Vor fünf Jahren zog die NATO aus Afghanistan ab: Westlicher Wirtschaftskrieg verschärft Hunger und Elend – vor allem von Kindern und Frauen

Die Rache der Verlierer

Am 14. Oktober 2026 stellte die Welthungerhilfe, eine regierungsnahe deutsche Hilfsorganisation, ihren Welthunger-Index für 2026 vor. Dieser bestätigt erneut, dass der weltweite Hunger seit 2018 wieder zunimmt. Gleichzeitig hätten viele Staaten ihre Zahlungen für humanitäre Hilfen drastisch reduziert, neben den USA auch Deutschland und andere EU-Staaten, die die Gelder nun in die Rüstung stecken. Berlin etwa stellt insgesamt nur noch etwas mehr als eine Milliarde Euro für humanitäre Hilfe zur Verfügung, gerade einmal 0,2 Prozent des Bundeshaushalts.

In ihrem „Kompass: Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik“ konstatiert die NGO: „Mangelnde politische Unterstützung, drastisch sinkende Finanzierung und eine zunehmende Missachtung des humanitären Völkerrechts erschweren den Zugang zu Menschen in Not und schwächen die Handlungsfähigkeit und Verlässlichkeit der humanitären Hilfe. Sie wird zunehmend politisiert und instrumentalisiert.“

Unter den Staaten, die von einer massiven Verschlechterung der Lebensbedingungen betroffen sind, ist auch Afghanistan. Es zählt zudem zu den Ländern, die mit dem höchsten Rückgang an Hilfen konfrontiert sind.

Die USA und ihre NATO-Verbündeten hatten 20 Jahre lang einen verheerenden Krieg am Hindukusch geführt. Nach ihrer Niederlage vor fünf Jahren ließen die Besatzer nicht nur ihr Einsatzgebiet in einem verheerenden Zustand zurück. Sie zeigen bisher keinerlei Bereitschaft, den Afghaninnen und Afghanen die dringend benötigten Hilfen zukommen zu lassen. Von der Unterstützung beim Wiederaufbau ganz zu schweigen. Im Gegenteil: Sie ließen umfangreiche Wirtschaftssanktionen in Kraft treten und trieben so die afghanische Bevölkerung in die Katastrophe.

Fünf Jahre danach

Das Land ist inzwischen aus den Nachrichten verschwunden. Zum Jahrestag des fluchtartigen Abzugs der NATO-Truppen wurde zwar gelegentlich über die humanitäre Notlage am Hindukusch berichtet. Wenn Kritik an der Haltung Berlins laut wurde, so beschränkte sie sich aber auf den erbärmlichen Umgang mit den afghanischen Mitarbeitern der deutschen Besatzer, den sogenannten „Ortskräften“.

Überwiegend beschränkte sich der Blick auf den Jahrestag jedoch darauf, die Behandlung von Frauen und Mädchen durch die Taliban anzuprangern und auf Fortführung der Handels- und Finanzblockaden gegen Afghanistan zu pochen. Die drastische Einschränkung der Frauenrechte, mit denen sie nun gerechtfertigt werden, ist zwar beispiellos auf der Welt, die umfassenden Wirtschaftssanktionen treffen jedoch in erster Linie die, die sie vorgeblich schützen wollen: die afghanischen Frauen und ihre Kinder.

Stabilere Verhältnisse

In einem der seltenen substanziellen Berichte über die Entwicklung am Hindukusch seit der erneuten Machtübernahme der Taliban stellt der transatlantische Thinktank „International Crisis Group“ einleitend fest:

„Der Sieg der Taliban beendete den damals tödlichsten Konflikt der Welt. Vertreter der Taliban verweisen auf einen deutlichen Rückgang der Gewalt, wodurch das gesamte Land nun sicherer und für Afghanen sowie humanitäre Organisationen (im Rahmen der von den Taliban auferlegten Beschränkungen) besser zugänglich sei.“ Die Autorität der neuen Machthaber sei weiterhin stark, heißt es weiter. Die Korruption, die zuvor in allen Bereichen der staatlichen Institutionen herrschte, sei zwar nicht vollständig beseitigt, aber doch stark eingedämmt worden.

Katastrophale Lage

Die wirtschaftliche und humanitäre Situation ist jedoch katastrophal. Zu den enormen Schäden, die der Krieg hinterließ, kommen drastische Einbußen in der Landwirtschaft durch eine seit sechs Jahren anhaltende Dürre. Der Wiederaufbau der Wirtschaft und die Intensivierung des Handels werden auch durch den faktischen Kriegszustand mit Pakistan erschwert. Nach mehreren gegenseitigen militärischen Angriffen sind der Handel und der Transitverkehr zwischen den beiden Ländern praktisch zum Erliegen gekommen. Über zwei Millionen afghanische Flüchtlinge in Pakistan wurden zur Rückkehr gezwungen.

