Konzern und Stiftung: Wer profitiert von der Eigentümerstruktur?

Die heile Bosch-Welt hat es nie gegeben

Die Metall- und Elektroindustrie steckt in einer tiefen Krise. Zehntausende Arbeitsplätze sind bereits vernichtet, weitere Zehntausende sollen in den nächsten Jahren vernichtet werden. Nach den großen Autokonzernen trifft es vor allem die großen Zulieferer wie Bosch, ZF oder auch Mahle.

Die drei genannten Zulieferer sind sogenannte Stiftungsunternehmen. Viele Beschäftigte haben lange Zeit ein großes Vertrauen in diese Eigentumsform gehegt und waren der Meinung, dass es dadurch etwas menschlicher und gerechter zugeht. Dies fand auch während der jüngsten Kundgebungen der Beschäftigten gegen Arbeitsplatzabbau seinen Ausdruck. Insbesondere bei den Protesten bei Bosch waren Sprüche zu lesen wie: „Robert, komm zurück!“ Eine von Kolleginnen und Kollegen gezeichnete Darstellung zeigte Robert Bosch, wie er zum jetzigen Bosch-Chef Stefan Hartung sagt: „Was hast du nur mit meiner Firma gemacht?“ Auch die Grabsteininschrift bei einer Mahnwache vor Bosch in Feuerbach lautete: „Hier liegen die Bosch-Werte und die Wertschätzung.“

Das positive Image des Gründers der Bosch GmbH und seine „Bosch-Werte“ hält sich hartnäckig. Doch ist die gemeinnützige Stiftung als Eigentümerin tatsächlich gemeinnütziger und besser als andere kapitalistische Unternehmen?

Rund 94 Prozent der Eigentums­anteile an der Robert Bosch GmbH werden von der Robert-Bosch-Stiftung gehalten. 5,4 Prozent der Anteile hält eine Gesellschaft, die sich im Besitz der Bosch-Erben befindet. Die restlichen 0,6 Prozent werden von der GmbH selbst gehalten. Eine Firma namens Robert Bosch Industrietreuhand KG hat 0,01 Prozent der Anteile. Doch genau diese Treuhand mit einem Anteil von 0,01 Prozent verfügt über 93,17 Prozent der Stimmrechte, während die Stiftung selbst gar kein Stimmrecht hat. Die restlichen 6,83 Prozent der Stimmrechte werden von der Familie Bosch ausgeübt. Wer die Stimmrechte hat, hat aber natürlich das Sagen und bestimmt über die Bestellung der Geschäftsführung, kann ihr Weisungen erteilen, sie abberufen, bestimmt über die Gewinnverwendung und so weiter. Schon allein diese Struktur ist fragwürdig, die Personenüberschneidungen bei den diversen Leitungsebenen ebenso.

Die Treuhand KG besteht aus zehn Personen, darunter Stefan Hartung und Christian Fischer. Hartung ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Bosch, Fischer sein Stellvertreter. Der frühere stellvertretende Geschäftsführer Stefan Asenkerschbaumer ist aktuell auch der Vorsitzende der Industrietreuhand KG und Vorsitzender des Aufsichtsrats. Als Vertreter der Bosch-Familie ist Chris­tof Bosch sowohl Mitglied in der Treuhand als auch im Aufsichtsrat. Der 90-jährige Ehrenvorsitzende der Bosch-Gruppe (seit 2012), Hermann Scholl, war jahrzehntelang in der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, Vorsitzender im Aufsichtsrat und geschäftsführender Gesellschafter der Treuhand. Fazit: Es handelt sich um ein Personengeflecht mit mehreren Pöstchen in den verschiedenen Leitungsgremien. Die Geschäftsführungsmitglieder kontrollieren und entlasten sich dabei praktisch selbst. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Es verwundert daher kaum, dass die Arbeitsweise der Treuhand nicht transparent ist. Entscheidungen sind nicht öffentlich, es gibt keine öffentlich einsehbaren Protokolle und auch keine Pressemitteilungen. Die zehn Männer entscheiden ohne jede Form der öffentlichen Kontrolle. Im Aufsichtsrat sitzen dann noch, wie so üblich, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats des Unternehmensbereichs Mobility der Bosch-Gruppe und stellvertretende Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der Robert Bosch GmbH, Frank Sell, sowie Nadine Boguslawski, Hauptkassiererin der IG Metall. So sollen Betriebsrat und Gewerkschaft mit eingebunden werden.

