Vor 20 Jahren starb der Dichter Peter Hacks

Der vollkommene Mensch als Vorschlag

Im Anekdotenband „Gott hält viel aus“ (2009) über seinen Freund und Kollegen Peter Hacks schrieb der vor zwei Jahren verstorbene westdeutsche Autor und brillante Shakespeare-Auserklärer André Müller sen. darüber, dass sich Hacks mit seiner Fürsprache für die vollzogene Ausbürgerung Wolf Biermanns nicht nur Feinde machte: Die Regierung der DDR registrierte durchaus, dass sie da verteidigt wurde vom bis dahin viel gespielten Dramatiker und Vertreter einer „nicht engagierten Literatur von engagierten Literaten“, mit dem (und der) die eigene Kulturpolitik häufig fremdelte. Woraufhin ihm Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann Müller sen. zufolge anbot, „in regelmäßigen Abständen politische Kommentare in einer beliebigen größeren DDR-Zeitung schreiben“ zu können. Hacks lehnte ab: „Wollen Sie aus mir einen Journalisten machen?“

Peter Hacks, der vor 20 Jahren, am 28. August, im Alter von 75 Jahren starb, verstand sich nicht als Tippkraft für die Tagespresse. Bonmots platzierte er lieber auf seinen möglichst frei von politischen Gesprächen abgehaltenen Partys und Schlagfertiges wob er in sein umfassendes dramatisches, essayistisches und lyrisches Werk ein. Es verwundert nur wenig, dass Christian Geissler 1968 den Gründungsaufruf der SDAJ formulierte; aus einer solchen Auftragsarbeit hätte Hacks sich auch damals schon herausgewunden.

Zu jener Zeit hatte Hacks sich längst von Bertolt Brecht gelöst, an dem er sich erst orientierte, ehe er gegen ihn, vor allem aber seine postmodernen Epigonen à la Heiner Müller polemisierte. Brecht und sein Episches Theater war für Hacks nicht ohne den historischen Kontext denkbar, vor allem in Hinblick auf den Kampf gegen den Hitlerfaschismus und die Entwicklung von Destruktivkräften, die es ermöglichten, die Menschheit mit dem Abwerfen von Atombomben zurück in die Steinzeit zu sprengen. „Die Verhältnisse“, so Hacks im Essay „Das Poetische. Ansätze zu einer postrevolutionären Dramatik“ (1972), „zwangen einen geborenen Klassiker aufs Katheder des Aufklärers“.

Dabei scheint es nur so, als habe da wer Gustave Flaubert zum Trotz versucht, „in einem Elfenbeinturm zu leben“, während „ein Meer von Scheiße“ gegen den Palast der Überheblichkeit anbrandete. Hacks war sich der Gülle in der Welt durchaus bewusst; eines seiner Aufbaustücke, „Die Sorgen und die Macht“ (1960 in Senftenberg uraufgeführt), hatte seinen Titel nicht von irgendwoher, sondern von Walter Ulbricht: „Wer die Macht hat, hat auch die Sorgen.“ Hacks sah nur nicht, dass (Auf-)Klärung oder gar Beseitigung von sozialem Übel Auftrag der Kunst sei, die da mit ihren dafür unzureichenden Mitteln einspringen würde für die Abteilungen der Agitproparbeit und der Staatssteuerung: „Kunst lebt von den Fehlern der Welt; hieraus folgt nicht, dass die Kunst umso besser würde, je fehlerhafter die Welt ist. Offenkundige Missstände verlangen politische Lösungen, nicht poetische. Bloße Schweinereien wollen beseitigt, nicht bedichtet werden.“

In dieser Stelle enthalten ist nicht nur die Scharfstellung der Grenze zwischen politischem und Kunstauftrag, sondern auch das Verhältnis von künstlerischer Widerspiegelung zu Widergespiegeltem: der Welt, der sie entspringt. Kunst ist eben nicht der Kunst wegen da, sondern als vorausschauender Umgang mit den Verhältnissen und ihrer Dialektik.

