Inflationsausgleich? Unternehmen setzen auf Zuschüsse – oder zahlen gar nicht

Wenn der Lohn nicht mehr reicht

Steigende Benzinkosten, wachsende Strom- und Gaspreise, neue Rekordpreise bei Lebensmitteln – die Auswirkungen der Inflation sind für die Endverbraucher deutlich spürbar. Mehr als ein Drittel der abhängig Beschäftigten in Deutschland kommen aufgrund des großen Preisanstiegs mit dem aktuellen Gehalt nicht mehr aus. Dies gilt insbesondere für Beschäftigte mit einem Nettohaushaltseinkommen von unter 2.000 Euro pro Monat. Dies sind nicht die ersten Zeilen eines DGB-Flugblatts oder die Ergebnisse einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sondern waren in der „Zeit“ vom 26. Mai zu lesen. Dabei bezieht sich das Blatt, das Jürgen Kuczynski gerne als „Zentralorgan der Bourgeoisie“ bezeichnet hatte, auf eine repräsentative Umfrage der Jobbörse „Indeed“. Die dort erhobenen Daten beruhen auf einer Online-Umfrage zu Inflation und Gehalt, die vom Marktforschungsinstitut Appinio durchgeführt wurde. 1.000 Vollzeitbeschäftigte ab 18 Jahren nahmen Ende April daran teil.

In der Untersuchung gibt fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) an, aufgrund des nicht mehr ausreichenden Gehalts über einen Wechsel in einen besser bezahlten Job nachzudenken. Die Mehrheit der Befragten plant, mehr Geld einzufordern, um die Auswirkungen der Inflation auszugleichen. Rund 5 Prozent der befragten Beschäftigten sind diesen Schritt sogar bereits gegangen und haben eine Gehaltserhöhung ausgehandelt. Ein Drittel der Befragten (31,5 Prozent) plant – trotz der Preissteigerungen – nicht aktiv nach einer Lohnerhöhung zu fragen.

Die Befragung liefert neben dem Ergebnis, dass die aktuellen Löhne von der Inflation aufgefressen werden, bemerkenswerte Erkenntnisse darüber, in welchem Umfang die Gehälter aus Sicht der Beschäftigten steigen sollten. 48 Prozent der Berufstätigen empfinden eine Gehaltserhöhung von 6 bis 10 Prozent als angemessen, knapp ein Viertel (24 Prozent) befürwortet eine Erhöhung von 11 bis 15 Prozent.

In einigen wenigen Unternehmen kommt die Kapitalseite, so die Autoren der Studie, ihrer Belegschaft tatsächlich „mit einem Inflationsausgleich entgegen“. Tabellenwirksame Gehaltserhöhungen sind hier jedoch die Ausnahme. Stattdessen gibt es – wenn überhaupt – einmalige Sonderzahlungen, Home-Office-Zuschüsse sowie Zuschüsse zur Verpflegung. In 70 Prozent der Fälle gab es von der Unternehmensseite keinerlei Angebote. Rund die Hälfte (52 Prozent) der befragten Lohnabhängigen erwarten auch nicht, vor dem Hintergrund der aktuellen Preisentwicklungen eine Gehaltsanpassung oder zumindest eine einmalige Sonderzahlung zu erhalten.

Die Autoren der Studie kommen schließlich zu dem Ergebnis, dass die aktuelle Inflationsrate von 7,4 Prozent Bewegung in Gehaltsstrukturen und Dynamik in den Arbeitsmarkt bringen wird. Realistische Antworten darauf, wie Lohnerhöhungen in der Praxis umgesetzt werden können, liefern sie nicht. Gewerkschaften und kollektive Aushandlung von Löhnen scheint es in ihrer Welt nicht zu geben – Zumindest taucht das Instrument Tarifverhandlung in der Studie nicht auf. Aus ihrer Sicht führt der Weg zu einem höheren Gehalt über das persönliche Gespräch mit dem Chef. Dazu liefern die Autoren der Studie die passenden Argumente. Wahlweise ist dies die eigene Leistung, die langjährige Erfahrung, der Fachkräftemangel oder aktuell die rasante Inflation.

Das individuelle Aushandeln von Gehältern mag bei wenigen Spezialisten mit besonderen Qualifikationen oder bei sogenannten Führungskräften erfolgversprechend sein. Für die große Mehrheit der Beschäftigten ist nicht das individuelle Betteln, sondern die kollektive Aushandlung von Löhnen die einzige realistische Möglichkeit zur Durchsetzung der eigenen Interessen.

Das Appellieren an die Vernunft oder das Mitleid der Unternehmer führen in den seltensten Fällen zum Erfolg. Das Aufzählen guter ökonomischer Argumente ist für diese in der Regel nicht von Interesse. Bei Fragen nach Lohn und Arbeitsbedingungen interessiert letztlich nur, wie viele Kolleginnen und Kollegen bei einem Streik vorm Werks­tor stehen.

Weder von der „Zeit“ noch von der Jobbörse „Indeed“ war zu erwarten, dass sich diese für kollektive Interessenvertretung und Arbeitskämpfe stark machen. Interessant bleiben die präsentierten Daten dennoch. Sie bestätigen die gewerkschaftliche Position, dass sich immer weniger Kolleginnen und Kollegen die weit verbreiteten Hungerlöhne leisten können. Die Antwort auf diese Misere können aber nicht die propagierten individuellen Lösungsversuche sein, sondern gewerkschaftlich erstrittene Lohnerhöhungen und ein Energiepreisstopp, wie in der aktuellen Kampagne der DKP gefordert.

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"Wenn der Lohn nicht mehr reicht", UZ vom 3. Juni 2022



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