Das zu DDR-Zeiten florierende Petrolchemische Kombinat (PCK) in Schwedt, das heute seinen Namen nur noch verschämt als Kürzel führt, ist ein wenig aus den Schlagzeilen verschwunden. Das könnte sich bald ändern. Mit Hängen und Würgen war es gelungen, die jahrzehntelang störungsfrei fließende Zulieferung von Öl aus Russland, das dort zu Benzin, Heizöl, Asphalt und anderen Produkten weiterverarbeitet wurde, durch Lieferungen aus anderen Quellen zu ersetzen. Das ist allerdings zum einen nicht im früheren Umfang geschehen, und zum anderen sind die nun sehr unterschiedlichen und gegenüber früher durchweg teureren Chargen so schwer zu verarbeiten, dass die Gewinnmargen des Unternehmens deutlich gesunken sind. Auch die Marktanteile des PCK, das auch nach Liquidierung der DDR dieses Gebiet weitgehend beherrschte, befinden sich im stetigen Sinkflug und mit ihnen Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven.
Die Sanktionen, die die USA über alle Unternehmen mit russischer Beteiligung verhängt haben, schweben wie ein drohendes Schwert auch über dem PCK, dessen Mehrheitseigner, die Rosneft Deutschland GmbH, zwar durch Entscheidung der Ampel-Regierung kaltgestellt, aber noch nicht enteignet ist. Die von der Bundesregierung mit Hinweis auf die politische Zwangsverwaltung erbettelte Ausnahmegenehmigung der US-Regierung läuft im April dieses Jahres aus. Zurzeit sieht es nicht nach einer wohlwollenden Prüfung einer Verlängerung durch Washington aus. Das würde die Lage in und um Schwedt, wo nach wie vor tausende Familien direkt oder indirekt von den Arbeitsplätzen im PCK abhängig sind, dramatisch verschärfen und so den dort schwelenden Brand anfachen.
Ähnliche wirtschaftliche und damit soziale Brandherde glimmen ein wenig weiter südwestlich von Schwedt zunehmend aufflackernd vor sich hin. Sie betreffen das klassische DDR-Chemiedreieck Leuna-Buna-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Die Region gewährleistete seit den 1950er Jahren, damals unter dem Slogan „Plaste und Elaste“, die Versorgung mit Kunststoffen aller Art. Nach heftigen Kämpfen, in denen zunächst ein Plattmachen dieser gesamten Industrie drohte, gelang es nach der Vernichtung der DDR, diesen industriellen Standort in seiner Kernsubstanz zu erhalten. Der in der letzten Woche zurückgetretene Ministerpräsident des Landes, Reiner Haseloff (CDU), der erst als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und dann als Wirtschaftsminister gearbeitet hatte, bevor er 2011 in die Staatskanzlei aufrückte, betonte in seiner Abschiedsrede, die – wie er meinte – gute wirtschaftliche Entwicklung seines Bundeslandes hätte entscheidend damit zu tun, dass es gelungen sei, „traditionsreiche Chemiestandorte wie Leuna, Schkopau und Bitterfeld“ zu revitalisieren.
Angesichts eines Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts in Sachsen-Anhalt von mehr als fünf Prozent in den Jahren 2019 bis 2024 und eines unentwegten Schrumpfens der Bevölkerung ist das Bild wohl deutlich zu rosig gemalt. Es könnte allerdings relativ zu dem stimmen, was diesem Land jetzt droht. Alle Versuche, neben der traditionellen Chemieindustrie andere Standorte zu fördern, sind kläglich gescheitert. Zuletzt blieb die erhoffte Ansiedlung einer Chipfabrik des US-amerikanischen Intel-Konzerns in Magdeburg aus, trotz einer milliardenschweren Zusage von staatlichen Fördermitteln. Statt Chips gibt es dort jetzt eine Industriebrache, für die es trotz einer aufwändigen Werbekampagne für den „High-Tech-Park am Eulenberg“ keine zahlungskräftigen Interessenten gibt.
In der Chemieindustrie, die das Land weitgehend allein am Laufen hält, droht indes ein Flächenbrand. Im Sommer kündigte der US-amerikanische Dow-Chemical-Konzern die Schließung von Werken bis 2027 an, der insgesamt 600 Arbeitsplätze zum Opfer fallen würden – 100 davon in Schkopau. Zu Weihnachten kam die nächste Hiobsbotschaft: Domo Chemical, das für Leuna zentrale Werk mit 500 Arbeitsplätzen (ohne Zulieferer und Unternehmen, die davon abhängen) meldete Konkurs und kündigte die Einstellung der Produktion an. Die besteht zu erheblichen Teilen aus der Herstellung von Polyamid 66 – gemeinhin als „Nylon“ bekannt. Wer allerdings eine solche chemische Produktion anhält, kann sie aufgrund der Prozesse, die dann innerhalb der Betriebsanlagen ablaufen, nicht wieder hochfahren. Also ordnete das Land unter seinem damaligen Wirtschaftsminister und designierten Haseloff-Nachfolger Sven Schulze (CDU) das Verbot des unkontrollierten Herunterfahrens der Anlagen an und führt seitdem das Unternehmen „im Notbetrieb“ – befristet bis Ostern in der dünnen Hoffnung, bis dahin einen Investor zu finden. Der wird sich die Bücher anschauen und vermutlich zuklappen. Denn Domo schreibt seit über drei Jahren Verluste. Die resultieren vor allem aus den seit dem Abdrehen der günstigen Gasversorgung aus Russland explodierten Energiepreisen, und dort ist keine Linderung in Sicht.