Naturkatastrophen und der Krieg gegen den Iran haben die wirtschaftlichen Probleme weiter verschärft. Auf den westlichen Nachbarn entfielen fast zwei Drittel des Handels Afghanistans. Sowohl Direktimporte als auch Waren, die nur durch das Land transportiert wurden. Durch das Handelsembargo der Trump-Regierung gegen iranische Häfen wurde das Land faktisch von den globalen Seewegen abgeschnitten.

Aufgrund der Unnachgiebigkeit der neuen Machthaber, mit der sie trotz Kritik auch aus islamischen Ländern Frauen und Mädchen grundlegende Rechte verweigern, ist das Land zudem nach wie vor international sehr isoliert. In keinem anderen Land der Welt wird heutzutage noch Mädchen der Zugang zu Bildung über die Grundschule hinaus verwehrt sowie die Möglichkeiten von Frauen, zu arbeiten, zu reisen, sich gesellschaftlich zu betätigen derart eingeschränkt. Viele Länder üben aus diesem Grund noch Zurückhaltung bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Schwerer wiegen jedoch die Wirtschaftssanktionen des Westens.

Sturz in Abgrund

Bis zur Machtübernahme der Taliban waren rund drei Viertel der öffentlichen Ausgaben vom Westen finanziert worden. Damit wurden die Gehälter der Angestellten im öffentlichen Dienst bezahlt sowie Entwicklungsprojekte wie Schulen und Krankenhäuser. Diese Zahlungen wurden über Nacht gestoppt. Da die gegen die Taliban verhängten Restriktionen der USA und der EU sich seither auch gegen die von ihnen kontrollierten westlichen Institutionen richten, blockieren sie nun faktisch das ganze Land.

Die afghanische Wirtschaft kollabierte dadurch völlig mit entsprechend verheerenden Auswirkungen auf Wirtschaft und Versorgung des Landes. Der Gesundheitssektor brach zusammen. Der Ausschluss Afghanistans vom US-kontrollierten internationalen Finanzsystem behindert auch die Projekte internationaler Hilfsorganisationen massiv.

Illegale Strangulierung

Die Notlage wird dadurch weiter verschärft, dass die USA und die EU dem Land die dringend benötigten Gelder der afghanischen Zentralbank auf westlichen Konten in Höhe von sieben Milliarden US-Dollar vorenthalten sowie auch gewöhnlichen Afghanen ihre dortigen Einlagen. Die UN-Sonderberichterstatterin über unilaterale Zwangsmaßnahmen, Alena Douhan, wertet dies als eklatanten Verstoß gegen internationales Recht und eine inakzeptable kollektive Bestrafung. Schließlich gehört das Geld einer Zentralbank nicht der Regierung, sondern dem Land und dessen Bevölkerung.

Humanitäre Organisationen fordern seit Langem, der afghanischen Zentralbank wenigstens einen begrenzten und international überwachten Zugriff auf monatliche Teilbeiträge für den Import lebenswichtiger Güter zu gewähren. Stattdessen verschärfen die USA und die EU-Staaten die Notlage durch die Streichung von Hilfsleistungen weiter. Für 2026 steht dadurch nur ein Viertel des an sich notwendigen Geldes zur Verfügung. Der Leiter der UN-Nothilfe, Tom Fletcher, warnte, dass in Folge der Kürzungen Millionen Menschen sterben könnten. Die International Crisis Group warnte, „Hunger und Elend“ könnten nun „mehr Afghanen töten als alle Bomben und Kugeln der letzten zwei Jahrzehnte“.

Die EU bestreitet, dass die eigenmächtig verhängten Restriktionen für die Not verantwortlich sind, und verweist auf Ausnahmen für humanitäre Güter. Diese werden jedoch durch die Blockaden im Finanz- und Transportwesen konterkariert. Tatsächlich würden die westlichen Sanktionen in Summe auf die vollständige wirtschaftliche Isolation Afghanistans zielen, stellte Conrad Schetter, Direktor des „Bonn International Centre for Conflict Studies“ (BICC), fest. „Es sollen sämtliche Möglichkeiten der Wirtschaft unterbunden werden. Alles, was über humanitäre Hilfe hinausgeht, wurde ausgesetzt; sämtliche Entwicklungsprojekte im Lande.“

Die massiven Zwangsmaßnahmen des Westens haben kein Einlenken der Taliban bewirkt, die wirtschaftliche Lage und die Lebensbedingungen immer weiter verschlechtert.

Gewolltes Elend

Insbesondere die Auswirkungen auf Frauen sind verheerend, berichtet etwa John Aylieff, der Landesdirektor des Welternährungsprogramms (WFP) für Afghanistan. Es werde zunehmend zur Normalität, dass sich Familien gezwungen sehen, ihre Töchter in Frühehen zu verkaufen. Immer mehr Frauen sehen sich gezwungen, sich zu prostituieren.

