Vor 70 Jahren entstand Anna Seghers’ „Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe“

Die prophetische Voraussage – das Ende des Revolutionären

Von Rüdiger Bernhardt

Anna Seghers

Erzählungen 1948–1949

Werkausgabe II/3

253 Seiten, Aufbau Verlag, 40,- Euro

Vor siebzig Jahren, Ende November/Anfang Dezember 1948, veränderte Anna Seghers die im September abgeschlossene Erzählung „Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe“, die sich als weitsichtig erwies. Verantwortlich für die Überarbeitung war zum einen ihr Aufenthalt in Paris in der Bibliothèque Nationale und zum anderen ihr Kontakt mit dem französischen linken Schriftsteller Aimé Césaire, Abgeordneter aus Martinique-Guadeloupe; er gab ihr Material zu Widersprüchen in der Biografie von Kommissar Victor Hugues, der die Beschlüsse der Französischen Revolution bei der Befreiung der Sklaven umsetzte, aber auch Massenhinrichtungen verantwortete. Césaire löste eine völlige Umarbeitung der Novelle aus. Der Grund dafür war, dass „dieser sonderbare und beharrliche Faden … von einer abgelegenen Insel und einem bizarren Thema durch diese ganze verrückte Welt geht“. Das bizarre Thema, das durch die Welt ging, war wohl Césaires Deutung des Faschismus als eine Form der Anwendung kolonialer Praktiken auf Europäer, einer Sklaverei Weißer für Weiße. Auf den karibischen Inseln wirkte sich die Französische Revolution von 1789 als eine exportierte Revolution aus, die zur Befreiung der Sklaven führte. Deren Sieg hätte der Einsicht bedurft, dass die neue Freiheit von jedem die Einsicht in die Notwendigkeit nach angestrengter Arbeit verlangt. Das aber erwies sich sowohl auf Guadeloupe als kaum umzusetzen wie auch nach 1945 viele Deutsche wenig mit dieser Logik anzufangen wussten. Schließlich verdrängten sie 1989 diese Einsicht und dieses Verständnis von Freiheit völlig, ersetzten sie durch populistische Vorstellungen von Freiheit wie Reisen und Glitzerwelt, fielen damit hinter Ideen der Französischen Revolution zurück und verrieten alles revolutionäre Denken.

Im Nachkriegsdeutschland zu Hause war Anna Seghers 1948 noch nicht. Ihre vorläufige Wohnung hatte sie in Westberlin und erst im Mai 1950 meldete sie sich von Zehlendorf nach Weißensee um. 1948 hielt sie sich allerdings längere Zeit in Wiepersdorf, dem Schloss Achim und Bettina von Arnims, auf, das später in der DDR zum Künstlerheim wurde. Die Erzählung projizierte, wie auch die zuvor erschienene „Die Hochzeit von Haiti“, die aktuelle Situation der Deutschen von 1945, die Nachkriegszeit, auf die Sklavenbefreiung nach der Französischen Revolution von 1789. In der „Hochzeit von Haiti“ hatte es der einheimische General Toussaint Louverture verstanden, die ehemaligen Sklaven zur Arbeit anzuhalten, deshalb musste er von der alt-neuen Aristokratie vernichtet werden.

