In Frankreich gehen Schülerinnen und Schüler auf die Barrikaden

Staatsbürgerkunde, ganz praktisch

Überfüllte Klassenzimmer, massiver Lehrermangel, verfallende Schulen: Frankreichs Gymnasiasten haben viele und gute Gründe, auf die Straße zu gehen. Am 21. September entschlossen sich Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in dem Pariser Vorort Créteil dazu, ihre Schule zu blockieren. Ihr Streik hat sich schnell zu einer veritablen Jugendbewegung in ganz Frankreich entwickelt. Ein erster Höhepunkt waren mehr als 400 Gymnasien, die am Dienstag vergangener Woche gleichzeitig bestreikt wurden. Die Politik reagiert mit massiver Repression und Polizeigewalt, Rassismus und Verleumdungen.

Aktuellen Zahlen des französischen Statistikamts Insee zufolge leben 9,8 Millionen Einwohner unterhalb der Armutsgrenze – mehr als 14 Prozent der Bevölkerung. Das sind 1,2 Millionen mehr als zu Beginn der ersten Amtszeit von Staatspräsident Emmanuel Macron. Gleichzeitig hat sich das Vermögen französischer Milliardäre verdoppelt. Diese staatlich organisierte Umverteilung von unten nach oben sowie die massive Aufrüstung sind die wesentlichen Ursachen der unerträglichen Bedingungen an den Schulen.

Besonders mies sind die Bedingungen in den Pariser Vororten. „Das System für Schüler aus der Banlieue wie wir ist komplett kaputt“, klagte eine Abiturientin aus Saint-Denis gegenüber dem Online-Magazin „Mediapart“. Kein Wunder, dass die Streiks dort begannen. Doch auch im Rest des Landes sind die Missstände gravierend. Schülerinnen und Schüler aus Paris, Marseille, Lyon, Bordeaux und vielen weiteren Städten solidarisierten sich schnell mit ihren Mitschülern aus dem Pariser Umland. Sie fordern Bedingungen, die ihnen eine Zukunft ermöglichen: Mehr Lehrer und pädagogisches Personal, kleinere Klassen, akzeptabel ausgestattete Schulen.

Sie wissen, dass sie seitens der Regierung kein offenes Ohr zu erwarten haben. Ihre nüchterne Replik auf Macrons Ansage, ihr Anliegen rechtfertige keine „Gewalt“: Ihr hört uns nicht zu, wenn keine Mülltonnen brennen!

Die Polizei greift Demonstrationen der Schüler mit Tränengas, Schlagstöcken und Gummigeschossen an. Bislang hat sie mehr als 6.000 Menschen festgenommen – überwiegend Minderjährige. Polizisten verletzten 215 Schülerinnen und Schüler sowie 85 Beschäftigte des Bildungswesens. Ein Schüler verlor ein Auge, ein weiterer mehrere Zähne. Einem 15-Jährigen sprengte die Polizei eine Hand weg – mit einer Granate. Innenminister Laurent Nuñez bezeichnete die Polizeigewalt als „äußerst verhältnismäßig“. Die streikenden Schüler sind entsetzt, ihre Eltern und Lehrer ebenso. „Wir sprechen von 15- bis 18-Jährigen, und die einzige Antwort der Regierung ist automatische und institutionalisierte Repression“, erklärte Ryad Rani, Präsident des Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne (USL), dem Fernsehsender BFM TV. „Das ist inakzeptabel.“

Linke Parteien und Gewerkschaftsverbände kritisieren die Polizeigewalt. „Ein Staat, dessen Schulen der Jugend Demokratie beibringen, kann ihnen nicht die Polizei schicken“, erklärte etwa der Gewerkschaftsverband CGT. Der Verband betont, solidarisch an der Seite der streikenden Schüler zu stehen und sich für deren Recht einzusetzen, auf die Straße zu gehen. Neben der CGT haben weitere Gewerkschaften sowie der Bauernverband Confédération paysanne bekräftigt, ihre Kämpfe mit denen der Schüler zusammenführen zu wollen.

Die Schüler nämlich „sitzen in überfüllten Klassen, sie sehen dieselbe Realität wie wir und sie sind wütend“, unterstrich Caroline Cheve, Generalsekretärin der Lehrergewerkschaft FSU. Eine Mathematiklehrerin erklärte „France Inter“: „Natürlich haben wir dieselben Forderungen.“ Es sei „nur logisch“, auf der Seite der Schüler zu stehen. Die laufenden Haushaltsverhandlungen für 2027 treiben ohnehin gerade viele Beschäftigte auf die Straße.

Ein erstes gemeinsames Datum gibt es: Verbände von Schülern und Studenten sowie Gewerkschaften rufen zu einem Aktionstag am 6. Oktober auf. Die Französische Kommunistische Partei (PCF), die Linkspartei La France insoumise (LFi) und Les Écologistes rufen ihre Mitglieder auf, daran teilzunehmen. Am 5. November ist ein landesweiter Generalstreik geplant.

Vor dieser Zusammenführung sozialer Kämpfe hat Frankreichs Bourgeoisie Angst. Die Regierung versucht, die Bewegung durch Rassismus und Verleumdungen zu spalten. Mit willfähriger Hilfe der bürgerlichen Medien entpolitisiert und kriminalisiert sie die Proteste: Brennende Mülltonnen werden als „Sicherheitsproblem“ dargestellt, für das „Migranten“ aus den Banlieues verantwortlich seien. Über die Forderungen der Schüler wird kaum diskutiert.

Premierminister Sébastien Lecornu wirft LFi vor, die Proteste der Schüler zu instrumentalisieren. „Die Schüler werden von niemandem gesteuert“, erläuterte der Parlamentarier Hadrien Clouet (LFi). Das sehe man schon daran, wie konkret die angeprangerten Probleme seien. „Die Schüler setzen ihren Staatsbürgerkundeunterricht jetzt nur ganz praktisch um.“

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"Staatsbürgerkunde, ganz praktisch", UZ vom 9. Oktober 2026



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