Thälmanns „Lehren des Hamburger Aufstandes“

Auf der Höhe der Zeit sein

Joshua Löhr

Im Oktober 1925 zog Ernst Thälmann in der Parteizeitung der KPD Bilanz. Sein Aufsatz in der „Roten Fahne“ mit dem Titel „Die Lehren des Hamburger Aufstandes“ war angelehnt an Lenins Arbeit „Die Lehren des Moskauer Aufstands“ von 1906. Im ersten Teil zeichnete Thälmann die Geschehnisse des Jahres 1923 nach und übte scharfe Kritik an der damaligen Partei und ihrer Führung. Im zweiten Abschnitt zog Thälmann in zehn Paragrafen Schlussfolgerungen.

Warum scheiterte der Hamburger Aufstand?

Thälmann formulierte kurz und knapp, was er vorher im Text ausgebreitet hatte – allerdings in Form einer Lehre. Die Umkehrung der Lehre offenbart die Defizite der Partei, welche Thälmann als Ursache für das Scheitern des Aufstands ausmacht. Im Folgenden sind die Paragrafen wiedergegeben, die sich mit dem Verhältnis Partei – Klasse und damit Partei – Aufstand im hier verhandelten Sinn befassen.

Hamburger Aufstand - Auf der Höhe der Zeit sein - 100 Jahre Hamburger Aufstand, Ernst Thälmann, Hamburger Aufstand 1923 - Theorie & Geschichte

„3. Der Aufstand führte zur Niederlage, weil er isoliert blieb, weil er nicht in Sachsen und im ganzen Reiche sofort unterstützt wurde. Mögen die Arbeiter in einem einzelnen Ort mit dem größten Heldenmut, getragen von der stärksten Massenbewegung, den Kampf aufnehmen: Sie werden geschlagen, wenn nicht das Proletariat im ganzen Lande mit ihnen geht. Gerade darin, in der Organisierung und Zusammenfassung der gesamten Arbeiterklasse in allen Industriezentren und Großstädten, im ganzen Lande besteht die Rolle der Kommunistischen Partei als Vortrupp des Proletariats. Gerade darum brauchen wir eine eiserne, völlig geschlossene, restlos verschmolzene, unbedingt disziplinierte Partei.“

Thälmann nennt hier als ersten Grund des Scheiterns, dass die Partei es nicht vermochte, den Aufstand im gesamten Reichsgebiet mitzutragen. Es fehlte an der einheitlichen bewussten Disziplin. Der Beschluss, sich im ganzen Reich auf den Aufstand vorzubereiten, wurde nicht oder nur unzureichend befolgt. Außerhalb Hamburgs war die Partei nicht in der Lage, den Aufstand zu beginnen.

„5. Um bei der unvermeidlich kommenden Wiederkehr des Hamburger Kampfes in viel größerem Maßstabe siegen zu können, müssen wir wie ein Keil in die Massen eindringen, sie durch tausend Klammern mit uns vereinigen, eine wirkliche proletarische Einheitsfront mit Millionen Arbeitern bilden. In den Gewerkschaften, in allen parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse muss ein großer revolutionärer Flügel heranwachsen, der gemeinsam mit den Kommunisten zum Träger der kommenden Kämpfe wird.“

Die Partei war nicht eng genug mit den Massen verknüpft. Die Massen sympathisierten zwar mit dem Aufstand, sie konnten aber nicht eingebunden werden. Dass der Aufstandsversuch die KPD nicht isoliert hatte, zeigten auch die Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft 1924. Trotz der Repressionen in Folge des Aufstands steigerte die KPD ihr Ergebnis von 11 Prozent 1921 auf fast 15 Prozent.

„6. Als besonderer Mangel wurde in den Hamburger Oktobertagen das Fehlen einer starken Rätebewegung empfunden. Diese Tatsache ist noch nicht genügend in der Partei verstanden worden. Die Räte sind die Organe, die in einer revolutionären Situation die Millionenmassen des Proletariats zusammenfassen, die das Rückgrat des Kampfes bilden. Diese Lehre dürfen wir auch in der jetzigen Periode zwischen zwei Revolutionen nicht vergessen.“

Als die Rätebewegung 1918 die Monarchie stürzte, konnte sie die Unzulänglichkeit und Unbrauchbarkeit der bürgerlichen Staatsmaschinerie für die Zwecke der Revolution demonstrieren. 1923 fehlten diese grundlegenden Strukturen, die in der Lage gewesen wären, nach dem Sturz der alten Ordnung an ihre Stelle zu treten.

„9. Der Aufstand war ein Musterbeispiel für die glänzende, reibungslos arbeitende Organisation des revolutionären Kampfes. Aber er offenbarte zugleich den größten organisatorischen Fehler unserer Partei. Die Hamburger Kämpfer besaßen die volle Sympathie der Arbeiter in den Betrieben, aber sie hatten organisatorisch keine Verbindung mit ihnen. Es zeigte sich die ganze Unbrauchbarkeit, die verhängnisvolle Rückständigkeit unserer alten sozialdemokratischen Wohnorganisation. Die Wahlmaschine taugt nicht für die Barrikaden! Die schwerste Lücke in der Hamburger Kampffront war das Fehlen kommunistischer Betriebszellen. Eine Kämpferschar wie die Hamburger, die sich auf festverwurzelte Zellen in allen Betrieben und auf die Vereinigung der breitesten Arbeitermassen stützt, wird künftig in einer ähnlichen Situation unbesiegbar sein.“

Zu guter Letzt, und das ist mit das Wichtigste, war die Partei in Wohngebietsgruppen organisiert. Damit konnte der Aufstand nicht verbunden werden mit Streiks in Industrie und Hafen. Das hätte sowohl die Stadt lahmlegen können und wäre zusätzlich ein großes Kräftereservoir der um die Macht kämpfenden Avantgarde gewesen. Die rechten Gewerkschaftsführungen unterbanden jegliche Versuche, Streiks zu initiieren, und halfen damit, die Herrschaft des bürgerlichen Staates abzusichern. Das hatte zur Folge, dass das Leben in den Teilen der Stadt, in denen die Aufständischen die Kontrolle nicht in der Hand hielten, fast wie „normal“ fortgesetzt wurde.

