Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zwischen Kritik, Profit und „Zeitenwende“

In schlechter Tradition

„Sie spricht und kalkuliert wie eine Konzernchefin“, lobte die „Augsburger Allgemeine“ am Montag dieser Woche den Auftritt von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in der Golfregion. Getreu ihrem Habitus als „Konzernchefin“ war drei Tage zuvor im Bundestag Altbekanntes aus der Giftküche des Sozialabbaus von ihr zu hören, als sie den Achtstundentag attackierte. „Wir zielen auf die wöchentliche Höchstarbeitszeit“, so Reiche. Gemeint waren die knapp 30 Millionen Vollzeitarbeitenden in Deutschland. Den etwa 17 Millionen Menschen in Teilzeit bescheinigte sie „zu viel ungenutztes Erwerbspotential (…) und an das müssen wir rangehen“. Und wenn das Rad zurückgedreht wird, dann ist dem Programm des sozialen Kahlschlags nichts mehr ein Hindernis. Denn übers Jahr „verlieren wir dann durch die Kombination aus Urlaub, Feiertagen, Teilzeit“ Produktivität. Erst wenn diese Probleme beseitigt sind, sieht die verhinderte Konzernchefin „wieder Licht auf der Strecke“.

Das flackernde Licht kapitalistischer Wirtschaftsweise hat „die dynamische Vorzeigefrau“ („Focus“) schon früh kennenlernen dürfen. Vor 20 Jahren ging der Konkurs der „Hesco Kunststoffverarbeitung GmbH“ durch die Gazetten. Hesco, 1946 gegründet, kannte man in der DDR als VEB Plastverarbeitung Luckenwalde. Nach der Annexion reprivatisiert, steuerten Birgitt und Klaus Reiche das Unternehmen 2003 ins Aus, nicht ohne rechtzeitig eine Auffangfirma gegründet zu haben. Geordnete Firmenbestattung nennen das die Insolvenzrechtler zynisch. Die Staatsanwaltschaft nannte es Insolvenzverschleppung, Untreue, Unterschlagung und Subventionsbetrug. Die etwa 60 Beschäftigten blieben auf der Strecke, für einen Sozialplan war kein Geld mehr da.

Katherina Reiche hatte einige Tage vor Insolvenzanmeldung das sinkende Familienfirmenschiff verlassen. „Bis zum 30. Mai (2003) war sie Miteigentümerin des elterlichen Vorgänger-Betriebs (…) Die sonst so gesprächige Karrierefrau mag auf die äußerst dubiose Geschichte des Betriebs nicht angesprochen werden. Zu dem Verdacht, von knapp einer Million Euro Fördermittel seien womöglich etliche Euro in ihren Wahlkampf geflossen, will sie sich nicht äußern“, schrieb am 7. September 2003 der „Spiegel“.

Begleitet von ähnlich ironischen Untertönen gerät Katherina Reiche 22 Jahre später wieder in die Presse. „Schwerer Verdacht gegen CDU-Ministerin: ‚Gibt das Gefühl, dass Frau Reiche etwas verheimlicht‘“ („Frankfurter Rundschau“). Diesmal geht es um die Firma GovRadar. Die residiert „Am Kartoffelgarten“ in München und hat das vielsagende Firmenmotto „Investitionen beschleunigen. Verwaltung handlungsfähig machen“. Handlungsfähig ist dort ein Anteilseigner, dem sein Doktortitel abhandengekommen ist, nämlich Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Und die Investitionen kommen aus dem Bundeswirtschaftsministerium, dem seine Lebensgefährtin Katherina Reiche vorsteht.

Schon 2024, vor ihrer Zeit, flossen 110.000 Euro. Ganz traditionsbewusst setzt sich das unter Reiche fort: Im vergangenen Jahr waren es 40.000 Euro, für dieses Jahr sind knapp 290.000 Euro avisiert. Und für die ministerielle Eitelkeit springt auch was raus: Mit dem steuermittelfinanzierten Dienstwagen ging es zum herbstlichen Treffen im Tiroler Nobelskiort Seefeld, reden und dinieren mit dem Geldadel und jenen, die ihm zugekrochen sind, wie dem österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz, dem früheren Google-CEO Eric Schmidt, dem Krypto-Broker Eric Demuth und natürlich auch Karl-Theodor. Der ganze Zinnober lief unter dem Label „Moving MountAIns“ und der Vorankündigung, „Ihre Exzellenz Katherina Reiche“ werde sich die Ehre geben. Die Erklärung aus dem Ministerium dazu: Reiche sei „nicht als Bundesministerin“ dort vorgefahren, sondern „privat“.

Was nicht in den gutbürgerlichen Medien steht, ist die Klammer, die das ganze zusammenhält – Investitionen, Kriegsertüchtigung, Sozialabbau, Rüstungsaufträge, Ministerin und Lebensgefährte. Über den Chef von GovRadar Sascha Soyk redet niemand, nur der Internetdienst „Business Insider“: „Soyk selbst pflegt als Soldat in der Reserve der Bundeswehr eine besondere Nähe zur Truppe. Er führt nämlich eine Reservekompanie der Gebirgsjäger. Dort übt der Gründer den Überlebenskampf, biwakiert in der Wildnis und überwindet Berggipfel.“

Wenn er mal nicht den Überlebenskampf übt, baut er mit am „Cyber Innovation Hub der Bundeswehr“ (CIHB). Rüstungsaufträge seien hier viel besser und schneller umzusetzen als mit dem lahmen Beschaffungsamt. Das geschieht mit freundlicher Unterstützung durch Grußworte vom Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer („Cyber Innovation Hub bringt uns auf die Überholspur“) und von der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (Unsere „kleine schlagkräftige Einheit“). So schließt sich der Kreis.

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"In schlechter Tradition", UZ vom 6. Februar 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit