„Strike Germany“ boykottiert den deutschen Kulturbetrieb

Solidarität statt Zensur

Es raschelt mal wieder überaus empört im deutschen Blätterwald. Deutschland bestreiken? Wer erlaubt sich denn so was? Gemeint sind aber diesmal weder böse Angestellte im Handel, fiese Lokomotivführer oder verantwortungslose Pflegekräfte, sondern internationale Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen die französische Autorin Annie Ernaux.

Bisher rund 1.000 von ihnen haben sich dem Aufruf „Strike Germany“ angeschlossen, der internationale Kulturschaffende dazu aufruft, den deutschen Kulturbetrieb zu bestreiken. Er wendet sich gegen die „McCarthyistischen Maßnahmen“ deutscher Kultureinrichtungen, „die die freie Meinungsäußerung einschränken, insbesondere den Ausdruck von Solidarität mit Palästina“.

Dabei verweigert Strike Germany „deutschen Kulturinstitutionen Arbeit und Präsenz“ und „hält am Einsatz für Befreiungsbewegungen fest – wider das deutsche Embargo gegen internationale Solidarität“.

„Unerhört“, schreit da der Blätterwald von „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ bis „Deutschlandfunk“, die haben in ihrem Aufruf nicht den „Terror der Hamas“ erwähnt! Wie doof, dass sich mit Ernaux eine Literatur-Nobelpreisträgerin dem Aufruf angeschlossen hat und man ihn nicht mehr so leicht ignorieren kann. Ignoriert wird in der Berichterstattung dafür der Inhalt des Aufrufs. Dieser hält fest, dass der deutsche Staat, „während die genozidale Militäraktion im Gazastreifen andauert“, „die Repressionen gegen die eigene palästinensische Bevölkerung sowie denjenigen, die sich gegen Israels Kriegsverbrechen stellen, verschärft“. Der Aufruf verweist auf die vorauseilende Zensur, die in Deutschland tagtäglich stattfindet, und unterfüttert dies mit prominenten Beispielen: dem Verzicht auf die Verleihung des LiBeraturpreises an Adania Shibli, dem Rückzug zweier Hauptsponsoren aus dem Hannah-Arendt-Preis, nachdem die Empfängerin, die Publizistin Masha Gessen, einen Artikel über Gaza veröffentlichte, und das Ende der Förderung und die damit verbundene Schließung des Kulturzentrums „Oyun“, nachdem dies eine Veranstaltung mit der „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ ausgerichtet hatte.

Der Aufruf kritisiert, dass die deutsche „Erinnerungskultur“ als repressives Dogma fungiert, inklusive eines weltweit kritisierten Antisemitismusbegriffs.

Die hinter dem Aufruf vereinigten Künstlerinnen und Künstler fordern: 1. Die Kunstfreiheit zu schützen, 2. den Kampf gegen Antisemitismus zu fokussieren und 3. strukturellen Rassismus zu bekämpfen. Bis zur Erfüllung der Forderungen wird die Teilnahme an Festivals, Panels und Ausstellungen zurückgezogen.

0411 strike - Solidarität statt Zensur - Palästina-Solidarität, Strike Germany - Kultur

So richtig schlimm findet man das in der deutschen Medienlandschaft nicht. „Sind ja nur kleine Fische“, versucht man die Bewegung kleinzureden. Wem fällt schon auf, wenn im Berliner Berghain Zeugs ausfällt, weil die DJs nicht mehr in Deutschland auftreten wollen. Und der Suhrkamp-Verlag beeilt sich zu erklären, dass der Boykott ja nicht den Verkauf von Ernaux‘ Büchern in Deutschland betrifft, nicht die Veröffentlichung und Inszenierung ihrer Texte. Dabei schwingt mit, dass man auf Auftritte der Person Ernaux auch kein gesteigertes Interesse legt. Hauptsache sie liefert.

Von weiteren Lieferungen absehen muss der S.-Fischer-Verlag. Dessen Autorin Lana Bastašic, die den Aufruf ebenfalls unterzeichnet hat, trennte sich von ihrem deutschen Verlag. Dieser habe es nicht nur vermieden, zum Genozid in Gaza Stellung zu nehmen, sondern in den letzten zwei Monaten auch zur „systemischen und systematischen Zensur“ geschwiegen.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth will sich mal wieder nicht so recht äußern. Sie schätzt, so teilte ihr Büro der „Rheinischen Post“ mit, „die Situation in der deutschen Kultur auch völlig anders ein“. Ist ja auch schon drei Monate her, dass von der deutschen Kulturszene bedingungslose Solidarität mit Israel eingefordert wurde. Von der massenhaften Ausladung russischer Künstlerinnen und Künstler und den Versuchen, sie zu einer Distanzierung von der Politik ihres Heimatlands zu erpressen, mal ganz abgesehen. Kann man ja schon mal vergessen. So wie Roth im Angesicht von Amtswürde, Dokumenta, Ukraine-Krieg und Co. auch nicht mehr präsent hat, was die Aufgabe von Kunst und Kultur selbst in einem bürgerlichen Staat ist.

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner von Strike Germany haben es nicht vergessen: „Während Gaza zerstört wird, ist es die Verantwortung Kunstschaffender, für internationale Solidarität einzustehen und für das Recht gegen das andauernde Massaker die Stimme zu erheben.“

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Solidarität statt Zensur", UZ vom 26. Januar 2024



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