Die Konstruktion der gemeinnützigen Stiftung als Eigentümerin bringt steuerliche Vorteile mit sich. Zuwendungen an die Stiftung, also praktisch die Dividende, sind von der Körperschafts- und der Kapitalertragssteuer befreit. Die Stiftung selbst zahlt auch keine Gewerbesteuer. Zudem ist reinvestierter Gewinn nicht steuerpflichtig. Gewerbesteuer und Körperschaftssteuer werden nur auf den Gewinn fällig. Auch die bei einer Ausschüttung anfallenden Steuern für die Eigentümer – bei Privatpersonen beträgt der Steuersatz circa 25 Prozent – entfallen bei Stiftungen. Es sind also kaum Steuern zu bezahlen – eine feine Sache.

Dass die Profite sprudeln ist daher nicht verwunderlich. So lag der Gewinn von Bosch 2023 bei fast 5 Milliarden Euro und 2024 immer noch bei 3,1 Milliarden. Für die Übernahme des Heizungs-, Lüftungs- und Klimalösungsgeschäfts der Firma Johnson Controls wurden 2024/2025 schnell mal 7,4 Milliarden Euro lockergemacht.

Wie bei jedem anderen kapitalistischen Unternehmen geht es auch bei der Bosch-Stiftung immer um die Profite. Das ist übrigens auch der Grund, warum 22.000 Kolleginnen und Kollegen aus dem Betrieb gedrängt werden sollen. Die Ausbeutungsrate für die Verbliebenen soll steigen. Außerdem wird Arbeit in Billiglohnländer wie Thailand oder Ungarn verlagert.

Die heile Bosch-Welt hat es nie gegeben, auch wenn das Kapital immer wieder versucht hat, diese Illusion der heilen Welt und der menschlichen Bosch-Werte in die Köpfe zu hämmern, um den Widerstand schon im Ansatz zu brechen. Das hat auch lange Zeit gut funktioniert. Nach dem großen bundesweiten Protesttag am 20. März 2024, an dem sich 25.000 Kolleginnen und Kollegen beteiligten, gab es lange keine Aktionen. Erst zwischen Ende 2024 und Anfang 2025 flammten an einzelnen Standorten kleinere Proteste auf, die leider keine nennenswerte Unterstützung von anderen Bosch-Betrieben erhielten. Im Herbst 2025 wurden die Proteste von einzelnen Belegschaften verstärkt, insbesondere in Waiblingen. Am 24. November fand dort ein Aktionstag statt, an dem sich 2.000 Kolleginnen und Kollegen von mehr als einem Dutzend Bosch-Standorten beteiligten, darunter Waiblingen, Feuerbach, Schillerhöhe, Reutlingen, Leinfelden, Wernau, Leonberg, Schwäbisch Gmünd, Bamberg, Homburg, Ansbach, Nürnberg und Hildesheim. Es war der erste Aktionstag seit März 2024, bei dem der Kampf gegen die massive Arbeitsplatzvernichtung wieder zusammengeführt wurde. Auch Kolleginnen und Kollegen von Mercedes in Untertürkheim, Mettingen und Hedelfingen, von Stihl in Waiblingen sowie von anderen Metallbetrieben der Region beteiligten sich. Den Beschäftigten wird langsam bewusst, dass der Kampf nur gemeinsam geführt und dass nur mit Streiks genügend Druck aufgebaut werden kann, um die Pläne des Kapitals zu durchkreuzen. Das zeigen auch die Diskussionen auf Delegierten- und Funktionärsversammlungen. Auch dort werden von den betrieblichen Vertretern gemeinsame Streiks gegen Standortschließungen und Arbeitsplatzabbau eingefordert – und sie bekommen viel Beifall. Die Kolleginnen und Kollegen wollen weder Mitleid noch Verzichtsvereinbarungen. Sie wollen ihre IG Metall wieder als solidarische Kampforganisation nutzen.

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"Die heile Bosch-Welt hat es nie gegeben", UZ vom 9. Januar 2026



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