Zum Mercosur-Abkommen

Strohhalm

Statt vorne in die Schlagzeilen rutschte die Nachricht hinten auf die Wirtschaftsseiten der meinungsbildenden Blätter der Republik – und da oft in die Keller: Die als bombastische PR-Aktion geplante Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens zwischen vier südamerikanischen Ländern und der Europäischen Union wurde vom Kampf um Grönland an den Rand der politischen Wahrnehmung gedrängt.

Dennoch verzichteten die EU-Würdenträger in kaum einer Rede auf den Hinweis, damit werde nun die „größte Freihandelszone der Welt“ geschaffen. Mit Blick auf die 700 Millionen Menschen, die nun weitgehend zollfrei miteinander Handel treiben sollen, weiß natürlich jedes Schulkind, dass allein in der Volksrepublik China doppelt so viele Menschen leben, die ohne Zölle miteinander Handel treiben können. Diese Sprachverirrung passt zu der Verdummung, von „Europa“ zu reden, wenn die EU gemeint ist – und so wird geflissentlich übersehen, dass die meistgesprochene Sprache auf diesem Kontinent Russisch ist und die 120 Millionen Europäer dieser Sprache von diesem Abkommen unberührt bleiben.

Alles geschenkt – immerhin: Wenn jetzt noch das EU-Parlament zustimmt, entfallen die Zölle auf rund 90 Prozent der zwischen EU und Argentinien, Brasilien, Paraguay sowie Uruguay gehandelten Waren. Erwartet wird in die eine Richtung eine deutlich gestiegene Zufuhr preisgünstiger landwirtschaftlicher Produkte aus Südamerika nach West- und Mitteleuropa. Das wird die Krise der Landwirtschaft nicht nur in Frankreich, Irland und Italien, sondern auch in Deutschland verschärfen und zu neuen Protestwellen der Bauern führen. Eine Rettung aus ihrer misslichen Lage erhoffen sich vor allem die deutschen Auto- und Maschinenhersteller sowie die Chemieunternehmer, die sich in den letzten Wochen an das Abkommen fast wie der Ertrinkende an einen Strohhalm geklammert haben. Es bleibt aber abzuwarten, ob deren Produkte die rasant wachsende Beliebtheit chinesischer Industrieerzeugnisse in den genannten vier Ländern wirklich eindämmen kann.

Möglicherweise nimmt die versickerte Berichterstattung des Unterzeichnungsaktes ja auch nur das Versickern der großen Hoffnungen in dieses Abkommen vorweg.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Strohhalm", UZ vom 23. Januar 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Flugzeug.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit