Zum 30. Todestag von Josef „Jupp“ Schleifstein

Der Intellektuelle in der Partei

Michael Henkes

Am 24. Juli 1992, vor dreißig Jahren, starb mit Josef (genannt „Jupp“) Schleifstein einer der führenden marxistischen Intellektuellen der Bundesrepublik.

Geboren wurde Josef Schleifstein in Lodz (damals Russisch-Polen) am 15. März 1915. Die jüdische Familie hatte wenige religiöse Bindungen, der Vater war Lehrer und Sozialist. Er musste bereits vor dem ersten Weltkrieg aus politischen Gründen nach Deutschland fliehen. Nach dem Ende des Krieges folgte die Mutter mit Josef dem Vater nach Leipzig. Dort trat sie 1928 der KPD bei, der Vater blieb Sympathisant.

Jupp Schleifstein trat mit 16 Jahren dem Kommunistischen Jugendverband bei, 1932 der KPD. Damit begann seine lebenslange Bindung an die organisierte Arbeiterbewegung.

Früh hatte er sich im illegalen antifaschistischen Kampf zu bewähren. Nur ein Jahr nach seinem Parteieintritt kam es 1933 zur Machtübertragung an die faschistische NSDAP. Damit endete auch die Legalität der KPD. Jupp wurde Kurier für die KPD-Bezirksleitung Westsachsen. Am 1. November 1933 wurde Jupp verhaftet und gefoltert. Er wurde zu 22 Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung wurde er nach Polen abgeschoben. Von dort floh er in die Tschechoslowakei. Kaum dort angekommen, nahm er wieder die Arbeit für die Partei auf. Erneut arbeitete er als politischer Kurier, eine Tätigkeit, die mit der andauernden Gefahr der Verhaftung verbunden war.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei floh Schleifstein nach London. Dort angekommen, wurde er in der kommunistischen Exilbewegung Großbritanniens aktiv, arbeitete in Flugzeugmotorenwerken und wurde zum Vertrauensmann der Gewerkschaft gewählt. Er studierte autodidaktisch die Schriften von Marx, Engels und Lenin. Mit der Gründung der Freien Deutschen Jugend wurde er ihr stellvertretender Vorsitzender.

Erst im Oktober 1946 durfte Jupp zurück nach Deutschland. Zuvor hatte ihn die britische Regierung daran gehindert. Kaum in Köln angekommen, nahm er die Tätigkeit für die KPD auf. Hier begann seine journalistische Tätigkeit. Zunächst als Stellvertretender Chefredakteur der Kölner „Volksstimme“. Er schrieb zur Deutschlandpolitik der Alliierten, zum Volkseigentum als Demokratiefrage oder zur Lage der SPD. Er setzte seine journalistische Arbeit später in Frankfurt als Leiter der Schulungs- und Presseabteilung des Parteivorstands der KPD und Redakteur beim Theorieorgan „Wissen und Tat“ (Juni 1948) fort. 1951 übersiedelte Jupp in die DDR und begann seine Arbeit an der Leipziger Universität, die später in Karl-Marx-Universität (KMU) umbenannt wurde. Im Mai 1968 kehrte Jupp in die BRD zurück.

1963 war er einer der Redakteure der neu gegründeten „Marxistischen Blätter“ unter seinem Pseudonym „Egon Schreiner“. Selbstverständlich war er nach der Gründung der DKP in ihrem Parteivorstand, bis zum Parteitag im März 1990.

Seine Tätigkeiten für die Partei sind umfangreich. Er war maßgeblicher Autor des 1967/68 herausgegeben Programmentwurfs der KPD. Als „Lehrer der Partei“ verfasste er zahlreiche „Lehrbriefe“, gab eine Einführung in den Marxismus-Leninismus heraus (die bis heute zentraler Bestandteil der Schulungen der SDAJ ist) und prägte Parteiintellektuelle wie Willi Gerns und Robert Steigerwald.

