Zum 50. Todestag Anton Ackermanns

Sich und seiner Sache stets treu geblieben

Wesentlicher Bestandteil von Klassenbewusstsein ist das kollektive Gedächtnis der Arbeiterbewegung. Das Andenken an den Kommunisten Anton Ackermann, der maßgeblichen Anteil an der Konzeption für ein antifaschistisches Deutschland hatte, aber bereits zu Lebzeiten in Vergessenheit geriet, gehört dazu. Es bestand kein Interesse an der Aufhellung jener zeitbedingten Deformationen, die zu tiefen persönlichen Verletzungen eines Genossen führten, der politisch konsequent gelebt hat. Anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahr 2005 erinnerte Frank Schumann mit einer umfangreichen Dokumentation „Der deutsche Weg zum Sozialismus“ an Ackermann.

Frühe Jahre

Eigentlich hieß Ackermann Eugen Hanisch und wurde am 25. Dezember 1905 in Thalheim in Sachsen geboren. Am 4. Mai 1973 schied dieser deutsche Kommunist, unheilbar an Krebs erkrankt, durch Freitod aus dem Leben. Ackermann lernte als Arbeiterkind schon sehr früh die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung kennen. 1919 schloss er sich der Freien Sozialistischen Jugend (FSJ) an und trat 1920 in den Deutschen Textilarbeiterverband sowie die Kommunistische Jugend Deutschlands (KJD) ein, wo er verschiedene Leitungsfunktionen ausübte. 1923 – mit gerade einmal 17 Jahren – wirkte er im Unterbezirk bereits im illegalen militärpolitischen Komitee zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstands mit. Er wurde Mitglied des Roten Frontkämpferbundes (RFB), Stadtverordneter in Thalheim und trat 1926 in die KPD ein. Nach Abschluss der Leninschule in Moskau arbeitete er als Dozent/Aspirant und als persönlicher Referent von Wilhelm Pieck und Fritz Heckert.

Im Widerstand

Von 1933 bis 1935 organisierte Ackermann als Politischer Leiter den illegalen Widerstand gegen die faschistische Diktatur in Berlin. Er war Delegierter zum VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in Moskau, nahm an der Brüsseler Parteikonferenz (3. bis 15. Oktober 1935) teil und wurde in das ZK der KPD sowie als Kandidat des Politbüros gewählt. Auf der Konferenz, die als 13. Parteitag der KPD in die Geschichte einging, setzte sich Ackermann unter anderem mit beschönigenden Analysen auseinander, indem er aufzeigte, dass es darauf ankomme, „objektiv die Lage einzuschätzen und die Fehler der Vergangenheit in der Einschätzung der Lage zu vermeiden, das heißt jede Einseitigkeit in der Analyse zu beseitigen“. Er war beteiligt an der Ausarbeitung des Referats zur Jugendfrage und am Manifest der Konferenz „An das werktätige deutsche Volk! Arbeiter, Angestellte, Beamte, Intellektuelle, Mittelständler, Bauern!“

Ackermann ging nach Prag zur Operativen Auslandsleitung der KPD. Neben der Arbeit für die „Deutsche Volkszeitung“ war er für die Anleitung der Berliner Parteiorganisation zuständig, die über ein Netz von Grenzstellen erfolgte. Nach kurzer Haft in Prag im April 1937 ging es weiter nach Paris, wohin der Schwerpunkt der Tätigkeit der zentralen KPD-Auslandsleitung verlegt wurde. Einige Monate weilte er in Spanien bei den Internationalen Brigaden – verantwortlich für drei deutsche Exilzeitungen, die Schulungsarbeit unter den KPD-Kadern, die Parteierziehungsarbeit in den militärischen Einheiten und die Arbeit der Redaktion des „Senders 29,8“, der Rundfunkstation der KPD. Ackermann gehörte dem Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront an, der im Februar 1936 in Paris gebildet wurde. Er nahm an der Berner Parteikonferenz (30. Januar bis 1. Februar 1939) teil, die er maßgeblich mit vorbereitete. Nach Kriegsbeginn entzog er sich mithilfe eines Pariser Arztes der „freiwilligen“ Internierung im Konzentrationslager für Emigranten. Mit einer neu gebildeten kleinen Parteileitung unterstützte er Parteigruppen in Internierungslagern und Genossinnen und Genossen, die nicht verhaftet wurden.

In der Sowjetunion

Anfang 1940 wurde Ackermann zur Berichterstattung nach Moskau beordert. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gehörte er zu den Gründern des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ (NKFD). Er arbeitete an der Kriegsgefangenenzeitung „Das freie Wort“ mit und wurde Leiter des „Deutschen Volkssenders“, dann Chefredakteur des NKFD-Senders. Auf allen Gebieten, an allen Aktionen der antifaschistischen Aufklärungs- und Organisationsarbeit sowie an der Konzipierung eines zukünftigen antifaschistisch-demokratischen Deutschlands war er oftmals federführend beteiligt. Am 1. Mai 1945 ging er als Leiter der Gruppe deutscher Kommunisten und Antifaschisten bei der I. Ukrainischen Front („Gruppe Ackermann“) zur Arbeit nach Deutschland. Anfang Juni 1945 nahm er an den Beratungen in Moskau teil, die zum Aufruf der KPD an das „Schaffende Volk“ vom 11. Juni 1945 führten. In der Zentrale der KPD war Ackermann verantwortlich für die Arbeitsbereiche Propaganda und Agitation, Presse und Funk, Verlagswesen, Parteischulung, Volksbildung und Wissenschaft sowie Literatur und Kunst. Er gehörte zu den Mitbegründern des Kulturbundes.

