Japan plant, radioaktives Wasser aus Fukushima im Pazifik zu entsorgen

Die Arroganz alter und neuer Kolonialmächte

Frank Schumann

Im Pazifik gibt es viele Inseln und Atolle. Deren Existenz ist vom steigenden Wasserpegel der Ozeane bedroht. Das ist die Folge des von den Industriestaaten verursachten Klimawandels. Die Bewohner sind dabei so nachrangig wie damals, als die Kolonialmächte USA, Großbritannien und Frankreich dort ihre Atomwaffen testeten. Nun gesellt sich eine vierte Ex-Kolonialmacht dazu: Japan. Sie testet zwar nicht Atomwaffen, sondern plant, das seit der AKW-Katastrophe in Fukushima angefallene Kühlwasser nunmehr ins Meer zu entsorgen. Seit 2011 werden die damals zerstörten Reaktoren gekühlt. Inzwischen sind mehr als eine Million Tonnen radioaktiv belastetes Wasser auf dem Firmengelände in Tanks gesammelt worden. Der Energiekonzern TEPCO hat beschlossen, die strahlende Brühe ins Meer zu leiten. Dazu will man einen kilometerlangen Tunnel bohren.

Die Regierung in Tokio hat ihren Segen erteilt. Schließlich werde das strahlende Material gefiltert und verdünnt, alles ganz harmlos, heißt es. Es liegen wissenschaftliche Expertisen vor, etwa von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), die bestätigten, dass der Umwelt und den Menschen kein Schaden entstünde. Warum, so lässt die Logik allerdings fragen, wurden dann seit zwölf Jahren an jedem Tag 140.000 Liter kontaminiertes Abwasser erst in Tanks gespeichert und nicht gleich ins Meer geleitet?

Tatsache ist, dass dieses Kühlwasser Tritium enthält, eine radioaktive Form von Wasserstoff, das sich nicht herausfiltern und auch nicht verdünnen lässt. Es hat eine Halbwertzeit von etwas mehr als zwölf Jahren. Erst nach etwa hundert Jahren ist es so weit zerfallen, dass es nicht stärker strahlt als das, was uns umgibt. Kurzum, das Zeug in den Tanks müsste dort so lange verbleiben, ehe man ihm Harmlosigkeit attestieren könnte. So lange will Japan nicht warten. Zeit ist im Kapitalismus immer auch Geld.

Die Fischer in den Anrainerstaaten fürchten um ihre Existenz. Denn selbst wenn das Wasser keine unmittelbaren Schäden an Flora und Fauna verursachte, was zu bezweifeln ist, würde dieser Umstand Folgen haben. Wie man aus Japan weiß. Die Bauern und Fischer aus der Präfektur Fukushima – etwa so groß wie Schleswig-Holstein – werden seit der Katastrophe von 2011 ihre Waren nicht mehr los. Alles, was aus dieser Region stammt, lässt sich nicht mehr verkaufen.

Das dürfte künftig allen Fischern passieren, die ihre Netze im Japanischen, im Gelben und im Ostchinesischen Meer auswerfen, und natürlich auch jenen in den achtzehn Inselstaaten, die sich zum Pacific Island Forum (PIF) zusammengeschlossen haben. Denn „der Verbraucher“ pflegt stets nach der Herkunft von Produkten zu fragen.

Muscheln, Tang, Fische und anderes Meeresgetier aus diesen Gebieten werden dann das Kainsmal tragen: Vorsicht verstrahlt! Die Hälfte des weltweit gefangenen und verarbeiteten Thunfischs kommt aus dieser Region.

Die Vertreter des Pacific Island Forum haben monatelang mit Tokio verhandelt. Ergebnislos. Die Tatsache, dass im Zweiten Weltkrieg der faschistische Aggressor Japan viele Inseln verwüstet hatte, dass diese Inseln danach Opfer des Kalten Krieges waren und vielleicht demnächst unterzugehen drohen, hat Tokio nicht sonderlich gerührt. In gewohnt kapitalistischer Herrschaftsweise setzt man sich über jeden Einspruch hinweg.

Auch die Proteste aus der eigenen Bevölkerung, aus Südkorea, China und Taiwan blieben unerhört.

Vom 19. bis 21. Mai findet in Japan der G7-Gipfel statt. In Hiroshima, wo die USA im August 1945 die erste Atombombe über einer bewohnten Stadt zündeten. Militärisch überflüssig, ein Kriegsverbrechen also. Politisch jedoch eine Machtdemonstration gegenüber dem alten und dem künftigen Gegner, mit dem man aktuell noch verbündet war. Auch die geplante Fukushima-Entsorgung ist eine Demonstration. Gegenüber den Nachbarn wie dem Rest der Welt. Das ist zwar zunächst eine imperiale Geste Japans, wohl aber ganz im Sinne der Führungsmacht der westlichen Welt. Washington will den Pazifik beherrschen, um gegen China zu ziehen. Dafür braucht man verbündete Vasallen.

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"Die Arroganz alter und neuer Kolonialmächte", UZ vom 19. Mai 2023



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