Die Berlinale sollte ohne eine Haltung zum Völkermord in Gaza auskommen

Von wegen unpolitisch

„Wir sind das Gegenteil von Politik“, hatte Jury-Präsident Wim Wenders bei der Berlinale-Pressekonferenz zur Eröffnung der Filmfestspiele getönt. „Erzähl doch nichts“, wollte man zurückrufen – und selbst wenn es gestimmt hätte, sollte das in diesen Zeiten eine hinnehmbare Haltung für Künstler sein?

Natürlich ist das Filmfest an der Spree politisch. Auf der eigenen Webseite benennt die Berlinale das auch: „Bis heute gilt sie als das politischste aller großen Filmfestivals.“ Nun kann so ein Filmfestival auf vielseitige Weise politisch sein, durch die Reden, die geschwungen werden, die Statements auf dem Roten Teppich oder beim Empfang von Preisen, durch die Filme, die man in Wettbewerb und Programm einlädt, und durch die, die man ignoriert. Und so traf Wenders’ Diktum „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“ von Anfang an auf Widerstand. Zunächst sagte die Schriftstellerin Arundhati Roy ihren Besuch bei der Berlinale ab. Für sie sei es „einfach nur unfassbar“, dass Kunst nicht politisch sein solle, hatte sie in einem Statement erklärt.

An ihre Seite hatten sich mehr als 80 internationale Filmschaffende gestellt – in einem offenen Brief an die Berlinale und Wenders, der im Branchenblatt „Variety“ veröffentlicht wurde. Schauspielerinnen und Schauspieler wie Tilda Swinton, Javier Bardem und Mark Ruffalo zeigten sich in dem Brief „bestürzt“ darüber, dass die Berlinale sich an der Zensur von Künstlerinnen und Künstlern beteiligt. Und sie formulierten die klare Erwartung an die Institutionen ihrer Branche, „dass sie sich der Komplizenschaft bei der schrecklichen Gewalt verweigern, die weiterhin gegen Palästinenser ausgeübt wird.“ Sie seien entsetzt über das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“. Noch im vergangenen Jahr war bei der Berlinale ein Statement verlesen worden, das Deutschland eine Beteiligung am Völkermord vorwarf – eine legitime Anschuldigung angesichts von Waffenlieferungen, Staatsräson und in Den Haag anhängigen Verfahren. Die Empörung war allerdings wieder groß, der Staatsschutz schritt sofort zur Ermittlung.

In Anbetracht der großen internationalen Kritik hatte sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer an die Seite der Berlinale-Macher gestellt. Wenders sei „von Pali-Aktivisten“ – bedrängt worden, „noch mehr zu sagen, noch mehr zu tun“, behauptete Weimer.

Ganz „unpolitisch“ wollte die Berlinale in diesem Jahr aber keineswegs sein. Zu den Eingeladenen gehörte in diesem Jahr der Dokumentarfilm „Szenario“. Der Film von Regisseurin Maria Wilke durfte im Forum (nicht im Wettbewerb) seine Weltpremiere feiern. Und was wird da dokumentiert? Die Bundeswehr. Wie sie den Krieg probt, in der Übungsstadt Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt. Dort wird der Häuserkampf trainiert und die Soldaten haben eine klar formulierte Aufgabe: „Zielen, Schießen, Vernichten, Melden“. Fragenstellen wird hier nicht trainiert. Die Berlinale lobte an dem Film: „Meist sind es statische, wertfreie Einstellungen, die Zeugnis geben von einer Bundeswehr, die inmitten historischer Aufarbeitung, hochmoderner Kriegssimulation und ungewisser Zukunft nach ihrem Selbstverständnis sucht.“ Unpolitisch, wertfrei – und doch schauten die Berlinale-Besucher deutschen Soldaten dabei zu, wie sie den Krieg gegen Russland vorbereiten.

Ebenso deutlich wurde die Unterstützung der Macher der Berlinale für den Kurs der deutschen Politik beim Thema Gaza. Im Gegensatz zum Kriegüben gegen die angebliche russische Bedrohung sollte der reale Völkermord an den Palästinensern eigentlich nicht stattfinden beim „politischsten aller Filmfestivals“. Zu groß waren die Skandale der letzten Jahre, zu empört die Zionisten, zu verletzt die Staatsräson von Kufiya-tragenden Filmemachern und falsch klatschenden Politikern (siehe UZ vom 1. März 2024).

Doch der Versuch, eine reibungslose Preisverleihung ohne große Politikstatements zu inszenieren, misslang. Als der palästinensisch-syrische Regisseur Abdallah Al-Khatib, ausgezeichnet für „Chronicles from the Siege“, die Bühne der Abschlusszeremonie betrat, trug er Kufiya und eine Palästina-Flagge. Er kritisierte die Rolle Deutschlands als Partner Israels beim Genozid in Gaza und erntete Zustimmung und empörte Reaktionen. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) flüchtete vor Schreck aus dem Saal. Wahrheiten hört man nicht gern, auch nicht bei der Berlinale. Neben Al-Khatib hielten sich auch die libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta und der türkische Filmemacher Emin Alper nicht an die vom Jury-Vorsitzenden Wim Wenders herausgegebene Orientierung. Am Schluss war noch einmal Festivalleiterin Tricia Tuttle dran. Die Bühne an diesem Abend habe der Berlinale entsprochen, sie sei nie ein Ort des Schweigens gewesen, hier hätten sich Künstler immer äußern können. „Und manchmal tun sie das auf eine Weise, die unbequem ist.“ Das hatte nur keiner Wim Wenders gesagt.

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"Von wegen unpolitisch", UZ vom 27. Februar 2026



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