1810 02 - Sich und seiner Sache stets treu geblieben - Anton Ackermann, FSJ, KPD, Roter Frontkämperbund, Sozialismus - Theorie & Geschichte
Anton Ackermann (Foto: gemeinfrei)

Aufbau der DDR

Kurz vor der Vereinigung von KPD und SPD zur SED am 21. April 1946 erschien im ersten Heft der Zeitschrift „Einheit“ Anfang Februar 1946 Ackermanns theoretischer Artikel „Gibt es einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus?“. Die Grundgedanken dieses Textes, den er im Auftrag und mit Zustimmung der KPD-Führung erarbeitet hatte, finden sich in vielen Veröffentlichungen der KPD und im Programm „Grundsätze und Ziele“ der SED. Insofern war der „besondere deutsche Weg“, der ein demokratischer Weg sein sollte, bereits bejaht worden. Es ging Ackermann um die Frage, auf welche spezifische Weise in Deutschland der Sozialismus errichtet werden könnte, welche Etappen und Übergangsformen dafür notwendig waren. Er leugnete nicht allgemeine Gesetzmäßigkeiten beim Übergang zum Sozialismus, regte aber an, die national unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern stärker in den Blick zu nehmen. Dabei ging es um Möglichkeiten, den Sozialismus zu erkämpfen, ohne dass es zu großangelegten Gewaltaktionen und zum Bürgerkrieg kam. Sich auf Lenin beziehend, wurde damit die Frage nach der Rolle der Erfahrungen der Oktoberrevolution und der Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion für die Entwicklung in Deutschland aufgeworfen. Ackermann sprach von einer „Möglichkeit“, die an bestimmte Bedingungen der Entwicklung des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse und des Klassenkräfteverhältnisses gebunden sei.

Degradierung

Politisch eigenständiges Agieren war für deutsche Kommunisten – insbesondere unter den Bedingungen des Besatzungsrechts – nicht immer einfach. 1948, als der Kampf gegen die „Titoisten“ ausgerufen wurde, musste Ackermann auf der 13. Tagung des Parteivorstands der SED öffentlich Buße tun und seinen „Fehler“ eingestehen – er nahm die Verantwortung auf sich. 1952/53 war die Konzeption der SED vom besonderen deutschen Weg endgültig gescheitert, die Voraussetzungen waren entfallen. Politisch gescheitert war auch ihr entschiedenster Verfechter.

Nach Gründung der DDR wurde Ackermann als Staatssekretär ins neu gebildete Außenministerium versetzt, wo er den Auslandsnachrichtendienst – die spätere HVA – aufbaute, bevor er ihn 1952 an Markus Wolf übergab. Zugleich war er Direktor des Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts. Nach dem 17. Juni 1953 wurde er unter falschen Anschuldigungen aller politischen Ämter enthoben und später auch aus dem ZK der SED entfernt, verbunden mit einer strengen Rüge wegen angeblicher „Fraktionstätigkeit“. Er übernahm die Leitung der Hauptverwaltung Film. Nach Streichung der Parteistrafe 1956 und Rehabilitierung – die im Vergleich zu Franz Dahlem, mit dem er im Streit über die Darstellung der Moskauer Jahre lag, halbherzig war – wurde er schließlich Stellvertreter des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission. Im Jahr 1962 erfolgten die Entbindung von allen Funktionen und die Invalidisierung.

Ackermann wurde nicht mehr gestattet, seine reichen Erfahrungen – theoretisch aufgearbeitet – zu veröffentlichen. Sein Wunsch, über die Auffassung des Sozialismus bei Karl Marx, Friedrich Engels und Lenin und entsprechend den gemachten Erfahrungen zu schreiben, wurde von Erich Honecker abgelehnt, weil das als Polemik gegen Walter Ulbricht hätte aufgefasst werden können. Er erklärte Ackermann gegenüber allerdings auch: „Wir wissen, dass du nicht der Erfinder des deutschen Weges zum Sozialismus warst. Aber die alten Geschichten können wir nicht wieder aufwühlen.“
Ohne seinen Klassenstandpunkt jemals aufzugeben, hat Anton Ackermann alle Demütigungen und falschen Anschuldigungen ertragen. Er ist sich und seiner Sache stets treu geblieben.


Das im Text angesprochenen Buch „Anton Ackermann – Der deutsche Weg zum Sozialismus“, herausgegeben von Frank Schumann, ist leider nur noch antiquarisch zu kaufen. Den Artikel „Gibt es einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus?“ dokumentieren wir unter: kurzelinks.de/Ackermann


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"Sich und seiner Sache stets treu geblieben", UZ vom 5. Mai 2023



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