Die widersprüchliche Frauenpolitik der Taliban

In Gottes Namen, öffnen Sie die
Mädchenschulen!“

Matin Baraki

Helmuth Hellge zum 100. Geburtstag

Während über die Hälfte der afghanischen Bevölkerung am Rande des Existenzminimums vegetiert, beschäftigen sich die Taliban mit der Frage, wie Frauen sich in der Öffentlichkeit zu kleiden haben. Nachdem die Taliban am 15. August 2021 die Hauptstadt Afghanistans, Kabul, eingenommen hatten, öffneten kurz danach teilweise wieder die Geschäfte. Fliegende Händler erschienen auf dem Basar und auch Frauen, teils verschleiert, aber auch unverschleiert, kauften dort wieder ein.

Die Taliban wussten, dass es in Afghanistan immer noch ausgebildete Frauen gibt, die keine Kollaborateurinnen waren und das Land nicht verlassen haben. Ende August 2021 riefen die neuen Machthaber alle Frauen, die im Gesundheitswesen tätig waren, dazu auf, zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Sie würden Mädchen und jungen Frauen erlauben, Schulen und Universitäten zu besuchen sowie einer Arbeit nachzugehen, jedoch unter Achtung der islamischen Regeln. Eine Koedukation lehnten sie als unislamisch ab.

Ende Januar 2022 hatte Hochschulminister Abdul Baqi Haqqani angekündigt, dass die Hochschulen bis Ende Februar ihren Betrieb für junge Männer und Frauen aufnehmen werden. Vormittags besuchten Studentinnen und nachmittags Studenten die Universitäten. Allerdings mangele es an Lehrkräften. 229 Dozenten seien aus dem Land geflüchtet, wurde gemeldet.

Am 11. September 2021 sollten Grundschulen auch für Mädchen und ein halbes Jahr später, ab dem 22. März 2022, Mittel- und Oberschulen für Mädchen und Jungen geöffnet werden. Tausende Schülerinnen wurden aber an ihrem ersten Schultag wieder nach Hause geschickt.
Mitte März dieses Jahrs fand eine dreitägige außerordentliche Kabinettssitzung unter Führung des geistlichen Oberhauptes der Taliban, Heibatullah Achundsadah, statt. Dort beschloss man, Mittel- und Oberschulen für Mädchen vorläufig nicht wieder zu öffnen. Damit setzten sich die Ultra-Konservativen des Haqqani-Netzwerkes durch. „Zunächst soll für Mädchen eine Schul­uniform entworfen werden, die sich nach den Werten der islamischen Scharia sowie der afghanischen Kultur und Tradition richtet“, wurde argumentiert. Aus Protest gegen diese Entscheidung demonstrierten am 26. März zahlreiche Mädchen in Kabul.

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Das war einmal: Mädchen einer Oberschule in Masar-e-Sharif beim Basketballspielen 1980. (Foto: Archiv)

Die Nichtöffnung der Mädchenschulen war Anlass für scharfe internationale Kritik sowohl von einzelnen westlichen Staaten und der Europäischen Union als auch von islamischen Staaten. Abdul Salam Abed, ein islamischer Gelehrter, erklärte in einer Predigt vor Gläubigen bereits am 24. September letzten Jahres, dass es „Pflicht eines jeden Muslims“ sei, „sich Wissenschaft anzueignen“. Ein weiterer Geistlicher, Djalilullah Mawlawisada, stufte in einem Fatwa (Rechtsgutachten) das Recht auf Bildung auch für Mädchen mit den Grundsätzen des Islam als vereinbar und als legitim ein. Weitere geistliche Würdenträger trafen sich Anfang April 2022 in Kabul und riefen die Taliban auf: „In Gottes Namen, öffnen Sie die Mädchenschulen wieder.“ „In keinem anderen islamischen Land gibt es ein Schulverbot für Mädchen wie in Afghanistan“, hoben Frauenaktivistinnen hervor. Sogar in Berlin demonstrierten am 11. April 2022 zahlreiche Afghanen und Deutsche gemeinsam gegen die Nichtöffnung der Mädchenschulen.

