Mit einer verkommenen Kultur verkommen die Menschen

Corona bringt es an den Tag

Olaf Brühl

Die Dialektik des historischen Materialismus ist auch das beste Mikroskop, um das Corona-Virus zu untersuchen. Insofern sehen wir Kommunisten uns darin bestätigt angesichts all dessen, was diese Pandemie noch deutlicher zu Tage bringt, als es jeher ohnehin schon deutlich genug war: Überleben ist im Sozialismus sicherer als im Kapitalismus. Sogar arme sozialistische Länder wie Kuba oder die VR Vietnam sind in der Lage, ihre Menschen vor Tod und Elend besser zu schützen. Um eine zweite Welle zu verhindern, können in der VR China 5 Millionen Leute in einer sofort isolierten Region innerhalb einer Woche getestet werden, weil ein (!) positiver Covid-19-Fall aufgetreten war. Nach all den Monaten und selbst nach den furchtbaren Katastrophen, die in der EU zu beklagen sind, ist Vergleichbares in der BRD noch immer nicht machbar. Nicht einmal die wissenschaftliche Aufklärung funktioniert. Notwendig sind aber Kenntnisnahme der Tatsachen, wissenschaftliches Denken, Logik, gegenseitige Rücksichtnahme und zweckmäßiges Handeln.

Mit der DDR wurde der antifaschistische Schutzwall geschleift, der die Deutsche Demokratische Republik im Wahren als Ganzes selber war. Dieses ist der schwerste Verlust an politischen und sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse seit 1945 – mit globalen Auswirkungen. Das hat die Lage in der BRD verändert. Der Wegfall des sozialistischen Staatenbundes ist ein Ergebnis der Strategie, die seit 1945 unbeirrt verfolgt wurde und nun auch innerhalb des „Schaufensters des Westens“ der Monopolbourgeoisie schärfere Gangarten in ökonomischer, militärischer und sozialer Hinsicht ermöglicht. Dieser in den 90er Jahren neoliberal eröffnete reaktionäre Umbau der Gesellschaft ließ scharfe Rasuren im Sozialsystem des Westens zu. Besonders betrieb die Öffnung der inneren EU-Grenzen mit Auslösung der Flüchtlingskatastrophen die „Agenda 2010“ durchzusetzen. So etwas geht nicht mit proletarischem Internationalismus und „Zärtlichkeit der Völker“.

Entmündigung bis zur Würdelosigkeit

Nicht zufällig wurde der Arbeiterklasse ihr seit über 100 Jahren gepflegtes Traditionsgut, die „Neunte Sinfonie“ Beethovens (des Hegel der Musik) mit Schillers „Ode an die Freude“, noch Ende 1989 „freiheitlich“ verfälscht. Sie wurde als Werk der Identifikation entfremdet und die Tradierung abgebrochen. Just Beethovens Freudenmelodie hat der Klassengegner zur EU-Hymne verballhornt, ad absurdum geführt und so wie alle Klassik verramscht, zerstückelt und verpopt. Die Kultur ist wirklich auf den Hund gebracht! Mit ihr unzählige Fachleute und Kulturschaffende, die auf Jahre oder für immer ohne Verträge und Wirkungsmöglichkeiten sind. Mit auf den Hund gekommen sind der Anspruch und das Auffassungsvermögen des Publikums. Der Geschmack ist versaut, die Kriterien mit dem Marxismus-Leninismus als Kompass über Bord geworfen, wie Kurt Gossweiler zum Niedergang des Sozialismus feststellte. Die bourgeoise Unkultur regiert, die Sieger schreiben die Geschichte – um.

Von der Abwicklung bis zur Oase

Corona bringt es an den Tag. Als mit Abschaffung der DDR die Arbeiterfestspiele und die Lehrstühle für Marxismus-Leninismus, die Polikliniken samt freiem Gesundheitssystem, die polytechnischen Oberschulen und das allen zugängliche Ausbildungs- und Freizeitangebot der Betriebe, Hochschulen und Kulturhäuser in Ostdeutschland gestrichen wurden, dem sukzessive die Schließung so vieler Ensembles, Bibliotheken, Institute, Museen, Denkmäler und Theater folgte, da brach für viele Tausende und Abertausende ihre Existenzgrundlage, ihre Zukunft und ihr Lebensplan weg. Die Selbstmorde sind ungezählt, die Vereinsamung, die Abstürze in Alkoholismus und Depression, der Slalom durch die Arbeitsämter und Job-Center.

