Ein Gespräch über das Proyecto Tamara Bunke

Um Kuba zu verstehen

„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ (Che Guevara) und gerade in Zeiten der mörderischen Blockade gegen Kuba eine Waffe im internationalen Klassenkampf. In dieser Hinsicht hat das „Proyecto Tamara Bunke“ der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba einen einzigartigen Stellenwert. Es eröffnet jungen und jung gebliebenen Menschen die Chance, in den kubanischen Alltag einzutauchen und Kuba und den kubanischen Sozialismus kennenzulernen. UZ sprach mit Jurek Macher. Der angehende Krankenpfleger aus Essen ist Mitglied der SDAJ, war 2018 „Bunkista“, wie die Teilnehmer des Proyectos sich nennen, und begleitet das Projekt seitdem in der Koordination.

UZ: Jurek, im jungen Alter für eine längere Zeit nach Kuba zu gehen ist mit Sicherheit ungewöhnlich. Magst du kurz skizzieren, was dich bewog, dich dem „Proyecto Tamara Bunke“ anzuschließen?

Jurek Macher am Malecón in Havanna.

Jurek Macher: Aufgrund meiner politischen Arbeit in der SDAJ war Kuba früh auf meinem Radar. Als Verband organisierten wir eine Kampagne und entsandten eine Brigade. Als Schüler hätte ich gerne ein Auslandsjahr auf der sozialistischen Insel verbracht, konnte jedoch keine Organisation zur Durchführung finden. Zeitgleich und als Resultat der SDAJ-Kuba-Brigade entstand das Proyecto Tamara Bunke. Nach dem Schulabschluss stand für mich somit fest, dass ich am Proyecto teilnehmen möchte.

UZ: Eine Teilnahme am Proyecto bedeutet keinen All-Inclusive-Strandurlaub abseits vom kapitalistischen Wahn, oder? Kannst du beschreiben wie sich das Leben der Teilnehmenden vor Ort gestaltet und welche Möglichkeiten das Proyecto bietet?

Jurek Macher: Zunächst muss gesagt werden: Der kubanische Sozialismus ist weder perfekt noch fertig, die koloniale Vergangenheit und die Sanktionen lasten schwer auf Land und Leuten. Überdies existiert weiterhin, wenn auch in ungleich geringerem Maße als im Kapitalismus, eine gewisse soziale Ungleichheit. Das Spannende am Aufbau des Sozialismus ist, wie das kubanische Volk mit seinen Problemen umgeht oder wie durch den gesellschaftlichen Prozess neue Probleme erst entstehen. Dies zu erleben ist wertvoll und bestimmt einen Großteil des Alltags auf Kuba.

Dies beschreibt zugleich die erste „Aufgabe“ der Bunkistas: in den Alltag einzutauchen und dann das Erlebte in Form von journalistischen Blogbeiträgen (berichteaushavanna.de) zu verarbeiten – damit leisten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Beitrag zur richtigen Darstellung von Kuba in den deutschsprachigen Ländern. Ansonsten belegen sie, nach einem Sprachkurs auf der Isla de Juventud, Kurse an der CUJAE (der Technischen Universität von Havanna) in Fächern wie marxistischer Philosophie oder politische Ökonomie. Auf dem Campus der CUJAE sind die Teilnehmenden auch untergebracht. Es finden regelmäßig Ausflüge und Veranstaltungen statt. In meiner Zeit auf Kuba haben wir beispielsweise einen ehemaligen kubanischen Geheimagenten getroffen oder hatten die Möglichkeit, an einer Veranstaltung der Delegierten für den Verfassungskongress teilzunehmen. Da das Proyecto ein Gruppenprojekt ist, steht auch das soziale Leben in der Gruppe im Fokus. Man wohnt, isst, lebt und diskutiert gemeinsam – eine prägende Zeit.

UZ: Studium, soziales Engagement, spanische Sprache – bedeutet dies, dass „nur“ Studierende bei euch mitmachen können? Welche Anforderungen werden ferner an die Interessierten gestellt?