Nach wie vor sehen die Taliban Frauen als Objekte an. Sie sollen zu Hause bleiben, Kinder bekommen und den Männern dienen. In der Tat hat das Problem aber einen tieferliegenden Hintergrund. „Die Ignoranz der Taliban lässt auch darauf schließen, dass sie sich vor gebildeten Frauen fürchten. Bildung bedeutet Aufklärung. Aufklärung bedeutet die Fähigkeit zum kritischen Denken. Und je mehr Schülerinnen in Afghanistan das kritische Denken lernen, desto mehr werden sie (die Politik der Taliban und ihr Regime insgesamt) hinterfragen und infragestellen“, wurde kommentiert.

So hartnäckig, wie die Taliban an einer islamistischen Auslegung der Frauenfrage festhalten, so verzweifelt riefen afghanische Mädchen die Weltgemeinschaft um Hilfe. „Wenn uns die Welt jetzt nicht hilft, wird unser Leben zur Qual“, klagte eine 13-jährige Schülerin in Kabul.
„Revolution heißt Bildung des Volkes“ lautete eine der vielen Parolen der afghanischen Revolutionsregierung ab 1978. Diese Losung hat eine elementare Bedeutung nicht nur für die Mädchen, sondern für Afghanistan als Ganzes – auch unter der Taliban-Herrschaft.

„Ein Dach – zwei Wetter“, sagt ein afghanisches Sprichwort. Während die Taliban den Schülerinnen und Studentinnen eine Ausbildung am liebsten verbieten würden, studieren ihre eigenen Töchter an namhaften ausländischen Universitäten. Darunter sind die Töchter von 22 hochrangigen Taliban-Funktionären, die an den Universitäten von Peschawar, Karatschi und Doha eingeschrieben sind. Inzwischen haben sich von Vernunft geleitete Taliban arbeitslose Lehrerinnen engagiert, die deren Töchter zu Hause unterrichten.

Auf massiven nationalen und internationalen Druck hat das Taliban-Regime nun angeblich eine Kommission beauftragt, Vorschläge für die Wiederaufnahme der Arbeit der Mädchenschulen auszuarbeiten. Aber nach neun Monaten Taliban-Herrschaft ist immer noch nichts passiert.
Die Einlösung des Rechts von Frauen auf Bildung ist eine der Hauptbedingungen der Weltgemeinschaft für Hilfen an Afghanistan. Die Weltbank hat am 30. März 2022 die Finanzierung von vier Projekten in Höhe von 600 Millionen US-Dollar für die Bereiche Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung vorläufig gestoppt, da Schritte zur Umsetzung des Bildungsrechts für Frauen nicht erkennbar sind.

Das Verhalten der Taliban im Umgang mit Frauen ist sehr widersprüchlich. Patriarchalische Vorstellungen sowie ein von Stammessitten geprägter, historisch gewachsener und allgemein gesellschaftlich verbreiteter Kodex spielen eine entscheidende Rolle.
Patriarchen, wozu auch die Taliban gehören, versuchen, die Unterwerfung der Frauen religiös, stammesbedingt und biologisch zu begründen. Doch diese Verhaltensmuster sind keine in der Biologie verankerte Unabänderlichkeiten, sondern Ausdruck der geschichtlichen Entwicklungsstufe der Gesellschaft. Um solche Einstellungen zu verändern, braucht man in Afghanistan eine lange historische Periode, in der die breite und allgemeine Bildung des Volkes einen festen, unverrückbaren Platz hat.

Die Niederlage der April-Revolution in Afghanistan war im Grunde auch eine Niederlage der afghanischen Frauen. Denn sie haben alles verloren, was sie seit der Revolution von 1978 erreicht hatten.
Während der religiöse Führer der Taliban, Heibatullah Achundsadah, Anfang Dezember 2021 einen Erlass verkündete, in dem er die Geistlichkeit und die Stammesführer aufforderte, sich für die Verwirklichung der Rechte der Frauen einzusetzen, verbreitete das Ministerium zur Förderung der Tugend und der Verhütung des Lasters, das vergleichbar mit einem Ministerium für Sittenpolizei ist, in Kabul Plakate mit verschleierten Frauengesichtern, die angeblich als Vorschlag an die afghanischen Frauen gerichtet waren. Man zwinge doch keine Frau zum Tragen der Burka (Ganzkörperschleier), obwohl dies Teil der afghanischen Kultur sei. Die afghanischen Frauen erkannten die wahren Hintergründe dieses sanften Drucks und haben sich dagegen gewehrt. Anfang Januar 2022 protestierten junge Afghaninnen unverschleiert in Kabul. Sie skandierten, der Schleier sei weder islamisch noch afghanisch.

Entgegen dem ursprünglichen Versprechen nach ihrer Machtübernahme im August 2021 verpflichtete das Taliban-Regime Anfang Mai 2022 afghanische Frauen zur kompletten Verhüllung ihres Körpers. Damit hat es die Rechte von Frauen weiter drastisch eingeschränkt. Künftig sollen Afghaninnen auf Befehl des Tugendministeriums in der Öffentlichkeit wieder eine Burka tragen, „da dies traditionell und respektvoll“ sei, verkündete das Amt in einem Erlass vom 7. Mai dieses Jahres. Es ist eine der bislang striktesten Einschränkungen im Leben afghanischer Frauen seit der erneuten Machtübernahme der Islamisten am Hindukusch. „Jene Frauen, die nicht zu alt oder zu jung sind, müssen gemäß den Scharia-Richtlinien ihr Gesicht mit Ausnahme der Augen bedecken“, heißt es in der Erklärung. Auf diese Weise sollten „Provokationen“ in der Begegnung mit Männern vermieden werden, die keine engen Verwandten sind, wurde erklärt. Die beste Art der Bedeckung sei die Burka. Frauen sollten zudem „besser zu Hause bleiben“, wenn sie keine wichtige Angelegenheit außer Haus zu erledigen hätten.

Diese Maßnahme des Taliban-Regimes sorgte international für scharfe Reaktionen. Der UN-Generalsekretär António Guterres, die US-Botschafterin und amtierende Vorsitzende des UN-Sicherheitsrates, Linda Thomas-Greenfield, der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell, haben das Burka-Dekret verurteilt und als inakzeptabel bezeichnet. Selbst ein Führungsmitglied der Islamisten, Anas Haqqani, der auch Berater des Innenministers ist, hat am 10. Mai die Entscheidung des Ministeriums für die Ordnung der Tugend und die Verhinderung des Lasters als schädlich für das Ansehen des Regimes bezeichnet: Solche Dekrete verursachten Ressentiments bei der Bevölkerung gegenüber der Regierung und dem Islam. Das Volk brauche Mitgefühl, bemerkte der Taliban-Funktionär. Dies deutet darauf hin, dass solche eigenmächtigen Entscheidungen unter den Machthabern nicht nur umstritten sind, sondern dass der Machtkampf immer noch unentschieden ist.

Innerhalb der Führung des Islamischen Emirats Afghanistan (IEA), so wird Afghanistan seit dem 15. August 2021 genannt, ist ein politisch-ideologischer Machtkampf im Gange. Er spielt sich zwischen der aus Kandahar stammenden „realistischeren“ Gruppe um deren religiösen Führer Achundsadah einerseits und dem ultrakonservativen Innenminister Mullah Saradjudin Haqqani vom sogenannten „Haqqani-Netzwerk“ andererseits ab.

Das Ministerium für die Ordnung der Tugend und die Verhinderung des Lasters, welches das vorherige Frauenministerium ersetzte, schränkte nicht nur die Rechte der Frauen und Mädchen ein, sondern ordnete Ende März 2022 an, dass alle Staatsbediensteten ihre Bärte wachsen lassen müssen und Hüte zu tragen hätten. Am 28. März 2022 erlaubten Mitarbeiter des Ministeriums Männern ohne Bärte, die weder die traditionelle Pluderhose noch das Hemd trugen sowie keinen Hut oder Turban auf dem Kopf hatten, nicht, die staatlichen Ämter zu betreten. Die Diskriminierung von Mädchen und Frauen, auch die von Männern, wird Schritt für Schritt intensiviert. Die ultrafundamentalistischen Kräfte der Taliban testen, wie weit sie gehen können. Der Machtkampf unter den neuen Machthabern am Hindukusch wird auf Kosten der Frauen- und der Menschenrechte ausgetragen.

Unser Autor Dr. Matin Baraki ist Mitglied des Zentrums für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg. Im September 2022 erscheint sein neues Buch „Afghanistan. Revolution, Intervention, 40 Jahre Krieg“.

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"In Gottes Namen, öffnen Sie die
Mädchenschulen!“", UZ vom 8. Juli 2022



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