Dank der aggressiven US-Außenpolitik wird die Volksrepublik mehr als Partner wahrgenommen

Welt offener für China

„Make China Great Again!” So überschrieb der European Council on Foreign Relations (ECFR) die Auswertung seiner jüngsten Umfrage zur globalen Politik, die er im November 2025 in 21 Staaten weltweit durchgeführt hatte. Nein, die Denkfabrik, die zum außenpolitischen Establishment Europas zählt, plädierte damit keineswegs dafür, China bei seinem historischen Wiederaufstieg zu unterstützen. Sie bezog sich vielmehr auf ein zentrales Ergebnis ihrer Umfrage: dass nämlich die ersten zehn Monate der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump genügt hatten, das Ansehen der USA weltweit zu schädigen, während die Volksrepublik weltweit plötzlich neue Sympathien gewann. Zumindest in dieser Hinsicht schien Trump also nicht wirklich „America Great“ zu machen, sondern vielmehr das genaue Gegenteil zu erreichen – „Make China Great Again“.

Der ECFR konnte dies anhand seiner Umfrage im Detail nachzeichnen. So zeigte sich, dass in vielen Ländern der Anteil derjenigen, die die USA als Verbündeten mit gemeinsamen Werten und Inte­ressen ansahen, gesunken war, in Brasilien etwa von 29 auf 26 Prozent, in Südafrika von 23 auf 19 Prozent, in Großbritannien von 37 auf 25 Prozent. Zugleich nahm der Anteil derjenigen, die China als einen solchen Verbündeten betrachteten, in Brasilien von 24 auf 27, in Südafrika von 34 auf 37 und in Indien sogar von 11 auf 22 Prozent zu. In allen Ländern war sich wenigstens die Hälfte der Befragten sicher, Chinas Einfluss werde im kommenden Jahrzehnt steigen, während in fast allen Ländern – Ausnahmen: Südkorea und die Ukraine – mehr Menschen die Volksrepublik als Verbündeten beziehungsweise als Partner ansahen denn als Rivalen oder gar als Gegner. Fast überall war zudem eine Mehrheit der Ansicht, die Beziehungen zu China würden stark bleiben oder sogar noch stärker werden.

Schon vor dem US-Überfall auf Venezuela, folgerte der ECFR, habe Trumps „aggressiver ‚America First‘-Ansatz die Menschen näher an China getrieben“. Man dürfe vermuten, dass der Angriff auf Caracas und die Verschleppung des venezolanischen Präsidentenpaares die Tendenz weiter verstärkt hätten. „Die Welt scheint offener für China zu werden“, schloss der ECFR. Mit dem Westen hingegen gehe es bergab: „Amerikas traditionelle Feinde fürchten es weniger als früher – während Verbündete sich heute sorgen, den räuberischen USA zum Opfer zu fallen.“ Aktuell zeigt sich das in Europa im Konflikt um Grönland.

Was der ECFR da in Umfragen in der Bevölkerung einer ganzen Reihe von Ländern maß, lässt sich inzwischen auch in der politischen Praxis von Staaten verifizieren. Bislang bestes Beispiel: Kanada. Dessen Premierminister Mark Carney hielt sich am 16. Januar in Peking auf, um dort eine „neue strategische Partnerschaft“ zu schließen. Beide Seiten kamen etwa überein, die Zölle auf die Einfuhr chinesischer Elektroautos nach Kanada von 100 auf 6,1 Prozent zu senken. Umgekehrt öffnet China wieder seinen Markt für kanadische Agrargüter. Carney teilte zudem mit, sein Land wünsche chinesische Investitionen nicht nur in seinen E-Auto-Sektor, sondern auch in erneuerbare Energien und in Energienetze – also in kritische Infrastruktur. Das war in etwa das Gegenteil von dem, wozu die USA ihre Verbündeten von Nordamerika bis nach Europa drängen.

Ein Einzelfall? „Präsident Xi Jinping begrüßt eine ganze Prozession von Staats- und Regierungschefs, die sich um eine Verbesserung ihrer Beziehungen zu China bemühen.“ So überschrieb die Nachrichtenagentur Bloomberg Mitte Januar einen Beitrag, der darauf hinwies, vor Carney sei bereits Südkoreas Präsident Lee Jae-myung in Peking gewesen, als erster südkoreanischer Staatschef seit 2019. Ende Januar werde Keir Starmer als erster Premierminister Großbritanniens seit 2018 in die chinesische Hauptstadt reisen, und auch Bundeskanzler Friedrich Merz werde in Kürze dort erwartet. Angesichts einer „aggressiven und unberechenbaren“ US-Politik kämen viele zu dem Schluss, sie müssten „zumindest gute Beziehungen zu China“ haben, zitierte Bloomberg den Politikwissenschaftler Alexander Dukalskis vom University College Dublin. Der beschrieb Chinas aktuellen Job: „Wenn dein Feind damit beschäftigt ist, sich selbst zu schaden, lehn dich einfach zurück und genieß die Show.“

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"Welt offener für China", UZ vom 23. Januar 2026



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