Was kann man für heute mitnehmen?

Wenn man die Sätze Thälmanns liest, dann merkt man schnell: wir leben in zwei verschiedenen Zeitaltern – aber ist das wirklich alles so weit weg?

Vor hundert Jahren gab es eine starke Kommunistische Partei mit der jungen Sowjetunion im Rücken. Der Kapitalismus befand sich in einer existenziellen Krise.

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Willy Colberg: Ernst Thälmann beim Schreiben, Hamburger Aufstand 1923 (Foto: r-mediabase.eu)

Vieles deutet darauf hin, dass auch der heutige Kapitalismus auf eine existenzielle Krise zusteuert. Allerdings fällt es uns Kommunisten schwer, überhaupt Gehör zu finden. Wir sind eine isolierte, kleine Partei und sehen uns einer scheinbar unbesiegbaren Staatsmaschinerie gegenüber. Wenn Thälmann über den Aufstand schreibt, dann verallgemeinert er die konkreten Hamburger Erfahrungen. In dieser Hinsicht ist sein Text ein Grundlagendokument. Er beschäftigt sich mit dem Parteiaufbau, der Notwendigkeit von Betriebsgruppen, der Massenagitation, der Rätebewegung und der Schaffung der „Partei neuen Typs“. Thälmann erweist sich hier als aufmerksamer Schüler Lenins, der aus den Kämpfen der russischen Kommunisten ähnliche allgemeine Schlussfolgerungen zieht.

Unter Berücksichtigung der heutigen Verhältnisse kann es momentan nicht zuerst um die Gewinnung der breiten Masse für die Partei gehen. Zentral ist der Aufbau der Partei und ihre Verankerung in der Arbeiterklasse. Das ist umso schwerer, da diese ihrem „Schicksal“ gegenüber so apathisch ist wie vielleicht nie zuvor. Das stellt uns vor zusätzliche Herausforderungen bei der Suche nach Orientierungen und der Bestimmung unserer Aufgaben.

Wenn Thälmann davon spricht, es brauche eine „eiserne, völlig geschlossene, restlos verschmolzene, unbedingt disziplinierte Partei“, dann meint er damit eine Partei, die im Kontrast zur Partei vor dem Aufstand, die „noch viel zu unreif (war), um (die) Fehler der Führung zu verhindern“, in der Lage ist, die Situation und ihre eigene Lage richtig einzuschätzen. Dafür muss sie sich im marxistischen Theoriegebäude blind auskennen, ihn als Wissenschaft praktizieren, anwenden, überdenken und prüfen. Ein falscher Beschluss mag noch so diszipliniert umgesetzt werden, weil er eben falsch ist, wird er nichts taugen. Ein richtiger Beschluss, der von der Partei nicht getragen wird, taugt ebensowenig. Dass die Disziplin selber die richtigen Beschlüsse hervorbringt, glaubt nur jemand, der von der Wissenschaft, die wir zur Grundlage haben, bereits meilenweit entfernt ist. Der Kapitalismus ist, wie Karl Marx schreibt, „kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozess der Umwandlung begriffener Organismus“.

Es gibt, so Marx an anderer Stelle, „allen Produktionsstufen gemeinsame Bestimmungen, die vom Denken als allgemeine fixiert werden“. Um aber zu einem Gesamtbild der Produktionsweise, zum Konkreten zu kommen, müssen auch die „differentia specifica“ der Produktionsweise „vom Denken fixiert“ werden. Nur darauf aufbauend kann man zu richtigen Einsichten kommen, bei denen man im Blick haben muss, dass sie immer wieder neuen Einsichten Platz machen werden. Was heißt das? Das kapitalistische System hat sich in seiner Entwicklung tiefgreifend verändert. Das betrifft sowohl die Art und Weise seiner eigenen ökonomischen Reproduktion wie seine Durchsetzung als herrschendes staatliches System. Wie wirkt sich etwa die Herausbildung der US-amerikanischen Internetkonzerne wie Amazon auf die ökonomische Struktur des Kapitalismus aus? Welche Folgen hat dies für die Kämpfe der Klasse? Welche für die innerimperialistische Konkurrenz? Und welche Folgen hat dies für das Verhältnis der imperialistischen Länder zu den neokolonial unterdrückten Ländern? Diese Fragen bedürfen Antworten, um die Struktur des Kapitalismus unserer Tage verstehen zu können. Ausgehend von den Bewegungsgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft, die Marx entdeckte, müssen wir selbst diese Arbeit leisten, um die grundlegenden Zusammenhänge unserer Lebenswelt nachvollziehen zu können. Nur ausgehend von dieser eigenen Analysearbeit können wir unsere Strategie und Taktik entwickeln, Ziele und Forderungen formulieren, die Kämpfe anleiten, die die Hilflosigkeit der Arbeiterklasse überwinden helfen.

Nur wenn wir in dieser Hinsicht über uns selbst hinauswachsen, können wir die Anforderungen, die Thälmann an die Partei stellte, erfüllen. Das ist die Lehre, die Thälmann und der Aufstand für uns bereithalten.

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"Auf der Höhe der Zeit sein", UZ vom 20. Oktober 2023



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