Kurze Faustregeln helfen, um sich im Gewirr deutscher Meinungsmacher zurechtzufinden, die im Buchhandel als politische Sachliteratur firmieren. Wer die DDR und den Osten hasst, liest Ilko-Sascha Kowalczuk („Freiheitsschock“). Wer sich selbst für die Aufgabe seiner linken Überzeugungen hasst, findet mit dem ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow („Die Linke“) einen Ansprechpartner. Und wer seine Freunde und Verwandten hasst, schenkt ihnen das Buch „Die neue Mauer“.
Diese Mauer, so verrät der Klappentext, verlaufe „nicht nur entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, sondern auch zwischen den Verteidigern der Demokratie und jenen, die sie – gezielt oder leichtfertig – in Gefahr bringen“. Damit ist das Feld vorbereitet, auf dem sich Ramelow und Kowalczuk in pseudointellektueller Kleingärtnerei versuchen und über „freiheitlich-demokratische“ Gesinnung auf der einen und irgendwie „autoritäre Extremisten“ auf der anderen Seite verhandeln.
Aber bevor es richtig losgeht, werden DDR-Erfahrungen ausgetauscht. Kowalczuk, der sich selbst zutreffend als „Antikommunist“ bezeichnet, berichtet von seinem kommunistischen Vater und von seinem frühen Wunsch, als Offizier in der NVA zu dienen. Eine FDJ-Fahrt, bei der er auf rauchende, trinkende und auf Tontauben schießende Jugendliche trifft, lässt ihn umdenken. Rührselig erzählt Kowalczuk, wie „aus einem hoffnungsvollen künftigen Kader ein Staatsfeind gemacht“ wurde. Doof nur, dass sich der Staat weigerte, ihn auch anständig zu verfolgen. Denn entgegen den Befürchtungen seiner Mutter landet Kowalczuk nicht im Gefängnis, sondern im Bauhandwerk und leidet fortan darunter, dass „der Staat von mir nichts mehr wissen wollte“.
Eine ähnliche Erfahrung hatte auch Bodo Ramelow zu verarbeiten, der die DDR als Westdeutscher besuchte und sich mit einem Postboten anlegte, den ein Verwandter als „Stasi-Müller“ vorstellte. In einem Akt unerhörter Rebellion verschickte Ramelow eine falsch an den „Platz der Revolutionäre“ adressierte Postkarte. Doch der geheimdienstliche Gegenschlag blieb aus. Die Karte wurde einfach zugestellt, und noch schlimmer: „Als ich 1992 StasiUnterlagen über mich anforderte und feststellen musste, dass es über mich gar nichts gab, war ich tief enttäuscht.“
In der grundsätzlichen Haltung zur DDR herrscht Einigkeit. Reibereien gibt es, wenn die Gefahr besteht, dass auch nur ein gutes Haar am sozialistischen Staat gelassen wird. Ramelow, der nach 1990 als Gewerkschafter nach Ostdeutschland kam, berichtet von den vielen gewerkschaftlich engagierten Frauen, auf die er dort traf, und würdigt die Bedeutung des 8. März im Osten. Kowalczuk entgegnet, dass sich ein „ambivalentes Bild“ ergebe. Schließlich seien Frauen „in der DDR dreifach belastet“ gewesen. Neben der Arbeit und Familie waren sie „gesellschaftlich genauso gefordert wie die Männer“.
Das Buch bietet jedoch auch interessante Abschnitte – insbesondere zur Diskussion in der „Linken“. In der Friedensfrage konterkariert Ramelow die ohnehin schon stark schwankenden Positionen seiner Partei vollends. Man dürfe nicht in einer „gesinnungsethischen Waffendebatte hängenbleiben“, redet sich Ramelow warm: „Wir sind keine pazifistische Partei!“ Nachdem „uns die USA unter Trump den Fehdehandschuh hingeworfen haben“, müsse dieser aufgenommen werden. Ramelows Forderung ist, „die NATO nach innen umzubauen“ und „europäische Verteidigungsfähigkeit“ herzustellen.
Ramelows Schwenk ist nicht überraschend, aber in dieser Deutlichkeit zumindest bemerkenswert. Als ihm Boris Pistorius (SPD) erzählt habe, dass es keine Kreiswehrersatzämter mehr gebe, sei er „vom Glauben abgefallen“. Auch die Schuldigen an der mangelnden Wehrbereitschaft hat er ausgemacht: „Jedes Mal, wenn irgendwo eine Kaserne geschlossen wird, wendet sich die betreffende Stadt anschließend vom Militär ab. Wenn die Normalität von Soldatinnen und Soldaten im Straßenbild nicht mehr gegeben ist, rückt der Krieg noch weiter weg. (…) Dafür tragen Sozialdemokraten und Christdemokraten gleichermaßen die Verantwortung. Die Krönung war die Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht unter einem CSU-Minister.“
Den Lesern drängt sich der Eindruck auf, dass hier zusammenwächst, was zusammengehört. Der Freiheitsbegriff des Antikommunisten Kowalczuk passt hervorragend zum Integrationswillen des „Reformer“-Lagers in der „Linken“. Was dieser unheiligen Allianz an politischer Analyse fehlt, wird durch seltsame Anekdoten und moralinsaures Geschwafel überdeckt: „Ja, wir sind die Guten. Wir sind die Richtigen“, weiß Kowalczuk. So bleibt „Die neue Mauer“ ein Buch für diejenigen, denen der Gedanke an die eigene Aufrichtigkeit Tränen in die Augen treibt.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Bodo Ramelow
Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten
C. H. Beck Verlag, 239 Seiten, 24 Euro








