Zum 130. Geburtstag von John Schehr

Die Standhaften

Am 9. Februar jährt sich der Geburtstag des von den Nazis 1934 ermordeten Hamburger Kommunisten und – als Stellvertreter Ernst Thälmanns – KPD-Vorsitzenden John Schehr zum 130. Mal. UZ dokumentiert an dieser Stelle das Redemanuskript der VVN-BdA für eine Gedenkveranstaltung in Berlin. Der Text wurde redaktionell geringfügig überarbeitet.

Der DDR wird von den vereinigten Historiker-Wessis vorgeworfen – im Zuge eines angeblich „staatlich verordneten Antifaschismus“ –, die im Kampf gegen den Hitler-Faschismus Gefallenen generell, die gefallenen Kommunistinnen und Kommunisten im Besonderen verklärt, heroisiert zu haben.

Man muss es daher immer wieder einmal festhalten: In der DDR jedenfalls sind keine NPD, keine Reps, keine DVU und keine AfD groß geworden, in der DDR sind keine Krupps, Flicks, Quandts wieder hochgekommen wie in Westdeutschland. Und während dort 1956 Kommunisten wieder illegal wurden und ehemalige KZ-Häftlinge, weil Kommunisten, wieder im Zuchthaus saßen, haben sie in der DDR Respekt und Anerkennung, Ansehen und Ehrung erfahren als diejenigen, die mit ihrem Leben dafür einstanden, dass die Welt mit der Bezeichnung „Deutscher“ nicht nur Mord, Folter, Massenvernichtung, Auschwitz verbindet.

Solche Menschen, solche Genossen und Kameraden ehren wir heute – und tun es schon seit 1954 als Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Schaut sie Euch an, die vier Genossen: John Schehr (Schlosser, geboren 1896 in Altona, EKKI), Eugen Schönhaar (Feinflaschner, geboren 1898 in Esslingen – IAH, KJI), Erich Steinfurth (Schlosser, Eisenbahner, geboren 1896 in Mittenwalde, Rote Hilfe) und Rudolf Schwarz (Schlosser, geboren 1904 in Berlin, RFB). Allesamt führende Genossen der KPD, alle aus der Arbeiterklasse stammend, Kollegen, die wussten, was harte Arbeit ist, wie Lohnknechtschaft schmeckt, in den Klassenkämpfen gegen Obrigkeit und Kapital gestählt, gewählt vom Volk in Reichstag und Landtage. Vergleicht sie mit solchen „Führern“ wie Joseph Goebbels, Prokuristen-Sohn, wie Hermann Göring, Sohn eines hohen Kolonialbeamten, Heinrich Himmler, Vater Oberstudiendirektor, oder dem „Gröfaz“, diesem streuenden Hund aus dem Spießbürgertum, wie die anderen drei unfähig zu irgendeiner anständigen Arbeit.

Während sich die späteren Nazi-Führer schon früh für Krieg und Militarismus entschieden, mussten unsere Genossen in den Ersten Weltkrieg ziehen. Im Feld stehend, entschieden sie sich für den Widerstand, traten der USPD bei, die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte und der auch Spartakus mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beigetreten war.

Besonders gedenken wollen wir heute des Genossen John Schehr, der am 9. Februar vor 130 Jahren geboren wurde.

John Schehr war Schlosser und arbeitete im Hamburger Hafen, selbstverständlich gewerkschaftlich organisiert, mit 16 schon politisch bei der Arbeiterpartei SPD, während des Krieges in der USPD und seit dieser Zeit mit Ernst Thälmann verbunden. Sie sind für die Oktoberrevolution in Russland, für die Novemberrevolution in Deutschland, ohne schon an führender Stelle zu stehen. Sie halten es in der USPD aus, bis auch die Massen davon überzeugt sind, dass diese Partei den Weg des Verrats, der Kapitulation und des „dritten (Irr-)Weges“ geht. 1920 tritt unter Thälmanns und Schehrs Führung fast die ganze Hamburger USPD zur KPD über. Stichworte zu dieser Zeit: Aufstand in Berlin, Bayerische Räterepublik, bewaffnete Kämpfe in Mitteldeutschland, Kapp-Putsch und Rote Ruhrarmee. Es folgt eine Zeit der ansteigenden Inflation, der Massenverelendung. Doch die Genossen verlieren den Mut nicht.

