Wirtschaftsinstitut: Reallöhne fallen auf das Niveau von 2016

Zurück in die Zukunft

Die Inflation frisst die Löhne auf. Daran haben auch die – im Vergleich zu den Vorjahren – relativ hohen Tarifabschlüsse 2023 wenig geändert. Nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung lag die Kaufkraft der Tarifbeschäftigten Ende 2023 im Mittel sechs Prozentpunkte niedriger als noch 2020. Damit sind die realen Tariflöhne in Deutschland durch die starke Inflation im Durchschnitt in den vergangenen Jahren auf das Niveau von 2016 zurückgefallen. Insbesondere die Jahre 2021 und 2022 waren für zahlreiche Beschäftigte von drastischen Reallohnverlusten geprägt.

Aufgrund dieser Entwicklung und anhaltend hoher Inflationsraten lagen die Forderungen der Gewerkschaften in den Tarifrunden 2023 deutlich über denen der Vorjahre. Sie reichten von 8 Prozent in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie bis zu 15 Prozent bei der Deutschen Post. In vielen Branchen wurde zudem eine soziale Komponente gefordert, meist in Form eines zusätzlichen festen Betrags, so der aktuelle „Tarifpolitische Jahresbericht“ des gewerkschaftsnahen Instituts.

Nach Angaben des WSI schlossen DGB-Gewerkschaften im vergangenen Jahr insgesamt für rund 6,3 Millionen Beschäftigte neue Tarifverträge ab. Für weitere 9,2 Millionen Beschäftigte traten 2023 Lohnerhöhungen aus Tarifabschlüssen in Kraft, die bereits 2022 oder früher vereinbart worden waren. Darunter waren auch große Branchen wie die Metall- und Elektroindustrie oder die chemische Industrie. Insgesamt stiegen die nominalen Tariflöhne 2023 um durchschnittlich 5,5 Prozent. Dabei schlugen die neu abgeschlossenen Tarifverträge mit durchschnittlich 6,2 Prozent zu Buche, während es bei den bereits in den Vorjahren vereinbarten Tariferhöhungen 5,1 Prozent waren.

Überdurchschnittlich hoch waren die Zuwächse in einigen klassischen Niedriglohnbranchen. Diese profitierten von der ab dem 1. Oktober 2022 gültigen Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf zwölf Euro, in deren Folge auch die Tariflöhne in einigen Branchen nach oben angepasst wurden, so der WSI-Tarifatlas. Die Landwirtschaft verzeichnete mit einem nominalen Plus von 10,0 Prozent dabei die höchsten Zuwächse. Auch im Gastgewerbe, in dem sich die Kapitalseite während der Corona-Pandemie rund eineinhalb Jahre fast vollständig den Tarifverhandlungen verweigert hatte, gab es überdurchschnittliche Verbesserungen von 9,5 Prozent.

Auf den ersten Blick erscheinen die Tarifsteigerungen 2023 von durchschnittlich 5,5 Prozent im Vergleich zu den vergangenen Jahren als außergewöhnlich hoch. Bereinigt um die Inflation von 5,9 Prozent ergibt sich jedoch ein durchschnittlicher Rückgang der tarifvertraglich vereinbarten Reallöhne von 0,4 Prozent. Damit lag die Kaufkraft der Tarifbeschäftigten auch 2023 noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau, so die Bilanz der Wissenschaftler des WSI.

Neben den absoluten und realen Lohnentwicklungen konnten bei der Analyse der Tarifrunden des vergangenen Jahres drei weitere Aspekte beobachtet werden: Erstens erhielten die Beschäftigten in fast allen großen Branchen sogenannte Inflationsausgleichsprämien. Dabei handelt es sich um steuer- und abgabenfreie Einmalzahlungen, die der Kapitalseite niedrigere Arbeitskosten bescheren. Zweitens traten die tabellenwirksamen Lohnerhöhungen in Kombination mit den Inflationsausgleichsprämien häufig relativ spät in Kraft. Bei der Deutschen Post und im öffentlichen Dienst werden sie beispielsweise erst im Laufe des Jahres 2024 wirksam. Drittens verzeichneten die unteren Lohngruppen in den meisten Branchen überproportionale Lohnzuwächse. Dies liegt zum einen an den Inflationsausgleichsprämien, die einen Pauschalbetrag enthalten, der die unteren Lohngruppen – wenn auch nur kurzfristig – besonders begünstigt. Drittens wurden in vielen Tarifabschlüssen prozentuale Lohnerhöhungen mit festen Mindestbeträgen kombiniert, von denen Beschäftigte mit geringem Einkommen ebenfalls besonders profitieren, so die Studie.

080302 Lohnentwicklung - Zurück in die Zukunft - DGB, EVG, Inflation, NGG, Niedriglohn, Tarifabschlüsse - Wirtschaft & Soziales
Die Löhne halten nicht mit den Preissteigerungen mit.

Doch selbst Lohnerhöhungen unterhalb der Teuerungsrate und mit sogenannten „Inflationsausgleichsprämien“ aufgehübscht, werden den Lohnabhängigen nicht geschenkt. Die Abschlüsse im vergangenen Jahr wurden teilweise erst nach umfangreichen Warnstreiks erzielt. Hier verweisen die Autoren der WSI-Studie auch auf die Urabstimmung für einen – dann doch nicht umgesetzten – unbefristeten Erzwingungsstreik bei der Deutschen Post. Im öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden) sowie in der Tarifrunde der EVG bei der Deutschen Bahn konnte erst im Rahmen von Schlichtungsverfahren ein Ergebnis erzielt werden. ver.di berichtete für ihren Organisationsbereich von insgesamt 140 Streiks, an denen sich über 300.000 Mitglieder beteiligt haben. Die Gewerkschaft NGG meldete sogar einen neuen Rekord von mehr als 400 Streiks.

Mit Blick auf die anstehenden Tarifrunden 2024 kommen die Wissenschaftler des WSI am Ende der Studie zu dem Ergebnis, dass kräftige Reallohnsteigerungen notwendig sein werden, um die hohen Reallohnverluste der vergangenen Jahre auszugleichen. Gelegenheiten für entschlossene Arbeitskämpfe bieten sich genug. 2024 laufen Vergütungstarifverträge für knapp 12 Millionen Beschäftigte aus. Unter anderem stehen Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie, der Chemischen Industrie sowie im Bauhauptgewerbe an und zum Jahresende laufen die Tarifverträge im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen aus.

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"Zurück in die Zukunft", UZ vom 23. Februar 2024



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