Apathisch, oberflächlich, an Bildschirme gefesselt, gar „kulturlos“: Die Generation der Gymnasiasten, die jetzt in Frankreich auf die Straße geht, ist an Beschimpfungen gewöhnt. Doch die „2009–2011“, wie sie sich selber nennen, überraschen dieser Tage Frankreich und die ganze Welt. Alleine am 6. Oktober mobilisierte ihre Bewegung mehr als 500.000 Menschen.
Studenten solidarisieren sich mit den Schülern und ihren Forderungen. Die Intersyndicale, der informelle Zusammenschluss der Gewerkschaftsverbände des Landes, stellt sich an ihre Seite und betont, die Nöte der Schüler resultiere aus denselben Angriffen des Kapitals, unter denen ihre Mitglieder litten. Selbst der Bauernverband Confédération paysanne erklärt, seine Kämpfe mit denen der Schüler zusammenführen zu wollen. Und die Eltern der streikenden Schüler stellen sich zwischen ihre Sprösslinge und die Polizei, die mit brutaler Gewalt gegen die Minderjährigen vorgeht: mehr als 6.800 Festnahmen bis Freitag vergangener Woche, 86 Prozent der Betroffenen sind noch keine 18 Jahre alt. Dazu über 200 verletzte Schüler. Polizisten zertrümmertem einem Schüler die Zähne mittels Hartgummi-Geschoss, nahmen einem anderen das Augenlicht, und sprengten einem 15-Jährigen eine Hand ab.
Diese massive Repression übertrifft noch die gegen die Studentenbewegung im Mai 1968 in Paris. Sie ist die Antwort eines Staates, der zum Krieg rüstet und seiner Bevölkerung nichts mehr anzubieten hat. Eines Staates, der nichts so sehr fürchtet wie die „convergence de luttes“, die Zusammenführung der vielen sozialen Kämpfe, mit denen die Beschäftigten Frankreichs versuchen, sich gegen die dauernden Angriffe der Regierung auf mühsam erkämpfte soziale Errungenschaften zu wehren.
Tatsächlich hat Frankreich seit Jahrzehnten keine so starke Jugendbewegung mehr erlebt. Die Forderungen der Gymnasiasten sind konkret und dringend. Ankündigungen wie die des Bildungsministers Edouard Geffray, 3.000 Vertretungslehrer einzustellen, reichen nicht, um ihre Wut zu lindern. Die „2009–2011“ sind mit Amokläufen in Grundschulen aufgewachsen und wurden während Corona mit „Distanzunterricht“ gequält. Das Hochschulzugangsportal Parcoursup, eingeführt 2018, erhöht den Leistungsdruck in der Schule massiv – während es die Chancen auf ein Studium deutlich schmälert, insbesondere für Abiturienten der Arbeiterklasse. Das sei sehr stressig, beklagte etwa der 16-jährige Nils Guerin gegenüber AFP: „Man weiß nicht, was man machen will, und man weiß nicht, nach welchen Kriterien die Hochschulen ihre Studierenden auswählen“. Seine Generation hat verstanden, dass auf sie keine Zukunft wartet.
Die Nöte der Schüler unterscheiden sich kaum von denen der Beschäftigten. Das erleichtert die Zusammenführung der sozialen Kämpfe. Und die Gewerkschaften scheinen verstanden zu haben, dass sie angesichts der Heftigkeit der Angriffe der Bourgeoisie politische Differenzen zugunsten gemeinsamer Mobilisation zurückstellen müssen. Bildungsgewerkschaften aller Verbände riefen zu einem gemeinsamen Aktionstag am 13. Oktober auf. Das Recht auf Bildung zu verteidigen, gegen Prekarität und für bessere Finanzierung des Öffentlichen Dienstes zu kämpfen, sei eben eins, erklärt der Gewerkschaftsverband CGT. Die ruft ihre Mitglieder dazu auf, die Anliegen der Schüler in die Betriebe zu tragen.
Das französische Beispiel macht Schule. In Belgien sind am Freitag vergangener Woche 50.000 Menschen gegen die Kahlschlagpläne ihrer Regierung auf die Straße gegangen. Mit dabei: Schüler und Studenten. Ihr Schlachtruf: „Wir blockieren alles!“ In Berlin haben am Montag 200 Schüler des Französischen Gymnasiums die Zugänge zu ihrer Schule mit Mülltonnen und Fahrradschlössern blockiert. Sie zogen bis zur Französischen Botschaft, skandierten „Liberté, Égalité, Solidarité“ – und schlugen einen Bogen von Macron zu Merz.








