In den USA legten Profisportler nach den Schüssen auf Jacob Blake die Arbeit nieder

Streik gegen Rassismus

Friedhelm Vermeulen

„Erst schießen, dann lügen“ – an den sieben Schüssen in den Rücken von Jacob Blake entzündeten sich die neuen Proteste gegen rassistische Polizeigewalt in den USA. (Foto: Bluescruiser1949 / flickr.com / CC BY-ND 2.0)

Als der ehemalige Basketballspieler und Sportmoderator Kenny Smith in der letzten Woche aus Protest die Fernsehsendung „Inside the NBA“ verließ, wirkte er nicht überrascht, aufgeregt oder empört, sondern eher frustriert und müde. Smith weigerte sich, den Streik von NBA-Spielern zu kommentieren, und schloss sich diesem stattdessen an. Die Mannschaften aus Orlando und Milwaukee hätten in der letzten Woche am Mittwochnachmittag spielen sollen, doch das Team der Milwaukee Bucks blieb zu Spielbeginn in der Kabine. Das gegnerische Team, die Orlando Magic, waren zu diesem Zeitpunkt bereits in der Halle, um sich aufzuwärmen.

Milwaukee liegt im gleichen Bundesstaat wie Kenosha, keine Autostunde entfernt von dem Ort, wo die Polizei zuvor den 29-jährigen Schwarzen Jacob Blake niedergeschossen hatte – mit sieben Kugeln in den Rücken. In ihrer Umkleidekabine sprachen die Bucks-Spieler mit Offiziellen aus Wisconsin und mit der Familie von Jacob Blake. Das gab den Ausschlag: Die Bucks nahmen eine Niederlage in der Finalserie in Kauf und initiierten damit einen Streik der ganzen Liga.

„Natürlich hat es Konsequenzen, wenn man nicht da rausgeht. Wir haben als Mannschaft beschlossen, das Spiel aufzugeben. Aber ich habe nicht einmal eine Sekunde lang hinterfragt, was ich da tue“, so Bucks-Star Giannis Antetokounmpo. Antetokounmpo sagte, er habe zwar Rassismus in Griechenland, wo er aufgewachsen ist, erlebt, habe aber die Angst der Schwarzen in den USA bis zu seiner ersten Saison in der NBA nicht verstanden. Der ehemalige Bucks-Spieler Caron Butler, der in Wisconsin aufgewachsen ist, habe ihm beispielsweise geraten, bei nächtlichen Spaziergängen die Kapuze seines Sweatshirts nicht aufzusetzen. Immer wieder waren Schwarze angegriffen worden, weil sie angeblich eine Bedrohung darstellten. Bekanntestes Beispiel ist der Fall des 17-jährigen Trayvon Martin. Er wurde in Florida von George Zimmerman, einem Mitglied einer Bürgerwehr, erschossen. Zimmerman argumentierte damals, er habe sich bedroht gefühlt, weil der Schwarze Martin eine Kapuze trug. Im Prozess gegen Zimmerman kam es 2013 dennoch zu einem Freispruch.

Der Verweigerung der Milwaukee Bucks folgte nicht nur ein dreitägiger Streik der Basketballspieler, an dem sich alle Teams beteiligten, auch die Baseball-Liga MLB, der Fußballverband MLS sowie Vertreterinnen und Vertreter des Tennisverbandes und der nordamerikanischen Eishockeyliga schlossen sich dem Protest an.

Das neu angesetzte Spiel 5 der Bucks-Serie gegen Orlando wurde dann am vergangenen Samstag nachgeholt, nachdem die NBA zugesagt hatte, sich für soziale Gerechtigkeit, für eine Polizei- und Strafrechtsreform und für einen vereinfachten Zugang zu Wahlen zu engagieren beziehungsweise ihr bisheriges Engagement zu verstärken. Dazu gehört, dass in jeder Stadt, in der die Spielstätte eines NBA-Teams sich auch in ihrem Besitz befindet, dort Wahllokale eingerichtet werden.

An der Demonstration gegen Rassismus, an der sich in Washington Zehntausende am vergangenen Freitag beteiligten, konnten die NBA-Spieler nicht teilnehmen – mit ihrer Entscheidung zur Fortsetzung der Finalrunde bleiben sie bis zum Ende der Saison in ihrer Quarantäne-Blase. Auch in Kenosha selbst gab es Proteste, und zwar jede Nacht, seit die Polizei Jacob Blake niedergeschossen hat. In der dritten Protestnacht erschoss dabei ein 17-Jähriger, der bewaffnet die Straßen entlanglief, zwei Menschen und verletzte einen weiteren. Sein Anwalt spricht von Selbstverteidigung und auch US-Präsident Trump fabuliert von „sehr gewalttätigen“ Demonstranten. Der 17-Jährige wäre laut Trump „wohl getötet worden“, wenn er nicht geschossen hätte. In Kenosha müsse schnell wieder Ordnung hergestellt werden. Mit seinem für Dienstag (nach Redaktionsschluss) angekündigten Besuch der Stadt dürfte er zum Gegenteil beitragen. Der Gouverneur von Wisconsin, Tony Evers, und der Bürgermeister von Kenosha, John Antaramian, baten Trump denn auch, von einem Besuch abzusehen.

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"Streik gegen Rassismus", UZ vom 4. September 2020



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