In der Tat: „Ohne Kunst und Kultur wird es still“! In Ostdeutschland, wo die Kolonisatoren ihre „reinigenden“ Liquidationen vornahmen, weiß man das seit 1990 ziemlich gut. Um dazu unterstreichend Arnold Schölzel, der die stattgehabte Beseitigung der Vernunft beschreibt, zu zitieren: „Im Dezember 1992 gab die Bundesregierung an, dass von den ehemals 195.073 Beschäftigten in Forschung und Lehre der DDR nur noch 23.600 eine Vollzeitstelle hatten, also 12,1 Prozent. Es war die größte Verjagung von Wissenschaftlern nicht nur in der deutschen Geschichte. Ostdeutschland war damals das Land mit der größten Arbeitslosigkeit von Wissenschaftlern der Welt.“ Das geistige Level, der wissenschaftliche Standard, sank damit empfindlich, die kritische Auseinandersetzung am Arbeitsplatz – Geschichte. Meinungsfreiheit? Buchstäblich auf die Straße geworfen, wo sie verpuffen darf. Die Pisa-Studien schockieren. Allgemeinwissen, kulturelle Kompetenz – Seltenheitswerte. Zeitungen und Journale sind von bunter Beliebigkeit: egal! Das Fernsehprogramm verrottet zur entsublimierenden Spannungs- und Unterhaltungsmaschine der sentimentalen bis zynischsten Art – was dasselbe ist. Nonstop werden mit Kitsch und Barbarei die Hirne und Seelen des Publikums bearbeitet, ausgesetzt einer schier unübersehbaren Überflutung durch Reize und Pseudoinformationen.

„Wenn ihr wissen wollt, auf welchem Weg es vorwärts geht, so müsst ihr Goethes ‚Faust‘ und Marx‘ ‚Kommunistisches Manifest‘ lesen.“ Wenn Walter Ulbricht mit diesem Rat für die Jugend der DDR recht hat, und es gibt nicht den geringsten Anlass, diesem Rat nicht immer wieder zu folgen, so wird er bereits dadurch bestätigt, dass beide Kunstwerke nunmehr aus der Wahrnehmung gedrängt oder, wie Beethoven, Heine und Schostakowitsch, von der Bourgeoisie vereinnahmt, also erledigt sind. „Jede Regierung hat eine Kulturpolitik und kann sie von ihrem Standpunkt aus verteidigen und nachweisen, dass sie das nationale Kulturniveau angehoben hat. Alles hängt davon ab, welches der Maßstab dieses Niveaus ist. (…) Eine Wüste mit einer Gruppe hoher Palmen bleibt immer eine Wüste: es gehört nachgerade zur Wüste, kleine Oasen mit hohen Palmen zu haben“, schrieb Antonio Gramsci. Und: davon hängt auch ab, für wen die Oasen zugänglich sind.

Die totale Entsolidarisierung

Kein Promi oder nur irgendwer klagte in den Medien über Kulturabbau und Kunstverlust im Osten. Die Verdrängten, Überflüssigen interessieren niemand. Wie einst rassistische Brandmale, so funktioniert nun das Etikett „Kommunist“ für Säuberung nicht nur der Chefetagen. Das geschichtliche Gedächtnis gelöscht, gerade auch durch das Schweigen der Kulturschaffenden, das Aus für die Kultur? Der Basisstandard der Kultur war: Recht auf Wohnraum, Arbeit und Gesundheit, freie Ausbildung, gleiche Bezahlung. – Peter Sodann lief Sturm gegen die Büchervernichtung in Ostdeutschland, der jahrelang Gebirge von Druckwerken zum Opfer fielen: Ausmerzung geistigen Gutes, wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Die Literatur- und Wissensvernichtung hielten solche Hilfsaktionen freilich nicht auf. Marx und Engels hätten darüber nur gelacht. Wie wir wissen, bedürfte es schon als Gegenkraft einer bolschewistischen Partei, die die Massen mobilisiert. Aber das Sein bestimmt das Bewusstsein, auch in einer erweiterten NATO-BRD.