Durch den drastischen Rückgang der Hilfszahlungen stieg die Zahl der Menschen in Not bis August des Jahres auf fast 22 Millionen, rund die Hälfte der gesamten Bevölkerung, 3,5 Millionen mehr als 2021. Einer Alarmmeldung des UN-Kinderhilfswerks UNICEF zufolge leiden 3,7 Millionen Kinder an Hunger und sind akut unterernährt, darunter rund eine Million Kinder, die wegen lebensbedrohlicher schwerer Unterernährung medizinische Hilfe benötigen.

Im Westen werden allein die Taliban für die verheerenden Lebensverhältnisse verantwortlich gemacht. Vertreterinnen und Vertreter von Hilfsorganisationen widersprechen dem jedoch entschieden. Diese Krise „wurde von der internationalen Gemeinschaft verursacht“, versichert etwa Samira Sayed Rahman vom International Rescue Committee (IRC). Sie und ihre Kollegen weisen nachdrücklich darauf hin, dass humanitäre Hilfen nicht ansatzweise reichen, um die Notlage zu überwinden. Dies sei nur mit einer Wiederbelebung der Wirtschaft durch Aufhebung der Blockaden zu erreichen. „Das afghanische Volk braucht funktionierende Banken und Märkte, um zu überleben.“ Humanitäre Hilfe sei zwar unerlässlich, heißt es auch in einem Appell, den über 50 hochrangige UN-Diplomaten und Menschenrechtsexperten schon 2022 an die Staatschefs der führenden NATO-Staaten richteten. Sie sei aber „keine Alternative zum normalen Funktionieren der Wirtschaft und des Bankensystems, die maßgebend für die Erbringung grundlegender Dienstleistungen sind“.

Alternative Ansätze

Zweifelsohne verstößt die Politik der Taliban eklatant gegen Menschenrechte. Aber offensichtlich sind Wirtschaftssanktionen nicht geeignet, eine Änderung zu erzwingen – im Gegenteil führt das konfrontative Vorgehen, wie zahlreiche Studien zeigen, zu einer Verhärtung der Haltung der angegriffenen Regierung und einem Verlust an Einflussmöglichkeiten von außen.

Da die Taliban die eindeutigen Machthaber sind, führt an einer Zusammenarbeit mit ihnen kein Weg vorbei. „Sie müssen in die regionalen und internationalen Strukturen sowohl politisch als auch ökonomisch integriert werden“, so der Afghanistan-Kenner Matin Baraki in seinem 2023 erschienenen Buch. „Dadurch und durch projektgebundene entwicklungspolitische Zusammenarbeit könnten sie zu Kompromissen und notwendigen Reformen motiviert werden.“

Die Mitglieder der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit (SCO), in der Afghanistan Beobachterstatus hat, praktizieren dies. Insbesondere China, Pakistan und Russland weiten ihre humanitären Hilfen und wirtschaftliche Zusammenarbeit aus und drängen auf Freigabe der afghanischen Gelder und ein Ende der Wirtschaftssanktionen. Peking fordert alle Staaten auf, mit den De-facto-Behörden der Taliban zusammenzuarbeiten und so dem Land zu Stabilität und wirtschaftlicher Entwicklung zu verhelfen. Für eine Intensivierung der Zusammenarbeit verlangt die SCO einen entschiedeneren Kampf gegen terroristische dschihadistische Gruppen im Land, deren Erstarken den Nachbarn große Sorgen macht. Daneben wird eine inklusivere Regierung gefordert, die die Inte­ressen aller Menschen einschließlich Frauen, Kinder und ethnischer Minderheiten schützt.

In der Aussicht auf wirtschaftliche Zusammenarbeit sehen Taliban-Führer sicherlich einen wesentlich stärkeren Anreiz für Zugeständnisse als im westlichen Blockadeansatz.

Die Bundesregierung hat zwar Gespräche mit Talibanvertretern aufgenommen, jedoch nur über die Rückführung afghanischer Migranten. Die dringend nötige Aufnahme von Gesprächen über deutsche Hilfen zur Überwindung der Notlage der Menschen in Afghanistan, für die Deutschland mitverantwortlich ist, wird weiter verweigert. Trotz aller Frauenrechte-Rhetorik schert sie und ihre NATO-Partner das Wohl afghanischer Frauen offensichtlich wenig. Ihr Ziel ist es, das Land, das sich ihnen erfolgreich widersetzte, am Boden zu halten und zu zeigen, dass sich solcher Widerstand nicht auszahlt.

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"Die Rache der Verlierer", UZ vom 23. Oktober 2026



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