Jurek Macher: Ein klares Nein – es ist irrelevant, welchen beruflichen oder akademischen Status unsere Teilnehmenden haben. Ein wichtiger Teil des Proyectos sind zwar die Kurse und Veranstaltungen an der CUJAE, aber wir sind kein studentisches Austauschprogramm. Allerdings war es vereinzelt möglich, dass Teilnehmende nach ihrer Rückkehr die Kurse für ihr Studium in Deutschland anrechnen lassen konnten. Im Kern geht es uns im Proyecto aber bei den Kursen um den persönlichen wie politischen Erkenntnisgewinn.

Hinsichtlich der Sprache sieht die Sache leider ein wenig anders aus – wir können nur sehr empfehlen, sich gut vorzubereiten. Als Voraussetzung für eine Teilnahme haben wir das Spanisch-Niveau A2 gesetzt. Abgesehen von Anforderungen gilt die Regel: Je besser die Sprachkenntnisse, desto mehr Erkenntnisse während des Aufenthalts.

Weitere Anforderungen können wie folgt beschrieben werden: Wir wünschen uns Teamplayer, die vor Ort an den Aktivitäten partizipieren und solidarisch den Prozess auf Kuba beurteilen wollen. Dies bedeutet nicht, dass Leute keine Probleme benennen oder Kritik äußern dürfen – im Gegenteil. Aber wir wollen mit unserem Blog ein Medium sein, das sich kritisch mit den Widersprüchen des Landes beschäftigt und nicht – wie im herrschenden Zeitgeist üblich – vom „Cas-tro-Regime“ und der „Ein-Parteien-Diktatur“ schwadroniert. Diese pauschalen Zuschreibungen der Medienmonopole werden dem Istzustand auf Kuba nicht im Ansatz gerecht.

UZ: Was unterscheidet das Proyecto Tamara Bunke – abgesehen von Kursen und der Unterbringung auf dem Campus – von einem „normalen“ touristischen Aufenthalt? Inwiefern gelingt ein Blick hinter die Kulissen der sozialistischen Gesellschaft?

Jurek Macher: Zum einen die Dauer – für eine tiefgreifende Betrachtung braucht es mehr als zwei Wochen Urlaub, selbst nach einem halben Jahr bleiben nicht selten mehr Fragen als Antworten. Zum anderen bietet das Proyecto die Möglichkeit, abseits der touristischen Pfade das Land zu erleben. Durch die Anbindung an die CUJAE, die Ausflüge, Treffen und Diskussionen, durch die Anbindung an die Massenorganisationen oder aber über das alltägliche Leben, über die anderen Studierenden, über Freundschaften, gelingt ein tiefer Einblick.

UZ: Das Coronavirus hat die Welt – auch Dank des kapitalistischen Missmanagements der Pandemie – fest im Griff. Wie stellt sich die Lage im karibischen Sozialismus dar? Kannst du kurz auf die aktuelle wirtschaftliche und gesundheitliche Lage auf Kuba eingehen? Ist eine Teilnahme am Proyecto ohne Bedenken möglich?

Jurek Macher: Die aktuelle Lage ist nicht einfach, durch die US-Blockade fehlen eine Menge Devisen. Hinsichtlich der Gesundheitsversorgung wirkt sich aber positiv aus, dass man personell sehr gut aufgestellt ist, die Menschen über ein hohes Kollektivbewusstsein verfügen und aktuell an mehreren Impfstoffen geforscht wird. In Bezug auf das Proyecto zeigt sich die kubanische Seite zuversichtlich, dass im September wieder eine Gruppe fahren kann. Trotz der gebotenen Vorsicht sind wir frohen Mutes und bereiten zurzeit eine neue Gruppe auf ihren Aufenthalt vor – alle Interessierten können sich jederzeit an uns wenden.


Die Teilnahme am Proyecto Tamara Bunke dauert zwischen sieben und zwölf Monaten, Start ist im Februar oder im September, dieses Jahr geht es im September los. Anmeldungen sind bis Mai möglich, für Kurzentschlossene auch darüber hinaus. Kontakt zum proyecto gibt es unter berichteaushavanna.de.


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"Um Kuba zu verstehen", UZ vom 23. April 2021



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