Aus allen Kanälen dröhnte es jedem, der es hören oder auch nicht hören wollte, im Jahr 2022 entgegen: Die NATO sei nie so einig und stark wie jetzt. Knapp vier Jahre später ist alles vorbei. Donald Trump, der Präsident des stärksten NATO-Landes, hat es auf Grönland abgesehen. Er kündigte an, wenn die alte Kolonialmacht Dänemark – auch Mitglied der NATO – ihre im 18. Jahrhundert einverleibte Insel hoch im Norden nicht an Washington verkaufe, werde eben das US-Militär sicherstellen, dass Grönland an die USA angegliedert werde. Seitdem hat sich die NATO in einen politischen Hühnerhaufen verwandelt. Als es acht NATO-Länder wagten, demonstrativ eigene uniformierte Reisegruppen auf die Insel zu schicken, antwortete Trump mit der Ankündigung von 10-Prozent-Zöllen für Einfuhren aus diesen Ländern ab 1. Februar. Ab Juni will er sie auf 25 Prozent steigern, sollte es bis dahin nicht zu einem Verkauf Grönlands an die USA gekommen sein.
Ein solcher selektiver Zoll gegen einzelne Staaten der EU ruft in Brüssel einerseits markige Sprüche hervor: Man werde sich mit allen Mitteln wehren. Andererseits feixen prominente Mitglieder des Regierungslagers des EU-Gründungsmitglieds Italien, das sich an der Arktis-Expedition nicht beteiligten hatte, höhere Zölle gegen die Konkurrenten aus Frankreich und Deutschland seien prima. Sie würden der italienischen Industrie helfen, ihren Exportüberschuss – jetzt schon der zweithöchste in der EU – weiter zu steigern. Die Sprecherin der EU-Kommission hält sich verbal zurück und mahnt zur „Deeskalation“. Das wäre auch deshalb sinnvoll, weil der Streit um Dänemark kein Streit um einen Teil der EU ist. Das Königreich Dänemark hat zwar die Insel von seinen Ureinwohnern geklaut, ihnen aber eine „innere Autonomie“ eingeräumt, zu der auch gehört, dass sie keine Bürgerinnen und Bürger der EU sind.
Wie das alles endet und ob die NATO eine mögliche Militäraktion – oder auch nur ihre Androhung – eines ihrer Mitglieder gegen ein anderes überlebt, wird sich zeigen. Die seit der Übernahmedrohung hektisch laufenden Gespräche werden nach Redaktionsschluss dieser Zeitung unter anderem in Davos in der Schweiz weitergehen. Möglicherweise gibt es noch einen Rückzug des US-Imperialismus von seinen Absichten, sich die kälteste Kolonie Dänemarks so einzuverleiben, wie er sich 1803 das vorher zu Frankreich gehörende Louisiana und 1867 die vorher zu Russland gehörende Kolonie Alaska einverleibte – für den Schnäppchenpreis von jeweils 430 Millionen beziehungsweise 157 Millionen US-Dollar nach heutiger Kaufkraft.
Die klar geäußerten Ziele nicht nur des Präsidenten Trump, sondern auch des US-Vizepräsidenten und anderer Regierungsmitglieder lassen das eher nicht vermuten. In diesem Fall ergibt sich politisch nicht nur die Hoffnung auf einen Zerfall des bisher aggressivsten Militärbündnisses der Geschichte – der NATO –, sondern auch die auf eine Rissbildung in den Fundamenten der EU, die sich an den Äußerungen aus Italien bereits ablesen lässt. Im Übrigen wäre der deutsche Imperialismus keiner, wenn er nicht durch solche Organe wie der FAZ reflexartig verlauten ließe, das sei die Stunde, selbst „militärische Macht“ aufzubauen, „was das auch immer erfordert und kosten mag“.








