Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein? Aus einem spontanen Streik gegen Lohnkürzungen entstand 1916 in Braunschweig eine Bewegung gegen den Krieg. Die Jugendlichen damals bewiesen Mut – wie diejenigen, die heute gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht streiken. Das unterstrich Andrea Hornung in ihrer Rede auf der Schulstreik-Demonstration am 5. März in Berlin. Wir dokumentieren ihre Rede in voller Länge:
200 Jugendliche stehen an der Schunterbrücke in Braunschweig. Sie diskutieren wild und aufgeheizt. Kurz nach Mitternacht beschließen sie den Streik. Denn sie wollen den Krieg nicht mit kaputten Schulen, niedrigen Löhnen und Perspektivlosigkeit bezahlen. Sie wollen nicht im Schützengraben sterben.
Liebe Streikende,
das ist nicht heute, das ist die Situation am 1. Mai 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Jugendliche in Braunschweig beschließen den Streik. Nur wenige Stunden später stehen 2.000 Jugendliche im Streik. Am nächsten Tag streiken schon 6.000, der Streik weitet sich auf weitere Städte aus – nach Halle, Magdeburg und Berlin. Aus einem Streik gegen Lohnkürzungen wird ein Streik gegen den Krieg. Einer der ersten Streiks im Ersten Weltkrieg hat stattgefunden, trotz Verbot, trotz Repressionen. Damit haben die Jugendlichen in Braunschweig vor 110 Jahren Geschichte geschrieben.
Liebe Streikende,
heute stehen in mehr als 150 Städten Schülerinnen und Schüler im Streik gegen die Wehrpflicht. Allein hier auf diesem Platz seid ihr unglaublich viele. Heute haben wir das zweite Mal Geschichte geschrieben.
Wir sind mit zehntausenden Jugendlichen in ganz Deutschland auf der Straße, obwohl Bildungsministerien in ganz Deutschland mit Fehlstunden, Attestpflicht und schlechten Noten drohen. Obwohl an vielen Orten Schülerinnen und Schüler in den Schulen eingesperrt wurden. Obwohl die Polizei, wie in Stralsund, rechtswidrig versucht hat, die Versammlung auf nach der Schulzeit zu verschieben. Hierher zu kommen, das verlangt Mut. Diesen Mut habt ihr bewiesen. Und diesen Mut brauchen wir. Denn wo wie heute mit der Wehrpflicht und der Aufrüstung Kriege vorbereitet werden, wird Widerstand zur Pflicht.
In diesem Krieg, der gerade vorbereitet wird, geht es um Handelsrouten, Profit und die Kontrolle von Rohstoffen. Das sehen wir an Venezuela und Iran, die beide von den USA völkerrechtswidrig angegriffen wurden – beides Länder mit riesigen Ölreserven. Und die Bundesregierung? Die steht hinter den USA, weil sie auch ein Stück vom Kuchen abbekommen möchte. Denn Deutschland will selbst Großmacht werden, wie Kanzler Merz beim Weltwirtschaftsforum in Davos ganz offen erklärt hat. Wie im Ersten Weltkrieg leben wir in einer Zeit der Großmachtpolitik. Wir sagen: Kein Blut für Öl – kein Krieg für Profit!
Bei Iran und Venezuela geht es nicht um Freiheit, Sicherheit und Demokratie. Es geht um Öl, Macht und größtmöglichen Profit. Ebenso wenig geht es bei der Wehrpflicht und der aktuellen Aufrüstung um unsere Sicherheit und unsere Freiheit. Es geht auch nicht um den Schutz vor einer äußeren Bedrohung. Es geht darum, dass Deutschland einen großen Krieg vorbereitet, um Großmacht zu werden. Dafür soll jeder zweite Euro des Bundeshaushalts in Aufrüstung gesteckt werden. Dafür werden jetzt schon Soldaten an der russischen Grenze stationiert. Und dafür sollen wir in die Schützengräben geschickt werden. Für die Profite von Rheinmetall, Siemens und der Deutschen Bank.
Und es werden nicht die Kinder der Vorstandsvorsitzenden dieser Konzerne sein, die sich in den Schützengräben die Kugel in den Kopf schießen lassen. Das sollen wir sein. Wir sollen das Kanonenfutter werden. Und wir sollen auf Jugendliche aus anderen Ländern schießen, die genau wie wir Träume und Hoffnungen, die genau wie wir ein Leben vor sich haben, und mit denen wir viel mehr gemeinsam haben als mit Merz, Pistorius und irgendwelchen superreichen Konzernchefs.
Deswegen werden wir weitere und größere Streiktage organisieren. Deswegen werden wir gegen jeden weiteren Schritt Richtung Kriegsvorbereitung aktiv werden: Gegen die Aufrüstung, gegen die Wehrpflicht, aber auch gegen Bundeswehrauftritte an Schulen und Jobmessen. Unsere Schulen sollen Orte des Friedens und des Lernens und nicht der Militarisierung, Kriegshetze und Rekrutierung von Kindersoldaten sein.
Viele, die gegen die Wehrpflicht sind, haben wir noch nicht erreicht, sind heute noch nicht auf der Straße. Wie die Jugendlichen in Braunschweig, die im Ersten Weltkrieg die ersten Streiks gegen den Krieg organisiert haben, stehen wir noch Anfang. Zwei Jahre später gelang es ihnen, den Ersten Weltkrieg zu beenden. Es gelang, weil die Arbeiterinnen in ganz Deutschland streikten, die Matrosen meuterten und die Soldaten die Gewehre umdrehten. Sie konnten den Krieg beenden, weil sie erkannten, welche Kraft wir haben, wenn wir uns zusammenschließen. Ebenso wie es die Hafenarbeiter in Marseille, Piräus und Genua zeigen, die durch Streiks Waffenlieferungen an Israel verhindern und damit ganz praktische Solidarität mit dem palästinensischen Volk üben. Denn kein Krieg ist ohne Menschen führbar. Er ist nicht führbar ohne Menschen, die in den Schützengraben gehen. Er ist nicht führbar ohne medizinisches Personal, das sich um die Verwundeten kümmert. Er ist nicht führbar ohne diejenigen, die in der Rüstungsproduktion arbeiten. Er ist nicht führbar ohne die Arbeiter im Transportwesen, die das Militärgerät auf Schienen, Schiffen und Straßen transportieren. Wenn wir das begreifen, wenn wir begreifen, welche Kraft wir haben, wenn wir uns zusammenschließen, dann können wir nicht nur den Kriegsdienst und den Krieg verhindern, dann können wir hier alles aus den Angeln heben!
Je mehr und je stärker wir dabei werden, desto mehr Repression werden wir erleben. Desto mehr wird man versuchen, uns faule Kompromisse anzubieten. Gegen die Repression hilft nur Solidarität. Da müssen wir uns gemeinsam schützen, uns beistehen, und niemanden allein lassen. Gegen die faulen Kompromisse hilft nur, sich nicht darauf einzulassen, sich nicht mit der Hälfte abspeisen zu lassen und konsequent zu bleiben. Denn es gibt kein halbes Leben und keinen halben Krieg. Hier geht es um ganz oder gar nicht.
Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft! Das haben die Jugendlichen in Braunschweig vor 110 Jahren verstanden. Das sagen wir heute wieder. Wir wollen eine Zukunft ohne Krieg und ohne Wehrpflicht. Und wer soll die erkämpfen, wenn nicht wir?









