Von geschönten Opferzahlen und „schlimmsten humanitären Katastrophen“

Leichenzählen als Waffe

Von Manfred Ziegler

Die US-Koalition zum Kampf gegen den IS veröffentlichte Zahlen einer internen Untersuchung. Demnach wurden im Irak und in Syrien bei 34 000 Luftangriffen zwischen August 2014 und April 2019 1 300 Zivilisten unabsichtlich getötet – mindestens. Der Kommandeur der Koalition, General Stephen J. Townsend, sprach davon, es gebe keine präziseren Luftangriffe in der Geschichte der Kriegführung. Townsend übertrifft damit noch einen österreichischen Militär im Ersten Weltkrieg, den Karl Kraus mit den Worten zitiert: „No, und unsere Artillerie – also prima. Rasend präzis arbeitend!“

Im Irak und in Syrien waren und sind Infrastruktureinrichtungen bevorzugte Ziele. In „rasender Präzision“ haben Luft- und Artillerieangriffe der Koalition die Stadt Mossul im Irak und vor allem Raqqa in Syrien zerstört. Amnesty International und die Organisation Airwars haben umfassend dokumentiert, wie die „präzisesten Luftangriffe der Geschichte Raqqa mehr zerstört haben als jede andere Stadt in moderner Zeit“.

Ein Vertreter des US-Militärs prahlte damit, neben den Luftangriffen seien 30 000 Artilleriegeschosse eingesetzt worden. Das entspricht einem Artilleriegeschoss alle 6 Minuten – über einen Zeitraum von vier Monaten. Beschuss in einem Ausmaß, wie es seit Vietnam in keinem anderen Krieg vorkam.

Die Untersuchung von Airwars und Amnesty kommt zu dem Ergebnis, dass allein zwischen Juni und Oktober 2017 und nur in Raqqa 1 600 Zivilisten getötet wurden. Airwars und Amnesty fordern die Koalition auf, das schockierende Ausmaß von Zerstörung und toten Zivilisten nicht länger abzustreiten. Die Koalition müsse untersuchen, welche Fehler in Raqqa begangen wurden, um sie in Zukunft zu vermeiden.

Das Wort „Fehler“ trifft allerdings nicht den Kern des Problems. Die Koalition musste – aus ihrer Sicht – ihren Verbündeten der „Demokratischen Kräfte Syriens“ (SDF) möglichst schnell den Weg freibomben. Schließlich ging es darum, so große Gebiete im Norden Syriens wie möglich zu kontrollieren und der syrischen Armee in ihrem Vormarsch zuvorzukommen. Mit der völligen Zerstörung Raqqas gelang das, wenn auch nicht vollständig.

Vor Raqqa wurde Mossul im Irak zerstört. Im Westteil der Stadt wurden bis zu 95 Prozent der Gebäude zerstört. Die „Washington Post“ schrieb im Sommer 2017 darüber, dass alles, was von der Altstadt Mossuls blieb, Trümmer und Hunderte von Leichen waren. Und dass Hilfsorganisationen sogar von Tausenden Toten in den Trümmern sprachen.

Wie viele Zivilisten bei den – völkerrechtswidrigen – Angriffen der US-Koalition wirklich getötet oder verstümmelt wurden, wird sich vermutlich nie klären lassen. Und noch nicht einmal erwähnt sind dabei die Zivilisten, die aufgrund der Sanktionen sterben.

Wo aber die US-Armee die Zahl der zivilen Opfer ihrer Angriffe herunterspielt, unternehmen Medien, Politiker und Militärs alles, um russische und syrische Angriffe zu verdammen. Wo angeblich wenige Zivilisten in Mossul und Raqqa bei „präzisen“ Luftangriffen getötet wurden, drohen die Medien in der syrischen Provinz Idlib wieder einmal mit der „schlimmsten humanitären Katastrophe des Jahrhunderts“.

Die Zahl von 1 300 von der Koalition getöteten Zivilisten in vier Jahren ist angesichts der Zerstörungen in Syrien und dem Irak eine Farce. So bleibt der „Body Count“, die Behauptungen über die Zahl der militärischen oder zivilen Opfer der Kriege in der Region, weiterhin selbst eine Waffe im Krieg.

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"Leichenzählen als Waffe", UZ vom 14. Juni 2019



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