Überliefert ist folgendes Ereignis: März 1921 in Hamburg. Die Polizei hatte wieder ein Massaker unter den Hamburger Arbeitern angerichtet, als vor einem Demonstrationszug von darüber aufgebrachten Werftarbeitern mit Thälmann und Schehr an der Spitze ein Panzerwagen der Polizei mit einem herumkrakeelenden Polizeioffizier vorfuhr. Thälmann: „Warum schreet de so, Jonny?“ Schehr zurück: „De het Angst!“ Thälmann lachend: „Genau!“

„Jonny“ stieg auf in der KPD zum ZK-Sekretär und Mitglied des Politbüros. Nach der Verhaftung Thälmanns am 3. März 1933 wurde er faktisch zum Vorsitzenden der Partei und damit zum Führer der ersten Phase des organisierten Widerstands gegen den deutschen Faschismus, wozu Thälmann auf der Ziegenhalser Tagung am 7. Februar aufgerufen hatte. Unter größten Schwierigkeiten – während alle bürgerlichen Parteien sich auflösten und die SPD-Führung sich nach Prag verabschiedete, während die verbliebenen SPD-Führer wie Paul Löbe den Vorstand von Juden säuberten und die Hitlersche Außenpolitik als „Friedenspolitik“ begrüßten – wurde unter Schehrs Leitung trotz brutalster Verfolgung ein illegaler Widerstand aufgebaut auf der Basis der Einheitsfront, die stets Schehrs besonderes Anliegen war.

Stefan Jagielka schreibt in den „Mitteilungen der KPF“: „Unter seiner Führung gelang es der KPD, unter großen Opfern die illegale Organisation in Deutschland zu stabilisieren, ohne dabei jedoch den Offensivgeist, der diese Generation prägte, zu verlieren. Dieser revolutionäre Optimismus in der Zeit des blutigen faschistischen Terrors wird heute von den ‚Spätgeborenen‘ oft belächelt. Damit legte aber die Partei den moralischen und organisatorischen Grundstein, auf dessen Basis die KPD in den Jahren der Hitler-Diktatur ihren Widerstand ununterbrochen fortsetzen konnte.“

Am 13. November 1933 wurde Schehr aufgrund von Verrat (durch Alfred Kattner) von der Gestapo verhaftet. Trotz bestialischer Folter hielt er stand. Überliefert ist seine Erklärung bei einem Verhör: „Ich erkläre, dass ich über die Tätigkeit der Organisationen der Kommunistischen Partei Deutschlands, über meine politische Arbeit, über die meiner Mitarbeiter keine Aussage zu machen habe. Mein Leben dient der Arbeiterklasse, dem Frieden, der Demokratie und dem Sozialismus. Ich bin und bleibe ein Feind des Faschismus.“ Von Parteien, die damals auf ganzer Linie versagten und ins Niemandsland verschwanden oder bei den Nazis unterkrochen, müssen sich die KPD und solche herausragenden Genossen wie Schehr nicht wegen angeblicher „Fehler“ belehren lassen. Wenn wir uns die Fragen ansehen, vor denen wir heute stehen, bekommt man vielleicht (bei aller Vorsicht mit historischen Vergleichen und Analogien) ein Verständnis dafür, wie schwierig das Herausfinden von richtigen Positionen ist.

Sollen wir heute, da der Aufstieg der AfD gefährliche Ausmaße annimmt, dazu schweigen, was die SPD-Führung und die bürgerlichen Parteien, was Ampel und Merz/Söder/Klingbeil anrichten und dadurch direkt den Faschisten in die Hände spielen, sollen wir mit einer SPD- und Gewerkschaftsführung, mit den Führungsgremien der Evangelischen Kirche eine Einheit gegen die Faschisten suchen, von Einheits- oder Volksfront gar nicht zu reden, obwohl sie der Aufrüstung, der Vaterlandsverteidigung das Wort reden?

Stichwort: Sowjetunion und Stalin. Damals verteidigten unsere Genossen die Sowjetunion, weil sie wussten, dass die Imperialisten aller Länder sich verschworen hatten, den ersten Versuch eines sozialistischen Aufbaus mit allen Mitteln zu verhindern. Sie verteidigten Josef W. Stalin als gewählten Generalsekretär der KPdSU, weil sie sahen, wie die Ausbeuter hierzulande alle Revolutionäre, die für die Zukunft und Hoffnung der Menschheit standen, als Banditen, Gangster und Verbrecher verschrien.

Sollen wir heute in das Geschrei über Wladimir Putin, Russland und die VR China einstimmen, wissend, was die NATO, was die Imperialisten der USA und Deutschlands in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegen diese Länder im Schilde führten und führen? Man muss Putin nicht lieben, aber man kann kein konsequenter Antifaschist sein, wenn man für die NATO, die Aufrüstung und die Militarisierung ist. Wissen wir nicht spätestens seit den direkten Verhandlungen Donald Trumps mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, dass der Krieg in der Ukraine ein Krieg ist, der Russland von den USA mit ihren NATO-Verbündeten aufgezwungen wurde?

Mögen unsere Nachgeborenen nachsichtig mit uns sein angesichts der vielen Schwierigkeiten, der Entscheidungen, die wir getroffen haben und der Fehler, die wir dabei begangen haben und noch begehen werden.

