Zu Else Lasker-Schülers 150. Geburtstag

„Mir ist auf Erden weh geschehen …“

Von Rüdiger Bernhardt

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld, heute Teil von Wuppertal, geboren. An ihr Geburtshaus, im Zweiten Weltkrieg zerstört, erinnern eine Gedenktafel und ein Denkmal. Auf dem Ölberg in Jerusalem wurde sie am 23. Januar 1945 beigesetzt. Mehr als 60 Trauergäste nahmen teil, aber sie lebte und starb einsam.

Die eigenwillige jüdische Dichterin wurde verehrt und abgelehnt, sie floh 1933 aus Deutschland in die Schweiz. Ihre Dichtungen wurden im Zusammenhang „mit der Säuberung des deutschen Büchermarktes von Schund und Schmutz sowie von antinationaler Literatur“ eingezogen. Sie wollte ruhelos leben, dann wurde sie dazu gezwungen. Das einzige Sichere war ihre geistige Welt. Die bestand in ihrem Kopf und dort entstanden ihre Dichtungen. Besiedelt wurde diese Welt von Freunden wie Peter Hille bis zu Karl Kraus, den sie als ihren „Dalai-Lama“ benannte, und dem anarchistischen Schriftsteller Senna Hoy, der eigentlich Johannes Holzmann hieß. Der Sozialrevolutionär gab die 1905 verbotene Zeitschrift „Kampf“ heraus, an der auch Else Lasker-Schüler mitarbeitete. Er war ausgezogen, „für die Befreiung gepeinigter Menschen zu kämpfen“ (Lasker-Schüler) und starb in einem Gefängnis im zaristischen Russland. Sie dichtete einen Zyklus über ihren „geliebten Spielgefährten“: „Wo du erzählst, wird Himmel.“

In ihre Welt wurden ihre Freunde eingelassen und bekamen dort von ihr Namen; wer keinen bekam oder in ihren Schriften in Abkürzungen lebendig blieb, war übel dran und wurde vergessen. Ausgewählte wie Peter Hille durften ihr, die sich in die Imagination Jussufs, eines Prinzen von Theben, flüchtete, einen neuen Namen geben: Hille nannte sie „Tino“ (von Bagdad) und dieser Name in seiner Umkehrung, „Onit“ wurde von ihr Gerhart Hauptmann gegeben, bei dem sie mehrfach für ihren bettelarmen Freund Hille bittend vorstellig wurde. Ihr war das eigene Geburtsjahr bedeutungslos; sie nahm auch 1876 oder 1891 als Geburtsjahre. Als sie in der Schweiz 1934 ein neues Personaldokument ausstellen ließ, wurde aus der Fünfundsechzigjährigen eine Dreiundvierzigjährige. Sie verleugnete ihre Geburtsstadt Elberfeld nicht, ihr Theaterstück „Die Wupper“ handelt von der Industrialisierung sowie ihren Folgen und wird leider viel zu selten noch aufgeführt. Sie schrieb aber im gleichen Atemzug, in dem sie ihre reale Herkunft bestätigte, für die expressionistische Anthologie „Menschheitsdämmerung“ 1920: „Ich bin in Theben (Ägypten) geboren…“ Ein fiktives Theben wurde das Land ihrer Dichtung und ihrer Welt. Die wurde von Kunst, Dichtung und Bildern bestimmt. Ihre Welt – das wurde ihre Dichtung. Es hat wenig Sinn, von alltäglichen Erfahrungen her ihre Gedichte verstehen zu wollen. Nachdem ihr Gedicht „Leise sagen“ in der 1910 von ihrem zweiten Mann Herwarth Walden gegründeten Zeitschrift „Der Sturm“ veröffentlicht worden war, druckte es eine Zeitung und schrieb: „Vollständige Gehirnerweichung, hören wir den Leser – leise sagen.“ Ihr erstes Buch „Styx“ (1902) löste zahlreiche Kritiken aus, die von Unverständnis und Ablehnung „des Gewollten und Gequälten dieser Mystik“ (Paul Remer) geprägt waren.

Lebenslang hat Else Lasker-Schüler die Heimat immer nur in den Fiktionen des eigenen Denkens gefunden. Ihre Sehnsucht nach einer Wirklichkeit mit Freude, Liebe, Menschlichkeit teilte sie durchaus mit: „Wir wollen wie der Mondenschein/Die stille Frühlingsnacht durchwachen,/Wir wollen wie zwei Kinder sein,/Du hüllst mich in Dein Leben ein/Und lehrst mich so wie Du, zu lachen“ (Frühling). Aber die Wünsche blieben unerfüllt, denn die sie umgebende Welt war böse, vernichtend, unmenschlich: „Es treiben mich brennende Lebensgewalten,/Gefühle, die ich nicht zügeln kann,/und Gedanken, die sich zur Form gestalten,/Fallen mich wie Wölfe an!“ (Trieb). Welt fand, weil die Wirklichkeit so war, letztlich nur im Kopf statt. Die reale Heimat, ob sie die in Elberfeld, in Berlin und anderswo suchte, hat sie immer verloren, weil die Wirklichkeit nicht bereit war, das Erleben und Fühlen einer Dichterin in seiner Besonderheit zur Kenntnis zu nehmen. Das war umso schwerer, als dieses Erleben und Fühlen an Leiden und Enttäuschungen, Missverständnissen und Bösartigkeiten reich war. Gegensätze wie „schmerzhafte Lust“ bestimmten ihre Dichtungen; als sie sich von Walden trennte, schrieb sie, sie seien „unerschütterlich auseinander“. Peter Hille, der die schönsten Beschreibungen für sie fand, sagte: „Ihr Dichtgeist ist schwarzer Diamant, der in ihrer Stirn schneidet und wehetut. Sehr wehe.“ Die Folge war, dass die Öffentlichkeit wenig von ihr wusste und oft mit Klischees lebte, die durch Erinnerungen von Freunden oft verfestigt wurden, obwohl die Lasker-Schüler viel von ihrer Welt öffentlich machte. Sie war eine vielseitige Künstlerin: Lyrikerin, Dramatikerin, Epikerin, Zeichnerin und als „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“, wie Peter Hille sie nannte.

In ihrer Welt waren biografische Fakten gleichgültig; wichtig wurden allein der geistige Entwurf, die Denkmöglichkeit, mit denen man leben konnte. Darin spielten jüdische Themen ebenso eine Rolle wie orientalisches Milieu und deutsche Traditionen. Daraus wurde eine eigenwillige und manchmal hermetisch scheinende Poesie, die aber immer auf Schönheit und überwältigendes Gefühl, Leidensfähigkeit und Liebessehnsucht zurückzuführen ist. Sie nahm dafür auf sich, arm leben zu müssen und verhöhnt zu werden. Ihre Briefe und Gedichte wimmeln vom Leben in diesen Entwürfen und seinen Grenzen: „Wilde Fratzen schneidet der Mond in den Sumpf/Und dumpf/Kreist die Welt“ (Selbstmord).

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"„Mir ist auf Erden weh geschehen …“", UZ vom 8. Februar 2019



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