. Oder war sie nur ein Alibi, um die Präsenz der NATO am Hindukusch zu legitimieren?

Die Islamisten beabsichtigen, so viel Gelände wie möglich zu gewinnen, damit sie von einer Position der Stärke aus der Kabuler Administration des Präsidenten Aschraf Ghani alles diktieren können. Die scheint auf verlorenem Posten. Ob sich die zerstrittenen Warlords vor der Einnahme Kabuls zusammenschließen werden, um die Taliban zu stoppen, und es so zu innerafghanischen Verhandlungen kommen könnte, steht in den Sternen.

Die US-Einheiten haben Afghanistan zwar inzwischen fast vollständig verlassen, aber die Luftwaffe bombardiert aus dem Ausland Stellungen der Taliban. An der militärischen Lage können sie damit nichts ändern, geschweige denn die Islamisten stoppen. Es kommen nur noch mehr Menschen, darunter Zivilisten, ums Leben. Viele Menschen sind auf der Flucht. Wer Geld hat, flieht ins Ausland. Diejenigen, die keine Dollars besitzen, schließen sich den abertausenden Binnenflüchtlingen an.

„Das ist ihr Land, das ist ihr Militär, das sind ihre Provinzhauptstädte und ihre Leute, die verteidigt werden müssen“, kommentierte John Kirby, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, am Montag die dramatische Lage in Afghanistan. 20 Jahre lang war das ganz anders: Die US-geführte NATO war angeblich angetreten, um Afghanistan zu befreien, dem Land „Freedom and Democracy“ zu bringen. Tatsächlich ging es darum, das Land unter US-Kontrolle zu bringen. Das Unterfangen ist krachend gescheitert.

Mit dem eigenen Niedergang und der Einstufung der VR China als „strategischen Rivalen“ haben sich die Prioritäten der USA notgedrungen verschoben. Die Kräfte in und um Afghanistan werden abgezogen, um am Pazifik ein Bollwerk gegen China zu errichten. Dafür haben die USA regionale Militärbündnisse mit Australien, Japan und Indien geschlossen. Afghanistan war gestern.

Nach jahrelangem Bomben und Morden folgen nun Appelle. Ein NATO-Sprecher erklärte gegenüber der „Deutschen Presse-Agentur“, dass er das hohe Maß an Gewalt der islamistischen Taliban bei ihrer Offensive mit „tiefer Sorge“ sehe. Die Taliban müssten verstehen, dass die internationale Gemeinschaft sie nie anerkennen werde, deshalb sollten sie „ihre Angriffe beenden und redlich an Friedensgesprächen teilnehmen.“

In Deutschland haben den Schwenk noch nicht alle begriffen. Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, zum Beispiel. Er will Deutschland weiterhin am Hindukusch verteidigen und plädierte am vergangenen Sonntag für einen erneuten Einmarsch von NATO und Bundeswehr in Afghanistan. Dazu fällt einem nichts mehr ein.

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"Heuchelei am Hindukusch", UZ vom 13. August 2021



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