Am ersten Wettkampfwochenende der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d‘Ampezzo errangen deutsche Sportler drei Mal Edelmetall. Die Biathlon-Mixed-Staffel sicherte sich die Bronze-Medaille. Als Erste errang Emma Aichner einen Podestplatz. Sie schoss die Abfahrtsstrecke in den italienischen Dolomiten hinunter, geriet zwei Mal aus dem Gleichgewicht und verpasste Gold nur um den Hauch von 0,04 Sekunden. Nach vier furiosen Läufen durfte Max Langenhan ganz oben auf dem Treppchen stehen. Der Rodler stellte in seinem ersten Lauf den Bahnrekord auf. Danach jagte er sich selbst: Bei den drei weiteren Läufen durch den Eiskanal stellte er jeweils seinen eigenen Bahnrekord ein. Am Ende lag er mit einer halben Sekunde vorn – eine Ewigkeit im Rodelsport.
Langenhans Teamkollege Felix Loch hatte wie bei den Spielen in Pyeongchang und Peking erneut Pech. Nach einem Fahrfehler im ersten Durchgang hatte der Gold-Gewinner von 2010 und 2014 alle Chancen verspielt. Nicht nur das ärgerte Loch. Er nutzte das Sportereignis um auf die Trainingsbedingungen in Deutschland hinzuweisen. Seine Heimateisbahn am Königssee im Berchtesgardener Land ist im Sommer 2021 durch ein Unwetter zerstört worden. Die Reparatur kommt nicht voran und sie ist bis heute nicht benutzbar. Auch ein Teil kaputter Infrastruktur, für die kein Geld mehr da ist.
Darunter leidet der Spitzensport insgesamt. Abseits vom Publikumsmagnet Fußball haben es Sportlerinnen und Sportler schwer, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Während in den Bundesligen die Fernsehrechte Milliarden in die Kassen vor allem der großen Vereine spülen, sieht es bei anderen Sportarten mau aus. Trainings- und Ausbildungsbedingungen stehen gegenüber den Möglichkeiten beim Fußball weit zurück.
So bleibt vielen Athletinnen und Athleten nur, ihre Seele an den Teufel zu verkaufen. Und wie immer macht der Angebote, die kaum ausschlagbar sind. 890 Dienstposten stellt die Bundeswehr für Sportsoldaten und Trainer zur Verfügung. Damit ist die Truppe der größte Sportförderer in Deutschland. Und das nicht ohne Erfolg. Knapp die Hälfte der deutschen Podestplätze bei Olympischen Spielen seit 1992 holte sich die Bundeswehr. Fast 70 Millionen Euro ließ sie sich das Ganze kosten.
Auch die drei Medaillen vom Wochenende kann sich die Bundeswehr um den Hals hängen. Das feiert die Truppe im Internet auch entsprechend ab: „Bundeswehr: 3, Gesamt Team D: 3“. Von den 188 Olympiateilnehmern verdienen 76 ihr Geld bei der Bundeswehr. Sie haben dabei einen verkürzten Grundwehrdienst von vier Wochen statt drei Monaten absolviert und nehmen regelmäßig an militärischen Lehrgängen teil. Ansonsten lässt die Bundeswehr sie erst mal machen. Sie bietet dann allerdings eine Perspektive nach Karriereende: Ausbildung zum Trainer oder ganz verlockend „Offizier im Truppendienst“. Alles um den Mordsberuf attraktiver zu machen.
Ganz offensichtlich ist die militärische Sportförderung beim Biathlon. Bei den Winterspielen von 1924 bis 1948 gab es noch die Disziplin „Militärischer Patrouillenlauf“. Sie gilt als Vorläufer des Biathlon. Ab den 1990er Jahren erfreut sich der Sport gerade in Deutschland immer größerer Beliebtheit, was auch mit einer geschickten Vermarktung im Fernsehen zu tun hat. Fünf von elf Startern finanziert die Bundeswehr. Der Rest verdient sein Geld bei der Polizei oder dem Zoll. Ähnlich sieht es im Bobsport oder im Rodeln aus. Auch beim Curling, Eishockey der Frauen, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, in der Nordischen Kombination, bei Ski Alpin, Ski Bergsteigen, Ski Freestyle, Ski Langlauf, Ski Springen und beim Snowboard sind Sportsoldaten am Start. Einzig aus dem Eishockey-Team der Männer musste sich niemand an die Bundeswehr verkaufen. Die Jungs haben profitable Vereinsverträge.
So behält der deutsche Militarismus nicht nur den Wintersport fest im Griff. Olympische Spiele können so ihr Potential der völkerverbindenden Kraft sportlichen Wettkampfs nicht entfalten. Sie unterliegen den zersetzenden Grundtendenzen der westlichen Gesellschaften, was einem die Freude am Zusehen versauert.









