„Orpheus in der Unterwelt“ – Der Theaterabend beim UZ-Pressefest in Berlin

Unvermutete Schwäche der Macht

Schon für das – dann leider ausgefallene – UZ-Pressefest 2021 in Dortmund hatte die Kulturkommission der DKP neben vielen anderen Plänen auch auf dem Zettel, ein Theaterstück von Peter Hacks aufführen zu lassen. Nun wird, wenn auch deutlich kleiner, dieses Fest des Friedens und der Solidarität Ende August in Berlin stattfinden. Wir wollten von unserem Plan nicht abgehen und haben im Kino Babylon direkt am Rosa-Luxemburg-Platz die Bühne gefunden, um das Stück „Orpheus in der Unterwelt“ von Peter Hacks in einer musikalischen Lesung zu zeigen.

Peter Hacks (geboren 1928 in Breslau, von 1946 bis 1955 in München, dann bis zu seinem Tod 2003 in der Hauptstadt der DDR lebend und arbeitend) war einer der wichtigsten Schriftsteller und Dramatiker der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. In seinem Essay „Kunst und Revolution“ von 1971 schreibt Hacks: „Eingestandenermaßen ist die Kunst eine Waffe. Eingestandenermaßen ist ein Holzhammer eine Waffe. Nach Aristoteles folgt hieraus nicht, dass die Kunst ein Holzhammer sein müsse. Es folgt eher, dass die Kunst eine umso bessere Waffe sei, je bessere Kunst sie ist.“ Er ließ sich von der Konterrevolution in seinen politischen Überzeugungen als Kommunist nicht beirren, er hielt die „Restauration einer abgebrochenen Revolution“ für geboten und leichter zu bewerkstelligen als eine Revolution. Da er auch von der westdeutschen Arbeiterklasse nicht ohne Hoffnung meinte, sie wisse ganz gut, was gespielt werde, war damit mehr intendiert als eine Erneuerung der DDR. Es ging vielmehr um die Wiederbelebung eines welthistorischen Prozesses.

Die Uraufführung des 1994 im Auftrag des Deutschen Theaters geschriebenen, aber für den Spielplan abgelehnten Stückes „Orpheus in der Unterwelt“ fand 1998 im Kulturpalast Bitterfeld statt – in der Regie von Jens Mehrle und Stefan Nolte und unter Mitwirkung zahlreicher Laien-Musikensembles der Bitterfelder Region. Hacks nannte die Operette die „kleinere Gattung“, aber nicht weniger geeignet, um große, ja weltgeschichtlich bedeutsame Ereignisse und Entwicklungen aufscheinen zu lassen. Die schon seit der griechischen Mythologie bekannte Geschichte von Orpheus und Eurydike wurde vielfach für das Theater genutzt. Jacques Offenbach komponierte ein Libretto von Crémieux/Halévy und schuf damit die erste Operette. Die Operette für Schauspieler „Orpheus in der Unterwelt“ aus Hacks’ Spätwerk thematisiert – wie Jens Mehrle formulierte – „eine geschichtliche Bewegung, in der die Sphären von Gesellschaft, Politik, Individuum, Liebe und Kunst eng verwoben sind und Revolution und Evolution einander bedingen. Die Haltung zur Wirklichkeit unserer Gegenwart wird zum Hebel für die Anverwandlung eines alten Mythos und einer von der Kunst vergessenen Gattung.“ Wie der Opernregisseur und Filmemacher Olaf Brühl schreibt: „Die Evolution von Sozialismus und Menschheit ist die Auflösung des Knotens des Stückes. Der Widerspruch zwischen Orpheus und Eurydike erreicht eine neue Stufe. Um in dessen Entwicklung fortzufahren, wurde, so scheint es, der Kampf gegen die Unterwelt erforderlich, der, trotz unvermuteter Schwäche der Macht, nicht ohne Aufstand zu gewinnen ist und nicht ohne den Anspruch der individuellen Liebe, nicht ohne die Kunst – und nicht ohne die Liebe des Künstlers zu seinem Publikum, nicht ohne die Treue des Künstlers zur Kunst. Das Stück enthält all das. Die neue Welt entsteht nicht ohne mühe- und lustvolles Tun und die alte fällt nicht ohne – wie Hacks und Lenin sagen – gefällt zu werden.“

Wir freuen uns sehr, dass wir die Schauspieler und Musiker des Orpheus-Ensembles für diesen Theaterabend gewinnen konnten, ebenso den Ernst-Busch-Chor Berlin, der wie bereits 2000 bei einem Berliner Gastspiel der Bitterfelder Inszenierung Teil der Aufführung sein wird.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Unvermutete Schwäche der Macht", UZ vom 24. Juni 2022



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