Die Schließung einiger Chemiebetriebe muss nicht den technischen Standard der Chemieproduktion eines Landes beeinträchtigen. Die Schließung einiger Theater- und Bildungsstätten allerdings senkt die kulturelle Temperatur im gesamten Gesellschaftsraum empfindlich. So geht Klassenkampf. Wissen ist Macht. Die Bourgeoisie weiß sehr wohl Kunst und Kultur in ihrer Wesenhaftigkeit zu schätzen. Sie gibt Unsummen dafür aus, peinlich darauf bedacht, in welchen Formaten und Färbungen das Zugebilligte den Lohnabhängigen zukommt. Diese verirren sich nicht auf die ihnen ursprünglich zugedachten Festspiele in Bayreuth und Salzburg. Kulturabbau ist Sozialabbau – wie umgekehrt – aber Kulturabbau ist darüber hinaus etwas Epidemisches. Befallen werden die Mentalität, das Sprachzentrum, die Sinnesorgane, Phantasie und Empathie. In einer kranken Gesellschaft ist auch die Kultur krank, wie die Erotik. Ruth Berghaus resümierte 1990 unbeirrt: „Mit einer verkommenen Kunst verkommen die Menschen.“ Nochmals: sie sah das 1990, nicht erst 2020. Darum geht es.

Wie eine Neutronenbombe

Wie eine Neutronenbombe „nur“ Menschenleben auslöscht, nicht die Gebäude, so hat die antisozialistische Kulturvernichtung von DDR-Institutionen dafür gesorgt, dass man der Immobilien habhaft werden konnte – und all jenen willig marktförmigen Kräfte, die sich den Erfordernissen unterordnend anpassen. Keineswegs unter Maßgabe humanistischer Ethik, sondern hart profitorientiert. Im selben Streich sind der sozialistische Kulturbegriff und die demokratische Kulturpraxis als „Propaganda“ mit entsorgt, Sollziel: Diskreditierung. Jetzt auf einmal können noch nicht abgerissene Kulturhäuser „wieder entdeckt“, saniert und durch Investoren gewinnbringend neuen Nutzungskonzepten zugeführt werden. Der Sinn und das Leben, für die man sie einst errichtete, wären zu verlustreich. So läuft Kulturvernichtung. Eine Entschädigung der Bevölkerung für den Raub des Volkseigentums war nicht vorgesehen. Ausgleichszahlungen an die von ihren Wirkungsplätzen verdrängten Kulturschaffenden, die Angestellten und Intellektuellen erst recht nicht. Totgeschwiegen. Aber das ist der Hintergrund, vor dem wir diskutieren.

Hegels Dialektik lehrt uns, dass Geschichte ein ständiger Umwälzungsprozess ist, bei dem nie etwas bleibt, wie es war, und alles sich gegenseitig, nach fortschreitenden Bewegungsgesetzen bedingt und verändert. Diese Erkenntnis vollendete Marx vor allem mit dem wissenschaftlichen Materialismus. Glauben denn da einige wirklich, man könne in der BRD tun, als habe sich nichts geändert und alles ginge wie zuvor gewohnt so weiter, nachdem die Kultur der ganzen DDR (inklusive Marx) doch plattgemacht wurde – und die Betreffenden entweder „umgewidmet“ oder auf „Strafrente“ beziehungsweise Hartz-IV an den Rand geschickt sind? Das habe keine Auswirkungen auf ihre eigenen Bedingungen? Wäre das Dialektik? Wenn von einem Haus ein Drittel weggebombt ist, gibt es in den übrigen zwei Dritteln mit der Zeit wohl zumindest statische Probleme und eine Frage der Ästhetik, oder? Nicht nur für die Eigentümer, sondern auch für Mieter. Und jetzt plötzlich ertönt Alarm, weil die Tapezierer ausfallen, krankheitsbedingt? Dank Corona stehen 2020 nun plötzlich auf diesem Kulturschrottberg die im Kunst- und Kulturgeschäft Integrierten und rufen, „die“ Kultur sei eine „Lebensnotwendigkeit“ (Staatsministerin Monika Grütters), die durch die (wohlgemerkt: vorübergehenden!) Schließungen oder Einschränkungen von Kultureinrichtungen existentiell gefährdet werde. Prominente mahnen, an die Solo-Selbstständigen zu denken und wie wesentlich „Kunst und Kultur“ für die demokratische Gesellschaft seien – mindestens doch wie Gottesdienste! Begriffe wie Selbstausbeutung, Selbstzensur, Opportunismus, Hartz-IV, Prekariat und Scheinselbstständigkeit fallen in diesen Aufrufen nicht. Kämen die Überbrückungsgelder etwa bei erwerbslosen Kulturschaffenden an?