Seghers traf bei ihrer Rückkehr aus Mexiko neben alten Freunden ein deutsches Volk, das das Ende des Krieges nur selten als Befreiung erlebte und als solche annahm, sondern zuerst als Niederlage betrachtete, hatte doch die Mehrheit diesem System begeistert gehuldigt, auch wenn sie nun nichts mehr davon wissen wollte. Anna Seghers traf dieses Volk „verkrustet … in alle möglichen Vorurteile und Ängste und Gehässigkeiten“ an. Dieses Volk sollte begeistert in eine andere, neu strukturierte Zukunft aufbrechen? Möglicherweise sogar im Zeichen eines Sozialismusentwurfs? Vor solchen Illusionen warnten viele Antifaschisten und auch sowjetische Kulturoffiziere, die behutsam mit Veränderungen umgingen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Sklaven, die 1793 auf den karibischen Inseln lebten, wurde in den beiden 1948 entstandenen „karibischen Erzählungen“ beschrieben, die noch 1946 in Mexiko und so parallel zum Sieg über den Faschismus begonnen worden waren. Die Sklaven feierten ihre Befreiung, aber sie fanden keinen Zugang zu einer Neugestaltung, die ihren ganzen Einsatz hätte erforderlich gemacht, den sie nicht als „Freie“ erbringen wollten. Damit bot sich die Chance für die Aristokratie, diese Befreiung rückgängig zu machen. Es war die gleiche Situation, wie sie nach 1945 in Deutschland drohte: Indem die Niederlage des Faschismus von vielen nicht als Befreiung begriffen wurde, wurde eine schleichende Fortsetzung beziehungsweise ein Wiedererstarken des Faschismus möglich. Anna Seghers plädierte für die Bereitschaft zu einer kontinuierlichen, aufopferungsvollen Arbeit für eine neu entstehende Gesellschaft, durchgesetzt auch mit dem nötigen Nachdruck, und warnte: Die Sklavenbefreiung blieb wirkungslos, weil die befreiten Sklaven als Freie glaubten, nicht aufopferungsvoll arbeiten zu müssen; dadurch ermöglichten sie die Wiedereinführung der Sklaverei und den Fortbestand der bisherigen Verhältnisse. Es ging in der Parallele zwischen Französischer Revolution und ihren Folgen in den überseeischen Kolonien einerseits und dem Sieg über den Faschismus und einer möglichen Neuordnung, andererseits darum, die historischen Chancen und die Folgen des Verzichts darauf zu demonstrieren.

In Folge der Französischen Revolution wurde die Sklaverei aufgehoben. Die den befreiten Sklaven vorgelegten neuen gesetzlichen Grundlagen hatten Parallelen in den sozialen Veränderungen nach 1945,  zum Bestandteil „Landverteilung“. Das aber war mit Arbeit verbunden, der sich die befreiten Sklaven entzogen und damit die Wiedereinführung der Sklaverei ermöglichten, fast anstrebten. Zahlreiche Deutsche fühlten sich nicht befreit vom Faschismus, zumal sie im Innersten Faschistisches bewahrt hatte und also lieber im alten System verharrten, als die Unwägbarkeiten eines neuen – auf dem eigenen Feld als Freie zu arbeiten – zu überwinden. Für Anna Seghers war die neue Freiheit mit notwendigen Zwängen verbunden.

Diese prophetische Sicht der Autorin wurde verfälscht und verkannt: Ute Brandes deutete die Novelle (in „Anna Seghers. Köpfe des 20. Jahrhunderts“) unter Verleugnung der historischen Abläufe und mit der Absicht, Anna Seghers als Kritikerin der DDR herauszustellen, in Verhältnissen, die es 1948 noch gar nicht gab: In der Lethargie zur ‚von oben’ bestimmten Aufhebung der Sklaverei“ verdeutliche der Erzählzyklus „die tatsächliche politische Apathie innerhalb der DDR-Bevölkerung“. Auch die Seghers-Forscherin Sonja Hilzinger möchte in der Novelle am historischen Beispiel das „zeitgenössische Geschehen kritisch kommentiert“ sehen. Dabei ging es Anna Seghers nicht um Kritik, sondern um Warnung; die Möglichkeiten wurden von den befreiten Sklaven nicht genutzt. Sie glaubten, „sobald sie allein waren, in der Sklavenzeit sei ihr Leben schöner gewesen“ – das hieß aktuell für 1948: Sie trauerten dem Nationalsozialismus nach und wurden von der Entwicklung in den westlichen Besatzungszonen darin bestätigt. Dadurch blieben ihnen mögliche Veränderungen fremd und auch den Bewohnern der sowjetischen Besatzungszone fielen diese Einsichten schwer, zumal sie sich dem Spott des Westens ausgesetzt sahen. Davor sollten die „karibischen Erzählungen“ warnen.

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Die prophetische Voraussage – das Ende des Revolutionären", UZ vom 4. Januar 2019



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