Am 1. Februar wurden unsere vier Genossen, zuletzt Häftlinge im ersten Berliner KZ Columbia-Haus, hinterrücks ermordet. „Auf der Flucht erschossen“, hieß es. Bürgerliche Historiker bringen die Ermordung als Vergeltung der Gestapo für die Liquidierung des Verräters Kattner – angeblich durch die KPD – ins Spiel. Das soll die Totalitarismus-Fabel (rechts gleich links) bedienen und die Kämpfer gegen den Faschismus mit den Faschisten gleichsetzen. Gänzlich ausgeblendet wird, dass zur gleichen Zeit Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und dem Hitler-Regime stattfanden über die Ausreise Georgi Dimitroffs, des Helden des Reichstagsbrandprozesses. Die Wut der Nazis über ihre Niederlage vor der ganzen Weltöffentlichkeit und damit die Rachegelüste waren immens. Dimitroff war mit Urteil vom 23. Dezember 1933 freigesprochen worden, wurde aber vom Nazi-Regime weiter in „Schutzhaft“ als Geisel gehalten. Schließlich konnte er im Februar 1934 als Staatsbürger der Sowjetunion das faschistische Deutschland verlassen.

Zum Schluss möchte ich zurückkommen auf den Anfang. Während die Mörder Ernst Thälmanns in Westdeutschland niemals bestraft wurden, wurde der Verantwortliche für die Ermordung von John Schehr und Genossen, der Sturmbannführer Bruno Sattler. 1947 in Berlin gefasst (übrigens unter Mitwirkung von Erich Mielke) und 1952 zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er starb 1972 in einem Leipziger Gefängnis.

Und schließlich zu unseren Helden – und was Helden ausmacht – ein Zitat von Georgi W. Plechanow, einem der Begründer der Arbeiterbewegung in Russland: „Der große Mann (und natürlich die große Frau) ist eben ein Beginner, denn er blickt weiter als die anderen und sein Wollen ist stärker als bei anderen. Er weist die neuen gesellschaftlichen Bedürfnisse auf, die durch die vorhergegangene Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugt worden sind; er ergreift die Initiative zur Befriedigung dieser Bedürfnisse.

Er ist ein Held. Held nicht in dem Sinne etwa, dass er den natürlichen Gang der Dinge aufhalten oder ändern könnte, sondern in dem Sinne, dass seine Tätigkeit der bewusste und freie Ausdruck dieses notwendigen und unbewussten Ganges ist. Darin liegt seine ganze Bedeutung, darin seine ganze Kraft. Das ist aber eine gewaltige Bedeutung, eine ungeheure Kraft.“

Eure Kraft ist unsere Kraft! Dank euch, John Schehr und Genossen!

John Schehr und Genossen. Ein Gedicht von Erich Weinert (1934)

Es geht durch die Nacht. Die Nacht ist kalt.
Der Fahrer bremst. Sie halten im Wald.
Zehn Mann Geheime Staatspolizei.
Vier Kommunisten sitzen dabei,
John Schehr und Genossen.

Der Transportführer sagt: „Kein Mensch zu sehn.“
John Schehr fragt: „Warum bleiben wir stehn?“
Der Führer flüstert: „Die Sache geht glatt!“
Nun wissen sie, was es geschlagen hat,
John Schehr und Genossen.

Sie sehn, wie die ihre Pistolen ziehn.
John Schehr fragt: „Nicht wahr, jetzt müssen wir fliehn?“
Die Kerle lachen. „Na, wird es bald?
Runter vom Wagen und rein in den Wald,
John Schehr und Genossen!“

John Schehr sagt: „So habt ihr es immer gemacht!
So habt ihr Karl Liebknecht umgebracht!“
Der Führer brüllt: „Schmeißt die Bande raus!“
Und schweigend steigen die viere aus,
John Schehr und Genossen.

Sie schleppen sie in den dunklen Wald.
Und zwölfmal knallt es und widerhallt.
Da liegen sie mit erloschenem Blick,
jeder drei Nahschüsse im Genick,
John Schehr und Genossen.

Der Wagen saust nach Berlin zurück.
Das Schauhaus quittiert: „Geliefert vier Stück.“
Der Transportführer schreibt ins Lieferbuch:
„Vier Kommunistenführer, beim Fluchtversuch,
John Schehr und Genossen.“

Dann begibt er sich in den Marmorsaal,
zum General, der den Mord befahl.
Er stellt ihn, mitten im brausenden Ball.
„Zu Befehl, Exzellenz! Erledigt der Fall
John Schehr und Genossen.“

Erledigt der Fall? Bis zu einem Tag!
Da kracht seine Türe vom Kolbenschlag.
Er springt aus dem Bett. „Was wollt ihr von mir?“
„Kommt mit, Exzellenz, die Abrechnung für
John Schehr und Genossen.“

Erich Weinert, Es kommt der Tag.
Gedichte, Moskau/Leningrad 1934, S. 20

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.



Spenden für DKP
Unsere Zeit