Weiterhin gelten nur die Gesetze des Kapitalismus

Corona bringt es an den Tag: die Solidarität, von der Kunst und Kultur im Osten Deutschlands generell seit drei Jahrzehnten nichts spürte, die wird plötzlich nach Wochen coronabedingter Einbußen von den Entsolidarisierten mitten in der Konkurrenzgesellschaft eingefordert. Die Geschäftstüchtigen sind in ihren Geschäften beeinträchtigt, allerdings. Wir haben Kapitalismus und nicht den so verpönten Realsozialismus. Die Freiheit, antikapitalistische Witzchen zu reißen, anzuprangern und auf Grundrechte zu pochen wird die Bourgeoisie uns noch hinterher werfen, wenn wir von ihren Bütteln längst gelöscht sind. Sehr wohl ist die Kulturszene systemrelevant: mental hält sie das System am Laufen. In den tagtäglichen Morden und Katastrophen siegt immer der feine Herr Rechtsstaat gegen die miesen Einzeltäter. Wo sie überhaupt vorkommt, ist die DDR partout der „Unrechtsstaat“, ein Leidens- und Verfolgungsort. Zerstreuung und Terror statt Realität und Gesamtzusammenhang. Alternativen ausgeschaltet.

So wird nurmehr ein einziges Stück in tausend Varianten vorgetanzt, verflacht auf „Spannung und Unterhaltung“: Die Posse von der Demokratie, Toleranz und Meinungsfreiheit. Nur hat Lenin die Kritik dazu bereits vor 100 Jahren geschrieben, da er wusste: „Demokratie kommt am stärksten in der Grundfrage Krieg und Frieden zum Ausdruck.“ In „Staat und Revolution“ schreibt er: „Andererseits bedeutet Demokratie aber die formale Anerkennung der Gleichheit zwischen den Bürgern, des gleichen Rechtes aller, die Staatsverfassung zu bestimmen und den Staat zu verwalten.“ Hingegen ist aber „die Allmacht des ‚Reichtums’ (…) in der demokratischen Republik deshalb sicherer, weil sie nicht von einzelnen Mängeln des politischen Mechanismus, von einer schlechten politischen Hülle des Kapitalismus abhängig ist. Die demokratische Republik ist die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus, und daher begründet das Kapital, nachdem es (…) von dieser besten Hülle Besitz ergriffen hat, seine Macht derart zuverlässig, derart sicher, dass kein Wechsel, weder der Personen noch der Institutionen, noch der Parteien der bürgerlich-demokratischen Republik, diese Macht erschüttern kann.“ Wir bedürfen ihrer zwar als Schutzschild vor den ärgsten Angriffen und werden ihre Prinzipien noch bis zuletzt verteidigen, doch machen wir uns nichts vor: Auch im Neoliberalismus, dieser Vorstufe des technokratisch daherkommenden Faschismus, von dem Pasolini in seinem letzten Interview sprach, gelten nur die Gesetze des Kapitalismus, erbarmungslos.

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"Corona bringt es an den Tag", UZ vom 24. Dezember 2020



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