In „Auskünfte über Amerika“ (1975, enthalten in: „Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955 – 2003) schreibt er eingangs auf die Frage der „Funktion der Literatur im Sozialismus“ hin: „Die Funktion der Kunst ist zu allen Zeiten und an allen Orten gleich. Sie untersucht mit ästhetischen Mitteln und zu ästhetischen Zwecken die jeweils statthabende Wirklichkeit auf die Möglichkeit hin, die dieselbe der Gattung Mensch bei ihrer Selbstherstellung bietet. Sie schlägt, von ihrer besonderen gesellschaftlichen Stelle her, den vollkommenen Menschen vor. Das tut sie, indem sie Hemmendes verwirft und Erstrebenswertes entwirft.“ Und der Marxist-Leninist Hacks stellt in Bezug auf die Menschheitsepoche, in der er sich als DDR-Bürger befand, fest: „Was die Mischung dieser Verfahren anlangt, liegt in der DDR der Ton auf dem Entwerfen, nicht dem Verwerfen.“ Dementsprechend waren Hackssche Komödien auf fruchtbarem Land kultivierte Staatsdramen wie die Shakespeares (1564 – 1616) des Elisabethanischen Zeitalters und keine Satiren über eine grundsätzlich zum Scheitern verurteilte politische Einrichtung, wie sie etwa Jonathan Swift (1667 – 1745) über den Postabsolutismus schrieb.

Unbestimmte Negation, aber auch das wirre Opponieren einer sich hier mal links, da mal rechts, dabei „grundsätzlich dümmer als die Regel“ aufstellenden romantischen Fronde waren Hacks als Symptome des Niedergangs zuwider, die einem sozialistischen Projekt nicht ziemten, wenn es nicht „die Möglichkeit seines Untergangs in Betracht ziehen“ wolle, wie er in „Zur Romantik“ 2001 konstatierte. Keine nachgeholte Besserwisserei, denn darauf hatte er bereits vor der Vollziehung der Konterrevolution hingewiesen.

Die hatte er als abwendbar befürchtet, lebte Hacks doch nach dem später von ihm aus dem Werk des Historikers Kurt Gossweiler „Wider den Revisionismus“ (1997) herausgearbeiteten und von ihm als „Gossweilersches“ mit Namen versehenes Gesetz, das Hacks in einem Brief vom 9. März 1998 an jenen so zusammenfasst: „Jede kommunistische Bewegung zu jeder Zeit seit 1848 ist zu einem etwa konstanten Anteil mit Kräften durchsetzt, denen die ganze Sache zu anstrengend ist und die potenziell bereit sind, die Friedensangebote, die die Bourgeoisie ihnen macht, wohlwollend zu prüfen.“

Für Hacks stand eine Oppositionshaltung zur DDR und ihrer Regierung nie zur Debatte, auch wenn seine Unzufriedenheit anstieg, als Honecker Ulbricht folgte. Damit ging das von Hacks affirmativ als Absolutismus verstandene Austarieren von staatlich-kluger Lenkung sowie Entfaltung und Förderung einer sozialistischen Leistungsgesellschaft zugunsten von „blöden, gleichmacherischen Tendenzen“ verloren, wie er bereits 1977 an Müller sen. schrieb.

Zum Pressemann ließ er sich auch dadurch nicht machen. Wie möglichst richtig zu regieren sei, war als Seinsfrage nicht in einer Glosse am Blattrand zu beantworten, jedoch auf der Bühne durchzuspielen nicht nur möglich, sondern nötig. Für Peter Hacks bestand kein Zweifel darin, dass, wer schreibt und klassisch schreiben will, diese Frage nicht aussparen darf.

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Über den Autor

Ken Merten (seit 1990) stammt aus Sachsen. Er hat in Dresden, Hildesheim und Havanna studiert. Seine Schwerpunkte sind die Literatur der Jetztzeit, Popkultur und Fragen von Klassenkampf und Ästhetik. 2024 erschien sein Debütroman „Ich glaube jetzt, dass das die Lösung ist“ im Berliner XS-Verlag.

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"Der vollkommene Mensch als Vorschlag", UZ vom 25. August 2023



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