Robert Steigerwald schilderte seine erste Begegnung mit ihm:
„Bei unserer ersten Begegnung (…) sagte ich Jupp, dass ich im Gefängnis (des Adenauer-Regimes, MH) ausführliche mathematische und logische Studien betrieben hatte (…) Ich hätte (…) sogar eine Logik geschrieben. Jupp (…) schaute sich die Arbeit sehr gründlich an, nickte beifällig, lobte sie – und das war’s. Tage später saßen wir beim Mittagessen zusammen, als Jupp ziemlich unvermittelt meinte, der Marxismus sei eine durch und durch historische Wissenschaft.
Mir ging erst später auf, dass Jupp mir indirekt sagen wollte, für die Arbeit, die ich machen sollte (Funktionär für theoretische Fragen, MH), sei es weniger wichtig, sich mit Logik (…) zu befassen, als sich historisch-politischen Fragen zuzuwenden. (…) Ich habe dann tatsächlich meine Arbeit anders orientiert und das war auch notwendig.“

Diese Episode beschreibt wohl recht anschaulich, welchen Stellenwert Jupp Schleifstein den historischen Studien beimaß. Die Befassung mit der Geschichte der Klassenkämpfe war für ihn Quelle der Durchdringung grundsätzlicher wissenschaftlicher, vor allem taktischer und strategischer Fragestellungen. Er vergaß dabei aber nie zu betonen, dass die Geschichte keine vorgefertigten Schemata liefere, sondern nur Ausgangspunkt sein könne, jede Situation historisch-konkret zu analysieren.

Zeit für die umfangreichsten historischen Studien fand Jupp während seiner Leipziger Jahre. Von Dezember 1951 bis März 1958 war er in verschiedenen Funktionen am Franz-Mehring-Institut der KMU tätig. Hier wurden Lehr-/Schulungskräfte in marxistisch-leninistischen Grundlagen ausgebildet. Er führte dort unter anderem Seminare und Vorlesungen zur Geschichte der deutschen und russischen Arbeiterbewegung durch. Zu einem seiner Forschungsschwerpunkte wurde Franz Mehring. Auch er war Historiker, Journalist und Funktionär der SPD, später Mitbegründer der KPD. Jupp promovierte zu „Franz Mehring. Sein marxistisches Schaffen“, eine detaillierte Studie über Mehrings breites wissenschaftliches und journalistisches Werk. Nach der Promotion gab Schleifstein zusammen mit T. Höhle und H. Koch die erste, insgesamt 15-bändige, Ausgabe der gesammelten Schriften Mehr-ings heraus.

Jupp war einer der Mitbegründer des „Instituts für marxistische Studien und Forschungen“ (IMSF) in Frankfurt a. M. Es war ein Meilenstein, einzigartig in der westdeutschen marxistischen Wissenschaft. Jupp Schleifstein leitete es bis zum März 1981. Für Heinz Jung (Mitbegründer des IMSF) war Schleifstein für das Institut nicht nur personalisierte Verbindung zur Kommunistischen Partei, sondern vor allem Garant „zur Entwicklung eines Arbeitsprogramms (…), das an den Erfordernissen der kämpferischen Arbeiterbewegung (…) und nicht an irgendwelchen abstrakten Prämissen ausgerichtet war“. Und dieses Arbeitsprogramm war beachtlich: Mit nie mehr als zehn festangestellten wissenschaftlichen Mitarbeitern, aber einem enormen Stamm „freier Mitarbeiter“, konnte das IMSF alleine in seinen ersten zehn Jahren 177 selbstständige Arbeiten realisieren. Neben den „Marxismus Digest“ (bis 1977), das marxistische Aufsätze und Artikel aus verschiedensten Ländern vereinte, gab es das „Jahrbuch des IMSF“ heraus sowie etliche kleinere und größere Einzelstudien. Darunter eine mehrbändige Analyse der Klassenstruktur der BRD, ebenso umfangreich jene zum Staatsmonopolistischen Kapitalismus. Darüber hinaus gab es sowjetische Studien zur Entwicklung des Klassenbewusstseins, zur Lage der Arbeiterjugend in den Monopolkonzernen oder zum Charakter der Mitbestimmung heraus. Das IMSF verkörperte auch dank Jupp die Zusammenführung von Intelligenz und Arbeiterklasse. Das gelang nicht nur auf Grund des Inhalts der Arbeit, wissenschaftlich den Marxismus-Leninismus weiterzuentwickeln, sondern auf Grund der Form, der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Parteiarbeitern.

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"Der Intellektuelle in der Partei", UZ vom 29. Juli 2022



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